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Life after LIFE AFTER GOD

Wochenlang lief im amerikanischen MTV die Hype-Maschinerie auf vollen Touren und promotete Douglas Couplands Neuerscheinung wo es nur ging: Spoken-Word-Spots wurden gesendet, in denen Coupland kurze Episoden aus Life After God vorlas, Audio Books mit Erzählungen aus Life After God und einer unveröffentlichten Geschichte kamen in den Handel und eine Lesetour durch zwölf Städte der USA mit diversen TV-Auftritten rundete das Programm ab, das offensichtlich seinen Zweck erfüllte: Der solvente weiße Mittelstand zwischen 18 und 35 fieberte der Veröffentlichung entgegen. Einige Fans trieb das zu wahrlich entwürdigenden Handlungen:

"Ich war der erste in Seattle, der eine Ausgabe von 'Life After God' in die Hände bekam, weil ich die netten Leute vom University Bookstore so lange nervte, bis ich das erste Exemplar aus der ersten Kiste kriegte, die sie öffneten (wie sie mir versicherten). Ich war so aufgedreht, daß mich meine Freunde wieder runterholen mußten."

Was ich mitbekam, als ich im Sommer letzten Jahres in die Staaten flog, waren sogesehen nur noch die Nachwehen dieser Geburt. Dennoch gelang es mir dort, im Barnes und Noble Bookstore in New York an der 82. Ecke Broadway, wo Coupland während seiner Lesereise eingeschneit worden war, eine Erstausgabe von Life After God zu ergattern. "Cool," dachte ich mir, "du bist in den Staaten, noch dazu in Manhattan und hältst ein neues Buch von Douglas Coupland in den Händen; war das ein kosmischer Zufall oder Fügung?" Wie dem auch sei - jedenfalls hielt ich es in der Hand; ein schönes, kleines, schwarzes Buch mit Federzeichnungen des Meisters auf jeder zweiten Seite, das in Format und Einband (ohne Cover) einem Gebetbuch glich. Muß ich erwähnen, daß ich darauf geierte, sofort mit dem Lesen anzufangen? Doch ein solches Buch verlangt einen angemessenen Rahmen. Also stopfte ich es in meinen Daypack und machte mich auf den Weg.

Ich schlenderte 70 Blocks Richtung Süden und suchte mir ein Café in Greenwich Village, das eine ansprechende, leicht verwarzte und nicht penetrant touristische Atmosphäre bot und berechtigte Hoffnung auf brauchbaren Kaffee (eine Rarität in den USA) und Schmalzkringel aufkommen ließ.

Die erste Tasse Kaffee, der erste Satz, die erste Enttäuschung: "Ich fuhr dich gerade hoch nach Prince George zu deinem Großvater, dem saufenden Golfspieler." Kein so großer Wurf, wie die ersten Sätze der ersten beiden Bücher - aber man kann damit leben: er läßt Spielraum nach oben und nach unten. Ich durfte also gespannt sein und tauchte ein in die Welt von Douglas Coupland: Mit "Little Creatures," Kleine Geschöpfe, ist das erste Kapitel überschrieben (womöglich freut sich David Byrne darüber), in dem der Ich-Erzähler während einer Autofahrt mit seinem Kind darüber sinniert, was eigentlich das Menschsein ausmacht. Harter Stoff. Und das Ergebnis ist nicht minder hart: "Als einzige Tätigkeiten, die Menschen tun und zu denen es nichts Gleichwertiges bei Tieren gibt, fielen mir ein: Rauchen, Bodybuilding und Schreiben. Das ist nicht gerade viel, wenn man bedenkt, wie einzigartig wir uns anscheinend vorkommen."

Zwei Stunden später verließ ich den Laden Richtung Hotel. Der Himmel war rosig und die untergehende Sonne warf ihr letztes Licht in die Hochhausschluchten. Ich hatte etwa die Hälfte gelesen und der abrupte Wechsel zwischen dem Licht aus den Querstraßen und der Dunkelheit im Schatten der Wolkenkratzer auf meinem Weg die 5.th Avenue hinauf beschrieb die Wirkung, die Life After God bei mir hinterlassen hatte.

Einerseits waren Couplands Beobachtungen und Deutungen treffsicher und scharfsinnig, andererseits aber auch so platt, wie man ihn dafür hauen sollte, erwachsenen Menschen Weisheiten vorzusetzen wie "daß es immer noch etwas gibt, an das man glauben kann, nachdem es nichts mehr gibt, an das man glauben kann."

Und das ist auch das Thema von Life After God: das Leben, nachdem Gott dank des vorhandenen Wohlstands überflüssig geworden ist und die Suche einer Generation nach einem Gott, die in dieser materiellen, entmystifizierten Glückseligkeit aufgewachsen ist.

In meinem Hotel angekommen duschte ich erstmal und warf mich auf´s Bett, um weiter zu lesen. Vor mir lag InThe Desert, ein Kapitel, dessen Widmung 'for Michael Stipe' nichts Gutes verhieß. Doch wider Erwarten schwang sich Coupland zu der Form auf, die den Rummel um seine Person rechtfertigt.

Mein letzter Blick in dieser Nacht galt der Mauer des abbruchreifen Hauses nebenan, die drei Meter vor meinem Fenster mit ihren verwitterten roten Klinkern meinen Horizont absteckte und es mir unmöglich machte, den Himmel zu sehen. So ähnlich muß wohl auch Couplands Perspektive gewesen sein, als er Life After God schrieb.

(thomas hau/Hinter-Net! 8/95)