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Douglas Coupland

Life After God

(Aufbau)

 
 

Wir alle sind viel zu sehr verdammte Mittelklasse, als daß wir je verloren sein könnten. Verloren sein bedeutet, daß du anfangs einen Glauben oder so was gehabt hast, und die Mittelklasse hatte nie was in der Art.

In seinem Erstlingswerk beschrieb Coupland die Sorgen und Nöte der Twentysomethings in einer Gesellschaft, die ihren materiellen wie kulturellen Zenit überschritten hat.Life After God setzt da ein, wo Generation X endet: bei der Sinnsuche der jungen Erwachsenen, die in der entmystifizierten Welt ihrer Eltern aufgewachsen sind, in der Wohlstand und Technikgläubigkeit die Religion überflüssig gemacht haben: "Wir führten ein paradiesisches Leben, und somit war jegliche Diskussion über transzendentale Ideen hinfällig. Wir nahmen an, daß Politik irgendwo in einem fernsehübertragenen Nicht-Paradies existierte; der Tod war so etwas wie Recycling."

Doch so alt wie der Mensch ist auch die Frage nach den letzten Dingen und hier fühlt Coupland den Fluch seiner unbeschwerten Kindheit und sagt: "Ich glaube, irgendwo auf der Strecke sind wir übers Ohr gehauen worden. Ich denke, der Preis, den wir für dieses goldene Leben zu zahlen hatten, war die Unfähigkeit, voll und ganz an die Liebe zu glauben." Und er fragt sich, ob daß "der Preis ist, den wir dafür zahlten, daß wir Gott verloren."

Eben dieses Leben nach Gott ist der Gegenstand seines dritten Buchs. Es ist jedoch mehr als Reflexionen und Reminszenzen, in denen Coupland seine Generation portraitiert, es ist eine Art literarischer Wiederbelebungsversuch des Geistes. Doch so neu und originell ist dieser Einfall ja nicht, zumal in Nordamerika, wo Erbauungsschriften seit fast zweihundert Jahren ein festes Marktsegment im Buchhandel bilden. Entsprechend wirkt Life After God wie eine Art Book of Mormonfür die saturierte Mittelklasse. Auch inhaltlich ist Coupland der Kultur Nordamerikas verbunden, in dem er sich den Ideen der Transzendentalisten wie Ralph Waldo Emerson undHenry David Thoreau zuwendet und uns über das Erleben der Natur versucht, Gott näher zu bringen. Das zieht der Ich-Erzähler auch in einer symbolschwangeren Tour de Force durch, indem er zum Schluß in die Natur eindringt, wie in den Mutterschoß: "Das Unterholz war üppig und feucht. Krause Dentriten blaßgrünen Old-Man´s-Beart-Mooses strichen mir über die Wangen. Ich spazierte tiefer und tiefer hinein in diesen Organismus. . ." Das ist zwar originell, aber nicht neu, zumindest nicht, wenn man "Der lange Traum" von der ebenfalls aus Kanada stammenden Margaret Atwood kennt. Coupland ist im eigentlichen Sinn kein pessimistischer Autor, er ist zwar paranoid aber dennoch von einer stillen Hoffnung beseelt, deshalb endet Life After God auch mit einer Taufe in der Natur, die ihm den Weg gewiesen hat.

Der Verlauf der Handlung ist genaugenommen also prognostizierbar, doch das macht ja aus Life After God noch lange kein schlechtes Buch. Was Coupland jedoch massive Abzüge in der B-Note einbringt, ist vielmehr die Tatsache, daß einfach zu viel in Life After God verarbeitet wurde, was andere bereits lange vor ihm geschrieben haben. Coupland kolportiert Thoreau, Emerson, St. Exupéry, Atwood und vor allem Coupland. Und das sind die besseren Stellen, in denen er sich auf das besinnt, was seine Stärke ist und ihm eine weltweite Leserschaft eingebracht hat: Beobachten und stilsicheres, treffendes Beschreiben seiner Generation. Andersherum argumentiert heißt das aber auch, daß es Coupland mit eben dieser Art zu schreiben gelingt, seiner Recycling-Generation die über 100 Jahre alten Einsichten der Transzendentalisten näher zu bringen, die es auch heute noch Wert sind einmal durchdacht zu werden - nicht nur von John Cage oder einer Hand voll Amerikanisten. Daß ein solches Werk natürlich leicht ins Schwafelige abgleiten kann und den Unterhaltungswert gegen minus-unendlich streben läßt, hat Coupland wohl auch vorausgesehen und sich umso mehr Mühe mit der Gestaltung seines Buchs gegeben und 169 Federzeichnungen angefertigt. Life After God ist zwar nicht sein bestes, dafür aber sein schönstes Buch geworden.

(th)

Mehr dazu in Life After God in Manhattan

Douglas Coupland
Life After God
Aufbau-Verlag 39,90 DM
ISBN 3-351-02335-9