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Charles d' Ambrosio

Ihr wirklicher Name

(btb)

Bei einem guten Buch wie diesem kommt man nie ganz dahinter, warum es so gut ist. Phrasen von der "unverwechselbaren Stimme des großen Erzählers", wie sie der Klappentext bemüht, helfen da nicht weiter. Über den Autor erfahren wir nur, daß er 1960 geboren ist - ganz so neu ist die Stimme also auch nicht mehr - und in Seattle lebt. Im Nordwesten der USA spielen auch die sechs Stories, die unter dem Titel 'Ihr wirklicher Name' bei btb erschienen sind.

Erzählt wird von Menschen zwischen Meer und Schnee, die unter der sogenannten 'Schwere des Seins' leiden, zugleich aber "spüren, wie die Ewigkeit auf einen herabblickt". Die große Welt ist immer da, im Hintergrund. Vor Augen die kleinen Dinge des tätlichen Lebens, ein Weingummi, eine gebackene Kartoffel, die - so glasklar wie d'Ambrosio betrachtet - eine neue Dimension gewinnen. Alles eine Frage der Perspektive und d'Ambrosio entdeckt aus seiner Persprektive im Unbedeutenden etwas, das eine neue Leichtigkeit mit sich bringt.

Seine Sprache ist einfach, schnörkellos, elegant. Er schreibt treffsicher. Vielleicht hat er, wie Potter, die Figur aus der letzten Geschichte, vom Wind gelernt, der Brandung im Gras, den Vogelschwärmen oder dem fallenden Schnee zugehört und gewartet bis die Worte kamen. Es gibt zahllose niegelnagelneue Ausdrücke, die ins Schwarze treffen, die noch nie jemand so gesagt hat und die zugleich flockenleicht und selbstverständlich klingen. Was man immer schon wußte, aber nicht hat benennen können spricht er aus.

In der ersten Geschichte, einem Roadmovie, liegen das Schöne und das Grauenhafte nebeneinander wie Blatt und Blüte. Auch Groteskes wird erzählt, Schräges, aber eben so normal, so ungekünstelt und kunstvoll, daß es sich jedem Etikett, auch diesem, entzieht. Es sind Momentaufnahmen, die unbemerkt alle Sinne ansprechen. Vor allem Licht in allen Nuanchen, der Mond etwa, ist allgegenwärtig. In jeder Geschichte überrascht ein neuer Mensch, nicht als simple Variation des Autoren-Ich erkennbar, sondern lebendig, voll da, so daß "die Phantasie des Lesers geradewegs aus ihrer Schachtel springt".

Die Erinnerung an einen ersten Kuß, "das Stillste, was man sich vorstellen konnte", beschreibt d'Ambrosio als "ein Beben der Leine, ein Zucken in seiner Hand, eine Erinnerung an eine Begegnung mit einem Nichts - so gut wie ein Nichts -, das zuschlug und verschwand, in einem einzigen, verschmolzenen Augenblick, und er spielte sich diesen Augenblick immer wieder vor, schloß die Augen und hörte ihm zu, als wäre er Musik." Das Buch spricht für sich selbst, man sollte es einfach lesen.

(at)

Cover D'Ambrosio