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Dieter Bohlen

Hinter den Kulissen

(Random House Entertainment)

 
 

Na, das wollen doch alle: hinter die Kulissen schauen. Und – soviel ist klar: hier wird hinter die Kulissen geschaut. Lauter Geschichten aus dem Showbiz, von Schönen und Reichen. Von Sternchen und Ludern, von Schlagerstars und Hollywood-Diven, von Musikproduzenten und Wirtschaftsbossen... Ach, es ist eine Fundgrube für Klatsch-Fans. So, wie man´s erwarten durfte.

Das Wichtigste wissen wir eh schon: Thomas Anders ist böse, Hartmut Engler nervig, die Superstars intrigant. Und wenn nicht, hätten wir´s uns eh gedacht. Oder glauben´s auch jetzt nicht. Die wirklich interessanten Sachen behält Bohlen vermutlich eh für sich. Dabei wär das tatsächlich mal spannend: ein echter Blick ins Musikbusiness. Aber was er dazu zu sagen hatte, steht im ersten Buch. Und die Leier vom armen Bohlen, von dem erst niemand was wissen wollte, der´s dann aber allen zeigten, die kennen wir nun. Beleidigt registriert er noch immer, wenn Menschen wagen, seine Platten nicht im Radio zu spielen. So wie DSDS-Kollege Thomas Bug. Toleranz gehört nicht zu Bohlens Stärken.

Die Wahrheit auch nicht wirklich, ahnt man. Prinzessin Stephanie und Mariah Carey wollten „was“ von ihm, nur leider war er zu spät. Und – Chance verpasst. Bestimmt.

Nein, das ist mal wieder ein Ego-Rausch erster Güte. Schön, Bohlen klagen zu hören, er habe nie eine Sekretärin gehabt. Oder dass er als Freischaffender nichts verdiene, wenn er krank sei. Intelligenz ist auch nicht seine Stärke, sonst würde er nicht darüber lästern, dass Telekom-Chef Jürgen Kindervater beim Meeting mit ihm nur ein Mittelklasse-Hotelzimmer und Kaffee aus der Thermoskanne auffuhr. Für einen Mann mit einem Werbeetat von „zwei Millarden Euro“ ein Armutszeugnis, findet der verwöhnte Bohlen. Clever, denkt der Leser, denn das Geld kann man dann für andere Sachen nehmen.

Hab ich gesagt, Bohlen sei keine Intelligenzbestie? Ach nein, schließlich hat er gleich gerochen, dass Falco ein bisschen dick aufgetragen hat, als er mal zu Bohlen sagte, auf seinem neuen Album seien nur Hits drauf. „Wenn ein Sänger nämlich behauptet: ´Ich habe zwölf Single-Hits auf meinem Album´, dann ist immer was oberfaul.“ Ach nee

Schön auch die neidgetränkte Passage über Stefan Raab, über den sich nur ausplaudern lässt, dass er in Wirklichkeit sehr „lieb“ und „aufmerksam“ ist. Und dass er sein Privatleben so gut unter Verschluss hält, dass nicht mal enge Freunde wissen, wo er urlaubt. Und Bohlen auch nicht.

Also, alle Register gezogen. Oder zumindest die, die noch verfügbar waren. Das sind: lauwarme Bohlen-Stories, die für´s erste Buch nicht gut genug waren. Und die Schreibe von Frau Kessler, die entweder aus der Übung ist oder es völlig verlernt hat. ...über die Geburt ihres Kindes. Denn sprachlich ist „Hinter den Kulissen“ ein Armutszeugnis: ohne jeden Pep, ohne Witz und ohne die faszinierende Bohlen-Spreche des ersten Bands. Es ist durchtränkt von Baby-Ausdrücken wie gulli gulli, wulli wulli und schmaudi daudi. Wenn sich Bohlen darüber lustig macht, mit welch affigen Kosewörtern sich eine Fernsehkollegin mit ihrem Mann anredet, sollte er vielleicht mal sein eigenes Buch lesen. Und wenn man all´ die Baby-Ausdrücke abzieht, ist das Buch auch gleich nur noch zwei Drittel so lang. Also, wenn ich Katja Kessler wäre, würde ich nicht allzu laut sagen, dass ich da meine Finger mit drin hab.

Ja, und ordentlich Korrektur lesen hätte man das Buch auch mal können. Das Kapitel über Stephanie von Monaco hat in der Überschrift das Jahr 1985. Der erste Satz lautet dann so: „Ich begegnete Stéphanie von Monaco das erste Mal im Frühjahr 1986.“ Oder das Kapitel „Haffa, Sommer und Schmidt“. Schmidt? Im Inhaltsverzeichnis steht „Schmid“. Und im Kapitel selbst wechselt es sich lustig ab: Schmid, Schmidt, Schmid, Schmidt... DA würde ich mal klagen! Jede Werbung ist gute Werbung, solange der Name richtig geschrieben ist. Der von Gerhard Schmid, Ex-Mobilcom-Chef übrigens.

Schade also. Bohlen steht immer noch als komplexgeplagter Musikmillionär da, dem leider jeder Funken Souveränität fehlt. Und dass Dieter Thomas Hecks Autobiographie ein Ladenhüter war, stimmt nicht. Meine Großtante hat allein drei Exemplare davon gekauft. Und eins hab ich gekriegt.

(bg)

 

Cover: Hinter den Kulissen

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