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Cover Gibs auf!

Club der toten Dichter, Teil 714

Peter Kuper illustriert Kafka


Wie hat der Literaturwissenschaftler Patrick OŽNeill mal so schön zu Kafka Übertragungen ins Französische gemeint: "Mein Kafka ist nicht dein Kafka." Damit hat er den Nagel auf den Kopf getroffen.

Jeder, der sich mit Kafka beschäftigt, macht sich seinen Kafka selbst. Die seriöse Literaturwissenschaft hat ihren Kafka, der vor allem 'kafkaesk' ist, die jüngeren Intellektuellen haben einen Kafka, der eine Vorliebe für Bodybuilding (damals noch Körperkultur genannt) hatte, gern Motorrad fuhr und begeisterter Jahrmarktgänger war und für viele amerikanische Leser, aber auch deutsche, ist Kafka erstmal ein kleiner, knöchriger Schriftsteller aus dem alten Prag, der phantastisch schrieb, aber irgendwie doch depressiv und paranoid war.

Keine der genannten Ansichten ist falsch. Aber Franz Kafka war eine Schriftstellerpersönlichkeit mit vielen Facetten, die sich schlecht in ein, zwei Sätzen zusammenfassen lassen. Dementsprechend wird oft nur eine Perspektive eingenommen, wenn Kafka zum Thema wird.

Nachdem bereits Robert Crumb einen Comic zu Leben, Werk und Wirkung von Kafka ("Kafka kurz und knapp", 2001) gezeichnet hat, liegt nun ein Band mit neun Erzählungen vor, die der amerikanische Illustrator Peter Kuper als Comic umgesetzt hat. Im Vorwort weist Jules Feiffer darauf hin, daß die Chancen sehr groß sind, daß ein solches Vorhaben fürchterlich in die Hose geht, daß große Literatur durch den Comic plattgemacht wird. Wenn man wie Kuper jedoch clever genug ist zu erkennen, daß man Kafka nicht nur illustrieren, sondern auch interpretieren kann, stehen die Chancen schon besser.

Kuper skizziert keine zerbrechlichen Kafka-Bildchen, er setzt in kräftigen Linien das um, was er als Quintessenz der Erzählungen erkennt. Seine Zeichnungen passen. Sie erinnern stark an die Holzschnitte Frans Masereels, dessen Motive eine Nähe zu Kafkas Motive aufweisen. Kuper setzt auf die Allegorie, die es dem Leser erleichtert, in die Geschichte einzusteigen, statt auf Detailfetischismus. Und so entstehen neue Interpretationen, die zeigen, daß Texte verstorbener Schriftsteller noch lange nicht tot sein müssen.

(th)

Peter Kuper/Franz Kafka
Gibs Auf! und andere Erzählungen
Carlsen Verlag 32,- Mark (Hardcover)
ISBN 3-551-72635-3


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