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Alfred Komarek

Blumen für Polt

(Haymon)

 
 

Burgheim und Brunndorf liegen im Abseits. In Niederösterreich, schlimmer noch: dicht an der tschechischen Grenze. Gut genug für arrogante Wiener Wochenendhäusler, die Luft und Landschaft genießen und die Dorfgemeinschaft ignorieren. Die Dörfler wiederum machen sich nichts vor. Grimmige Weinbauern, verstörte Schulkinder, rüstige Witwen - stoisch gehen sie ihrem Tagewerk nach, auch wenn ihre archaische Welt bröckelt. Dass ständig Fahrräder geklaut werden und an den absonderlichsten Orten wieder auftauchen, ist noch das Geringste. Nein, Skinheads und Schlepperbanden machen der Idylle viel mehr zu schaffen. Dagegen wirken die zwei Toten eines Frühlingstages fast harmlos: ein waghalsiger Motorradfahrer und der Dorftrottel. Nur Simon Polt, der Gendarm, will nicht an die Unfall-Versionen glauben und forscht weiter.

Privat versorgt der sympathische Junggeselle einen gefräßigen Kater und hegt zarte Gefühle für die junge Dorflehrerin. Dienstlich entlockt er seinen Mitbürgern die nötigen Informationen am liebsten bei einem guten Tropfen, bevorzugt in deren Kellern. Denn unter den Häusern erstreckt sich ein Gewirr von Gängen und Räumen, so dicht wie das New Yorker Subway-Netz. Eine zweite Welt unter der ersten, wie auch hinter der geruhsamen Fassade des Landlebens nach und nach die unvermeidbaren (menschlichen) Abgründe zum Vorschein kommen. Faschistoides Gedankengut, von Einzelnen in die Tat umgesetzt, mag da noch ein Extrem sein. Aber die kleinen Diskriminierungen von Außenseitern gehören auch bei den Durchschnittsbürgern zum guten Ton. Und der nachlässige Umgang mit der Jugend wird in der Zukunft noch schlimme Folgen haben.

Am Ende, wenn Polt seine Fälle gelöst hat, ist kaum ein Bewohner frei von Schuld. Als Leser möchte man trotzdem wiederkommen. Die Chancen dafür stehen gut, denn "Blumen für Polt" ist bereits die Fortsetzung des Vorläufers "Polt muß weinen" (1998 mit dem Glauser-Preis ausgezeichnet). Der erfreulich menschelnde Polizist und die perfekt gestrickte Kriminalgeschichte sind allerdings "nur" Vehikel für Alfred Komareks poetische Landschaftsschilderungen, die wiederum "nur" die Szenerie für seine unerbittliche Milieustudie stellen.

Dass man die Lektüre zwar mit mulmigem Gefühl, aber nicht mit schalem Nachgeschmack beendet, liegt an der Sprachfähigkeit des Österreichers. Ruhig und unaufgeregt fließen die Sätze dahin. Mit der Einfachheit der Roman-Figuren, aber auch mit der Liebe, die diese sich selbst viel zu wenig gönnen. Leicht zu lesen, trotzdem von hoher Intensität!

(Katja Preissner)

 

Alfred Komarek: Blumen für Polt
Haymon, 190 Seiten, 29,80 Mark.