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Dieter Bohlen

Nichts Als Die Wahrheit

(Heyne)

 
 

Besser spät als nie... Dafür jedoch, hier und jetzt, die ultimative Lobhudelei über eines der lustigsten Bücher der letzten Jahre.

Wenn wirklich alles der Wahrheit entspricht, was Herr Bohlen in Kooperation mit der Bild-Klatschkolumnistin Katja Kessler niedergeschrieben hat, dann ist es im Rückspiegel betrachtet ein durchaus bewegtes und aufregendes wie amüsantes Leben, das der Modern Talking-Mann führt beziehungsweise bis zur Fertigstellung des Buches geführt hat. "Nichts Als Die Wahrheit" erklärt dann auch, warum er ist wie er ist.

Im Ernst: Ich mag Dieter Bohlen. Er sagt, was er denkt - ganz egal wie das bei seinem Gegenüber rüberkommen mag. Dabei riskiert er häufig, dass ein Denkprozess noch nicht beendet ist, bevor Worte seinen Mund verlassen. Aber was soll's? Das macht ihn sympathisch. Wer will schon jemanden toll finden oder wer kann schon jemanden ertragen, der jedes Wort auf die Goldwaage legt, sich ständig gewählt ausdrückt und jeden noch so unbedeutenden Satz mehrmals überdenkt bevor er (wenn überhaupt) ausgesprochen wird. Bohlen ist halt Bohlen.

Dass er immer wieder prekäre Details aus seinem schier unerschöpflichen Schatz an Lebenserfahrungen zu Tage fördert, die eigentlich nicht in die Öffentlichkeit gehören, weil sie nicht alle beteiligten Akteure in einem guten Licht erscheinen lassen, stört ihn nicht weiter. Mit dem Risiko, in ein Fettnäppchen zu tappen oder gar verklagt zu werden, muss und kann er leben. Seine Naddel drohte ihm schon ob der vielen Enthüllungen über ihren Lebenswandel Revanche an. Und der Visagist, der sich in den Augen Bohlens an Naddels Haaren verging, ließ per Gerichtsbeschluss eben jene Passage aus dem Buch eliminieren - zumindest in der 2. Auflage. Wer die Erstausgabe sein eigen nennen darf, der hat zwar keine Rarität im Bücherschrank stehen (die Erstauflage von 100.000 war am Erscheinungstag schon vergriffen), aber ein Bohlen-Buch, das um eine Attraktion reicher ist.

Was "Nichts Als Die Wahrheit" zu einem besonderen Buch macht - außer dass es Dieter Bohlen fast schrieb - hat mehrere Gründe. Auch wenn man ihn nicht besonders ausstehen kann, es ist ein überaus kurzweiliges Leseerlebnis, einen Blick hinter die Kulisse des Pop-Millionärs, Produzenten und Großmauls zu werfen. Man erfährt eine Flut an interessanten Details, die hier aufzulisten, Seiten füllen würde. Wie sich Bohlen an seinem besten Stück verletzte, was allein bei der Vorstellung schon höllische Schmerzen hervorruft. Wie Naddel nichts unversucht ließ, ihre Liebe zum Alkohol zu vertuschen und an verschiedenen Stellen im Hause Bohlen Flaschen von der Tankstelle deponierte.

Schonungslos stellt Bohlen sein Umfeld und auch sich dem voyeuristischen Leser zur Schau. Zum Beispiel wie er Jürgen Harksen dem "Felix Krull von Hamburg" (O-Ton Bohlen), drei Millionen Mark anvertraut hatte, im Glauben, einen satten Gewinn einzufahren. Doch Harksen war ein gewiefter Betrüger, der mit allen Mitteln und Tricks arbeitete. Erst das Vertrauen erobern, dann die Geldbörse. Ein Bohlen ist eben doch nicht unfehlbar. Aus dem Fehler gelernt hat er natürlich auch nicht. Denn Ron Sommer war der nächste, der ihm viel Geld abluchsen konnte, von dem er kaum noch mal etwas zu sehen bekam. Lustig sind auch die Seitenhiebe gegen Personen des popmusikalischen Lebens.

Das alles und noch viel mehr steht in diesem Buch. Es dauert sicherlich länger als nur ein Flug lang vom Süden in den Norden Deutschlands, "Nichts Als Die Wahrheit" zu lesen. Und es ist auch nicht so, wie es der Kritiker Hellmuth Karasek sagte: "Wer Bohlen liest, wird auf eine einsame Insel verbannt und muss das Buch mitnehmen. Das würde ja der Todesstrafe gleichkommen". Bohlen ist auch keine "missratene Wiedergeburt des Barons Münchhausen", kein "Hirnfreak" oder "psychisch Erkrankter, der mit seinem Leben nicht fertig wird und schon gar nicht mit Frauen, die ihn verlassen haben und vielleicht sogar erfolgreicher und beliebter sind als er" (alles O-Töne aus dem Munde von Frau Feldbusch). Bohlen ist und bleibt wie er ist. Das können die wenigsten akzeptieren oder verstehen - schon gar nicht die Neider und Gekränkten.

(kfb)

 



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