Comic und Zensur

Saubermänner räumen mit der Holzhammermethode auf

Wieder einmal muß man sich als Comicfreund den Vorwurf gefallen lassen, daß Comics unsere deutsche Jugend verderben. Der christlich-fundamentalistische Ein-Mann-Verein MUT (Menschen-Umwelt-Tiere) von Michael Brenner, auch bekannt durch seine Bemühungen die Jugendzeitschrift BRAVO vor die Schranken der Gerichte zu bringen, hat endlich ein offenes Ohr für seinen Kampf gegen die Dekadenz in unserer Gesellschaft gefunden. Dieses offene Ohr, in Gestalt des Oberstaatsanwaltes Hönninger von Meiningen, hat kurz vor Ostern dieses Jahres auf eindrückliche Weise demonstriert, daß es bereit ist, den Klagen des Möchtegernweltverbesserers Michael Brenner nicht nur andächtig zu lauschen, sondern auch Taten folgen zu lassen.

Pleiten, Pech und Pannen
Der erste Streich war die Durchsuchung der Räume des Sonneberger Verlagsauslieferung Packwahn und die Konfiszierung Comics unterschiedlichster Couleur am 25. Juli vergangenen Jahres. Der zweite Streich war eine bundesweite Aktion, in der über 1000 Buchhandlungen auf pornographische und gewaltverherrlichende Comic-Literatur durchsucht und ganze Warenlager von Comics beschlagnahmt wurden, obwohl die offizielle Order nur darin bestand, nachzusehen, ob angeblich pornographische und gewaltverherrlichende Comics der angezeigten Verlage so aufgestellt waren, daß sie für Jugendliche unter 18 Jahren nicht zugänglich gemacht werden. Anscheinend dachten sich die Polizeibeamten, wenn schon eine Überschreitung der Kompetenzen, dann richtig und nahmen auch Werke mit, die überhaupt nicht auf der Schwarzen Liste des Herrn Oberstaatsanwaltes standen, wie beispielsweise Erich Rauschenbachs Cartoon LAUTER EROGENE ZONEN, dessen Inhalt nicht das hält, was der Titel verspricht.

Eine neue Dimension der Peinlichkeit erhalten diese Pannen, wenn man bedenkt, daß der ersten Razzia der Comic SCHREI NACH LEBEN des jüdischen Autors Martin Gray wegen Verbreitung nationalsozialistischen Gedankenguts zum Opfer fiel. Genau dieser Comic wird in einem Projekt des Landes Thüringen an Schulen eingesetzt, um der Ausbreitung rechtsextremer Tendenzen entgegenzuwirken. Dasselbe Schicksal erlitt ein Poster von MAUS, der Geschichte eines Auschwitz-Überlebenden aus der Feder des Pulitzer-Preisträgers Art Spiegelman.
Einer der hauptbetroffenen Autoren der zweiten Beschlagnahmungsaktion ist Ralf König. Sein Comic KONDOM DES GRAUENS, das übrigens mit Starangebot verfilmt wurde und dieser Tage in die Kinos kommt, wurde auch einkassiert. Laut Oberstaatsanwalt Hönninger seien die Arbeiten von Ralph König pornographisch, wegen ihres sexuellen Inhaltes. Auf gut deutsch heißt das: homosexueller Inhalt ist gleichbedeutend mit Pornographie. Böswillige Menschen könnten hier eine Parallele zu der nicht allzu fernen deutschen Vergangenheit ziehen.

Anscheinend hat die Oberstaatsanwaltschaft die Recherchen im Vorfeld etwas vernachlässigt, denn keines der beschlagnahmten Werke war von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdene Schriften (BPS) indiziert bzw. auf eine jugendliche Leserschaft ausgerichtet. Ein Antrag auf Indizierung der Werke Ralf Königs beispielsweise wurde von dieser Instanz gerade abgelehnt, da nach einer Stellungnahme von Prof. Dr. phil. Dr. jur. Rüdiger Lautmann, dem Leiter des Institutes für empirische und angewandte Soziologie der Uni Bremen, die sexuell expliziten Geschichten des Ralf Königs "in Wirklichkeit hochmoralisch" sind und wer das nicht versteht, wird hier überhaupt nichts verstehen und die Lektüre abbrechen; so jemand kann also auch nicht moralisch verdorben werden. Aber das interessiert einen Michael Brenner, der gegen den Alpha-Comic-Verlag geklagt hatte, weil er extremste Frauenverachtung in deren Werken entdeckte, wenig; einem Meininger Oberstaatsanwaltes ging es ebenso.

Erstaunlich ist bei der ganzen Aktion, daß sich dieser Oberstaatsanwalt keine richterliche Beschlagnahmungserlaubnis besorgte, sondern statt dessen von 'Gefahr im Verzug' sprach. Damit entzog er sich auch der Notwendigkeit einen Richter von der geplanten Aktion in Kenntnis zu setzen. Dieses Vorgehen wird normalerweise eingesetzt, wenn Drogenhändler mit einer Wagenladung von Rauschgift erwischt werden. Bei Büchern, die schon seit Jahren auf dem Markt sind und sich bereits in hohen Auflagenzahlen verkauft haben, wirkt diese Argumentation etwas fragwürdig. Dazu kommt dann noch, daß die Polizeibeamten angewiesen wurden, sich nicht als solche erkennen zugeben. Es war zwar keine Nacht und Nebel Aktion, aber fraglos juristisch, milde formuliert, unsauber.

Eine Zensur findet nicht statt - oder doch?
Gerade der letztgenannte Vorwurf des Oberstaatsanwaltes macht deutlich, daß wieder einmal (pseudo-)christlicher Wertekonservatismus gegen die Freiheit der Kunst steht. Aber aufgrund der Erfahrung mit dem Tausendjährigen Reich haben sich die Väter des Grundgesetzes gegen eine Zensur entschieden (GG Art. 5: "Eine Zensur findet nicht statt." Abs. (3): "Kunst, Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei." Und das sollten die Leute, die sonst immer auf die Unfehlbarkeit des Gesetzes pochen, auch beachten. Allerdings gibt es auch noch die Einschränkung in Absatz 2 des gleichen Artikels, die da lautet: "Diese Rechte finden ihre Schranken in den (...) gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre."

Nun ist es prinzipiell wünschenswert und richtig, daß es die Bundesprüffstelle für jugendgefährdende Schriften gibt, die untersucht, ob Literatur oder auch Filme für Jugendliche und Kinder geeignet sind. Daß dies natürlich von den persönlichen Wertevorstellungen der Mitglieder dieser Institution abhängig ist, ist letztendlich nicht weiter tragisch, da man sich dort um eine Intersubjektivität bemüht, um der Freiheit der Kunst und dem Jugendschutz gleichzeitig gerecht zu werden.

Comics - Opium für die Kinderstube
Es ist auch nicht das erste Mal, daß die These geäußert wird, daß Comics Gewalt verherrlichen und zur Ausübung derselben auffordern. 23 Jahre nach der Bücherverbrenung der Nazis gab es die erste sog. Schmökergrab-Aktion in der Bundesrepublik, die eine Comic-Verbrennung zur Folge hatte, damit die Jugend vor dem verderbliche Einfluß der Comics bewahrt bliebe. In Amerika gab es zur Zeit der Mc Carthy Ära, in der man sowieso zur Hysterie neigte, eine ähnliche Debatte. Um den Attacken ihrer Gegner zu entkommen führten die Verlage eine Selbstzensur ein.
Dieser sog. Comic-Code sollte allzu übertriebene Gewaltszenen und natürlich auch solche pornographischer Natur unterbinden. Die Durchsetzung des Codes führte dann teilweise zu skurrilen Auswüchsen, bei denen Leute mit einer wegretuschierten Pistole erschossen wurden.
Nach Auffassung der Medien steigt in unserer Gesellschaft die Zunahme der Gewalt bei Jugendlichen an, aber dies allein auf die Lektüre von Comics zurückzuführen ist etwas kurzsichtig, wenn man bedenkt, daß die Comicverlage über eine Vergreisung ihrer Zielgruppe klagen. Außerdem ist der ursächliche Zusammenhang zwischen Gewalt in den Medien und gewalttätigen Jugendlichen nicht bewiesen. Einfach zu behaupten, daß dieser bestehe, weil das eine vor dem anderen war, ist einer der klassischen Fehler im logischen Denken.
Man sollte vorsichtig bei Pauschalurteilen über Comics sein, denn dieses Medium bietet die gleiche Bandbreite wie jedes andere. Neben den Lustigen Taschenbüchern von Walt Disney sind sog. Erwachsenencomics erhältlich, deren Inhalte Jugendliche nicht interessieren bzw. sie durchaus in ihrer sittlichen Werdephase gefährden könnten. Es gibt auch Pornocomics, aber eben nicht in Buchhandlungen, sondern in Sexshops.

Die Folgen
Für den Alpha-Comic-Verlag, der dem Prozeß gelassen entgegenblickt, hat diese Sache einen enormen Imageverlust zu Folge, da das mühsam aufgebaute Vertrauen zu den Buchhandlungen zunichte gemacht wurde. Und da hilft es dann auch wenig, wenn der Börsenverein des deutschen Buchhandels von Zensur und Willkür spricht und der Staatsanwaltschaft die Blamage ihres Lebens prophezeit, denn von einer irgendwie gearteten Wiedergutmachung der ideellen und finanziellen Schäden ist selbstverständlich nicht die Rede. Die betroffenen Buchhandlungen werden sich auf der anderen Seite auch ernsthaft überlegen, ob sie wieder Comics in ihr Sortiment aufnehmen, da sie dann befürchten müssen wieder von wildgewordenen Moralwächtern besucht zu werden.
Meine persönliche Erfahrung mit den Knollennasencomics von Ralf König ist, neben Freude am lesen, ein Zugewinn an Sympathie und Verständnis für die Schwulenszene, das die ganzen Positiv-Klischees der Political-Correctness Welle nicht erreicht haben. Wer von diesen Comics seelisch aus dem Gleichgewicht gebracht wird, dem ist eh nicht mehr zu helfen. Jedenfalls habe ich keine Lust in Zukunft in den Comicläden nur noch christlich -fundamentalistische Comics vorzufinden.
(wurm)