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Washington Square

 
Die ungestüme Catherine (Jennifer Jason Leigh) liebt ihren Vater, den wohlhabenden Doktor Austin Sloper (Albert Finney), von ganzem Herzen und zeigt es ihm auch. Schön, sollte man denken. Allerdings paßt ein solches Verhalten im New York Mitte des 19. Jahrhunderts kaum zur Etiquette. Und noch etwas hat der vornehme Mediziner mit Wohnsitz am noch vornehmeren Washington Square an seiner Tochter auszusetzen: Er nimmt es ihr übel, daß seine geliebte Frau an Catherines Geburt im Kindbett starb. Erzogen von ihrer exzentrischen Tante Lavinia (Maggie Smith) und emotional ausgehungert trifft sie das Interesse des leidenschaftlichen Morris Townsend (Ben Chaplin) wie ein Schlag aus heiterem Himmel. Doch der schmucke junge Mann stößt mit seinen Heiratsabsichten bei Catherines Vater auf taube Ohren. Schließlich hat er keinerlei finanzielle Sicherheiten oder wenigstens eine akzeptable gesellschaftliche Stellung zu bieten. Vielmehr vermutet der Doktor, daß es der mittellose Charmeur auf die Mitgift seiner so unscheinbaren wie naiven Tochter abgesehen hat. Ohne das väterliche Einverständnis möchte Catherine ihr Jawort jedoch nicht geben und läßt sich deshalb zu einer halbjährigen Europareise mit dem Senior überreden. Während die junge Frau im Ausland um den Segen ihres Vaters kämpft und zunehmend an Selbstvertrauen gewinnt, verändern sich auch die Dinge zu Hause in New York.

Die literarische Vorlage von Henry James ist bei der polnischen Regisseurin Angieszka Holland ("Total Eclipse") in fähige Hände gefallen. Mit viel Liebe zum Detail und dem Bestreben um Authentizität - allein in die Ausstattung des Sloperschen Wohnzimmers flossen geschätzte zwei Millionen Dollar - hat sie die Geschichte um die Emanzipation einer Arzttochter aus dem vorigen Jahrhundert zum bewegenden Gefühlskino geraten lassen. Dabei ist es auch Jennifer Jason Leigh zu verdanken, daß diese klassische Lovestory nicht zu einem weiteren der derzeit so beliebten Kostümfilmchen verkommt. Zwar kennt man ihre überzeugend depressiven darstellerischen Leistungen bereits u.a. aus "Georgia". Doch der Kampf der vernachlässigten Catherine zwischen moralischen Zwängen und eigenem Willen scheint der zarten Jennifer wie auf den Leib geschrieben zu sein. Für Auflockerung bei aller Dramatik sorgt Maggie Smith, die ihre Rolle als romantische Jungfer Lavinia mit ironischem Augenzwinkern ausfüllt und damit das I-Tüpfelchen in dieser gelungenen Romanverfilmung ist.

(sm)

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