Buchkritik Zur Startseite

 

Faye Kellerman

Die Schwingen des Todes

(Bertelsmann)

 
 

Blutige Bande

Rina Lazarus hat keine guten Nachrichten für ihren Mann, Lieutenant Peter Decker vom L.A. Police Department: In der Familie seines Halbbruders Rabbi Jonathan Levin ist etwas Schreckliches geschehen. Die Leiche von Ephraim, dem Schwager des Rabbis, wurde in einer blutigen Lache neben dem Bett eines schäbigen Hotelzimmers in Manhattan gefunden – vollkommen nackt. Seine fünfzehnjährige Nichte, die mit ihm auf dem Zimmer gewesen sein soll, ist spurlos verschwunden. Decker soll nach New York fliegen und privat ermitteln, bittet die chassidische Verwandschaft, aber behutsam, mit Samthandschuhen. Schalom bajit, der häusliche Frieden, ist in Gefahr.

Decker setzt sich mit Rina und seiner kleinen Tochter Hannah ins Flugzeug und erlebt eine Überraschung: Er wird alles andere als freudig erwartet. Für Chaim und Minda Lieber, die Eltern des verschwundenen Mädchens, ist er ein Ungläubiger, dem man nicht trauen kann, der keine Spur hat und nur die Trauer stört. Irgendetwas stimmt nicht, spürt Decker. Seine Ermittlungen sind schwieriger als sonst. „Wir sind beide frum jiddim, die versuchen, die Welt für einen Haufen Schwarzhüte zu retten, die uns für gojim halten“, sagt Hershfield, der reiche Anwalt der Familie Lieber. Dazu kommt: Es geht um ein Tabuthema, Sex, möglicherweise noch zwischen Onkel und Nichte. „Halacha-technisch kommt es dem Inzest gleich“, erklärt Hershfield.

Ist die Nichte Zeuge des Mordes gewesen? Oder ist sie aus Angst geflohen, fragt sich Decker, ein gefallenes Kind, das nicht mehr zurück kann in die strenggläubige Gemeinschaft, die einem heranwachsenden Mädchen nicht erlaubt, sich mit einem Mann allein in einem Raum aufzuhalten – außer ihrem Vater? In der geschlossenen Welt der frommen Gemeinde eröffnen sich immer neue Abgründe. Peter Decker fühlt: Er muss sich beeilen, wenn er das Mädchen noch lebend finden will – und der Weg führt nur über die Chassidim.

Peter Decker ist diesmal die Hauptfigur des Romans, müde geworden von der Schreibtischarbeit, auf der Suche nach einem großen Fall, an dem sich beweisen kann. Sensibel und aufbrausend hadert er mit ruchlosen Ver-brechern genauso wie mit der sturen Verwandschaft, deren Mund versiegelt ist, stets von dem Ziel getrieben: Ordnung zu schaffen in einer zerfallenden Welt. Dabei gerät Decker in ein Labyrinth aus verhängnisvollen Lügen, selbstsüchtigem Betrug, Einschüchterungen, Drogenrausch und sexuellen Abhängigkeiten – und bringt dabei sogar die besonnene Rina in die Schußlinie, sich und seine Familie in Gefahr.

Faye Kellerman schickt ihre Krimihelden in das trauma-tisierte New York nach dem 11. September, eine verwun-dete Stadt im März, eisig, grau und kahl. Über ihr hängen dunkle Regenwolken – ein Schlupfloch für Millionen, denkt Decker. Wie soll er hier jemals eine Fünfzehn-jährige finden? Die graffitiübersähten Fabrikgebäude und Backstein-Mietskasernen neben dem Highway in Queens wirken heruntergekommen, genauso Flatbush und das Viertel hinter der Brücke von Manhattan nach Williams-burg, der Straßenstrich für chassidische Juden.

„Wenn man nicht einer von ihnen ist, zählt man nicht“, erklären Peter Decker jüdische Detektive-Kollegen von der New Yorker Polizei. „Für sie ist es in Ordnung, das Gesetz zu umgehen, denn alles, was sich außerhalb ihrer eigenen Gesetze abspielt, gilt für sie nicht.“ Detektive Nowack macht aus seinem Urteil kein Hehl: „Kaum zu glauben, dass das meine eigenen Leute sein sollen“, sagt er. „Mein Großvater hat alles dafür gegeben, hier her kommen zu können, und diese Schwarzröcke sind zu blind, um zu erkennen, was wahre Freiheit ist.“

Manchen Lesern ist das zu kritisch, jüdischen Selbsthaß werfen Faye Kellerman einige sogar vor. Dabei ist gerade der Konflikt zwischen modernen Orthodoxen und chassi-dischen Juden ein spannender Stoff, der den Krimi berei-chert. „Die modernen Orthodoxen mögen uns nicht. Die halten uns alle für Faulenzer und Schmarotzer und Tau-genichtse. Aber das stimmt nicht“, erklärt ein Chassid Petre Decker. „Manche Menschen sind ausgebildete Ärzte, andere Anwälte und die meisten Haredi Gelehrte. Das ist es, was wir für wichtig halten – das Studium der Thora. Alles andere ist unwichtig. Das ist der Weg, wie Sie Ihren schar mizwa, Ihren Platz im Himmel, erlan-gen.“ Decker antwortet ihm: „Meinen Platz im Himmel – falls er existiert – erlange ich dadurch, dass ich selbst gute Taten vollbringe. Ich bin dafür nicht auf andere angewiesen.“

Dialoge wie diese machen Kellermans Romane über die Krimihandlung hinaus lesenswert, weil sie vielschichtiges Bild von jüdischem Alltag in Amerika zeichnet. Die Best- sellerautorin sieht ihre literarischen Vorbilder in Stephen King, Hugo, Dumas, den Bronte-Schwestern und in ihrem Mann, dem Bestsellerautor Jonathan Kellerman. Sie hat theoretische Mathematik und Zahnmedizin studiert, ist Mutter von vier Kindern und lebt in Los Angeles. Das New York ihres neuen Krimis schildert sie als ein rätselhaftes Mosaik.

„Die Schwingen des Todes“ liest sich wie ein poetischer Reiseführer der amerikanischen Metropole. Die Schau-plätze sind quer über die Stadt verteilt. Er spielt in düste-ren Industriegeländen von New Jersey, im idyllischen Riverside-Park, im trendigen East Village, in Harlem, der schleichend verfallenden Shona-Bailey-Area, dem frühe-ren Lieblingsviertel der Internetmillionäre, an der elegan-ten Upper East Side, auf der Rina ihren Kaufrausch sättigt, und im orthodoxen Brooklyn, in Borough Park.

In Quinton lebt Deckers chassidische Verwandschaft. Gruppen bärtiger Männer eilen mit schwarzen Anzügen aus dickem Wollstoff, weißen Hemden, schwarzen Hüten und wehenden Schläfenlocken die Bürgersteige entlang, Frauen in dicken Mänteln mit Kopftuch oder scheitl schieben Kinderwagen vor sich her, umringt von einer Schar älterer Kinder. Die Einkaufsmeile besteht aus kosheren Bäckereien, Fleischereien, Gemüseläden, Cafés, Restaurants, Goldschmiede- und Buchhandlungen. Decker beschleicht dasGefühl, dass die Gemeinde noch religiöser geworden ist als vor zehn Jahren.

Quinton ist eine teure, ländlich anmutende Vorstadt mit zweigeschossigen Backsteinhäusern auf großzügigen Grundstücken mit Geländewagen und Mercedes-Limou-sinen in der Auffahrt, mit geschwungenen Alleen, hohen Bäumen und altmodischen Straßenlaternen – ganz anders als Manhattan. Doch die Idylle trügt: Decker staunt nicht schlecht, als der New Yorker Detektive Nowack ihm zeigt, wo auch hier Drogen verschoben werden – und wie Süchtige kosher Kokain konsumieren: mit einer Spritze, durch Dämpfe inhalierend oder mit einem Strohhalm durch die Nase, keinesfalls oral.

„New York ist ein Moloch. Wenn Sie nicht von hier sind, haben Sie keine Chance“, versichert Anwalt Hershfield Peter Decker. Auch Nowack macht aus seinen Vorurtei-len gegen den kalifornischen Cop kein Hehl: „Ihr seid da alle zu braun gebrannt und zu schlank für meinen Ge-schmack. Und viel zu passiv.“ Entspannt, antwortet Decker, entspannt nenne man das in L.A. Der New Yorker winkt ab: „Das ist nur eine Umschreibung für apathisch – und wenn die New Yorker eins nicht sind, dann apathisch. Nicht Ihre Schuld, Decker. Es liegt an der Sonne im Westen. Sie kocht einem das Hirn weich.“

New York zeichnet Kellerman so, wie sich die Stadt selbst gern sieht: gefährlich für jeden, der neu ankommt, fordernd, aber alles bietend. Der Eifer, alles zu erreichen, ist hier größer als irgendwo, schlägt schneller in Gier um, bei Ohnmacht in Aggression. Die Grenzen sind fließend. In „Schwingen des Todes“ ist Big Apple eine korrupte, zerrissene Metropole voller Skepsis. Nach der Rezession und dem Einsturz des World Trade Centers blüht in Manhattan das Geschäft mit Prostitution und Porno-graphie wie noch nie. „Der 11. September hat mehr als nur einen New Yorker in die Mitlifecrisis gestürzt. Alle Männer, die gesehen haben, wie diese Hurensöhne in die Türme krachten, und dachten, jetzt sei alles aus. Aber sie haben überlebt…und seither ist ihr Hunger auf Sex besonders groß“, erfährt Decker von einem alten Gegenspieler, Chris Donatti, eine schillernden Figur aus dem Kellerman-Krimi „Doch jeder tötet, was er liebt“.

Vor Jahren hatte Decker die kriminelle Karriere des jungen, blendend aussehenden Psychopathen beendet. Doch Donatti ist längst wieder im Geschäft, ein gefürch-teter Boss in Manhattan. Er allein könnte Decker als Insider weiterhelfen – ein gefährliches Spiel. Denn Donatti hat nicht nur dubiose Kontakte zur Mafia, sondern noch eine alte Rechnung offen - und ein Auge auf Deckers Frau Rina geworfen. Peter Decker kann plötzlich niemandem mehr trauen.

Faye Kellerman konstruiert einen komplexen Plot um Rache, Liebe und Gier. „Die Schwingen des Todes“ ist ein temporeich erzählter Ausflug in eine fremde, faszinierende Welt, spannend, lehrreich, in einer Nacht zu schaffen – und hoffentlich nicht der letzte Krimi seiner Reihe. Wie die berühmten Rabbi-Small-Krimis von Harry Kemelman gewährt Faye Kellerman intensive Einblicke in die Sprache, die Rituale, die Denk- und Lebensweise einer jüdisch-amerikanischen Kultur. Dieser Roman lebt - wie „Der einzige Zeuge“ - vom Gegensatz der rigiden Gesetze der traditionellen, hermetischen Gemeinde der Chassidim und den Lastern der modernen Welt.

Krimis und Religion sind für Kellerman kein Wider-spruch: „Es gibt nichts, was so fesselnd ist wie ein Mord. Es spricht die Tiefen der menschlichen Seele an, ähnlich wie es die Religion tut“, sagt sie. „Ich arbeite gern mit dem Kontrast zwischen Sakralem und Profanem. Das eine beschäftigt sich mit dem Körper, das andere mit der Seele, den beiden treibendsten Kräften in uns.“

(Viola Keeve)


Zum Hinternet-Weblog Zum Kalender Galerie zum Archiv Impressum