Comic Zur Startseite

Cover von Okami

Dem einen sein Wolf ist dem andern sein Hase

Koike/Kojima: Okami

vs.

Stan Sakai: Usagi Yojimbo

Cover von Usagi 
Yojimbo

Inzwischen hat man sich bereits daran gewöhnt, daß die Manga-Welle, die da über den großen Teich zu uns herübergeschwappt kommt, fast ausschließlich das jüngere Publikum mit Martial Arts- und Endzeit-Comics bedient. Daß nur diese eingeschränkte Auswahl aus dem thematisch vielfältigen Spektrum der Mangas nach Deutschland gelangt, liegt wohl größtenteils daran, daß auf halber Strecke zwischen Japan und Europa der nordamerkianische Subkontinent anzutreffen ist, der die Aufgabe eines Manga-Filters übernimmt. In der Regel sieht es so aus, daß die Mangas für den Export ausgewählt werden, denen die größten Marktchancen eingeräumt werden. Die anvisierte Zielgruppe in den US of A ist männlichen Geschlechts und mit der Pubertät beschäftigt. Dementsprechend werden dort vornehmlich Shonen Mangas lanciert, die sich an den drei Eckpfeilern von Jungen in diesem Alter festmachen: Prügeleien, niedliche Mädchen, Technik. Was sich in den USA verkauft, wird auch für den europäischen Markt tauglich geschrieben. Das Ergebnis sind die sich ähnelnden Serien, deren Texte durch die Übersetzung vom Japanischen übers Amerikanische ins Deutsche oft indirekt und hölzern wirken und in krassem Widerspruch zu den Zeichnungen stehen.

Koike Koshimas OKAMI (dt. einsamer Wolf) bildet in dieser Hinsicht eine kleine Ausnahme: keine niedlichen kleinen Mädchen, keine Technik, keine Endzeit, dafür aber eine direkte Übersetzung aus dem Japanischen ins Deutsche (incl. Nachwort). Auch für USAGI Yojimbo (dt. Leibwächter Hase) trifft das zu, bis auf die Übersetzung, die stammt wieder einmal aus dem Amerikanischen. Beide Comics berichten aus dem Japan des 17. Jahrhunderts und haben einen herrenlosen Samurai, einen Ronin als Hauptfigur, der herumwandernd wie Kung Fu-Caine Abenteuer zu bestehen hat. Einen augenfälligen Unterschied gibt es allerdings: OKAMI ist ein realistischer Comic, der tief in der japanischen Zeichenkunst verwurzelt ist; USAGI Yojimbo hingegen hat einen schwertschwingenden Hasen zum Helden, der sich mit Schweinen, Maulwürfen und Füchsen rumschlägt.

meditierender Wolf meditierender Hase OKAMI und USAGI Yojimbo sind Paradebeispiele für den dubiosen Umgang der jungen Japaner mit der eigenen Geschichte. OKAMI erinnert in seinem puristischen Stil und den Arrangements der einzelnen Panels an die Filme Akira Kurosawas: 'Kamerafahrten' oder Folgen ruhiger, tonloser Bilder, die die Atmosphäre der Situation stimmungsvoll wiedergeben, wechseln sich ab mit temporeichen Sequenzen, bevorzugt Kampfszenen.

USAGI Yojimbo wirkt da schon eher wie eine Disney-Produktion in der dem übermächtigen Einfluß von Art Spiegelman in dezenter Form gehuldigt wird. Obwohl 'Leibwächter Hase' vordergründig wie ein zeitgemäßer Kinder-Comic daherkommt, hat er es doch faustdick hinter den langen Ohren. Der kleine Hase metzelt wie sein menschliches Pendant Okami, und die Moral, die die einzelnen Episoden haben ist für jüngere Leser auch etwas verquert (zuweilen auch für alte Hasen). Außerdem fehlt der Humor voll und ganz, der ja den Funnies den Namen gab.

Stan Sakai ist es gelungen, sich mit USAGI Yojimbo zwischen ziemlich alle Stühle zu setzen, die das Comic-Genre zu bieten hat. USAGI Yojimbo ist ein Ausnahmecomic - in jeder Hinsicht. OKAMI hingegen hält sich in jeder Hinsicht an den Rahmen des Genres. Im Gegensatz zu Stan Sakai sind Kazuo Koike und Goseki Kojima Traditionalisten. Mit OKAMI setzen sie weniger auf Innovation, als auf handwerkliche Perfektion. "Was solls denn nun sein?" wird der mürrische Mensch aus dem Comicladen fragen, "Ronin mit Wolf oder Hase?" Tja, gute Frage.

(th)


Kazuo Koike/Goseki Kojima
OKAMI
BD.1 BLUTIGER SCHNEE
Carlsen Verlag 26,90 DM
ISBN 3-551-72941-7

Stan Sakai
USAGI Yojimbo
BD. 2 DER PFERDEDIEB
Carlsen Verlag 16,90 DM
ISBN 3-551-72872-0


Zum Hinternet-Weblog Zum Kalender Galerie zum Archiv Impressum