mit Dieter Paul Rudolph

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Lektion 18: Neue IT-Berufe

Falls Sie zu jenen Unbelehrbaren gehören, die den Computer für einen Moloch und Vernichter von Arbeitsplätzen halten, werden Sie die folgenden Zeilen gewiß von Ihrer Technikfeindlichkeit und beschränkten Denkungsart heilen. Denn natürlich ist genau das Gegenteil der Fall: Der Computer schafft Arbeitsplätze! Wohl werden so ehrwürdige und nützliche Berufe wie der Flohzüchter oder die Milchmädchenrechnungsprüferin allmählich vom Markt verschwinden, doch eine Fülle neuer Ausbildungsberufe wird dies mehr als ausgleichen.

Nehmen Sie nur die HINTERNET-Redaktion. Obwohl mit 750 festangestellten Mitarbeitern eines der kleineren IT-Unternehmen, finden sich darunter doch sage und schreibe 634 verschiedene Berufszweige, von denen ich Ihnen einen kleinen Teil vorstellen will.

Wie kommt eigentlich eine "Wir lernen Computer"-Kolumne zustande? Nun, es beginnt damit, daß der Power On Manager am frühen Morgen die Rechner hochfährt. Genaue Kenntnisse der Lage des Einschaltknopfes sind dabei ebenso unabdingbar wie ein sensibler Umgang mit der filigranen Technik der Maschine. Eine leitende Position also, die bei HINTERNET von Chef Walter persönlich ausgefüllt wird. Er ist übrigens ein gutes Beispiel dafür, wie die aufkommende IT-Industrie Karrieren möglich macht. Als diplomierter Bierholer schuftete er zwanzig Jahre lang bei den Flying Burrito Brothers, bis eine vom Arbeitsamt finanzierte Umschulung ihn für seine jetzige verantwortungsvolle Tätigkeit qualifizierte. Inzwischen kann er es sich sogar leisten, die nicht weniger verantwortungsvolle Tätigkeit des Power Off Directors an die Volontärin weiterzugeben (Power Off Assistent).

Aber weiter. Der Rechner ist an. Was jetzt? Es erscheint der Program Consultant, der mich bei der Wahl des für meine Kolumnenarbeit geeigneten Programmes berät. Habe ich mich entschieden (meistens für WORD), trifft sich der Program Consultant mit dem Program Executer, dessen Aufgabe es sein wird, das Programm zu starten. Dritter im Bunde ist der Brainstorm Supervisor, eine Art Vermittler zwischen den beiden.

Endlich ist es so weit, die Gedanken können fließen und Wort werden. Oder? Nein! Zunächst konsultiere ich den Content Font Designer, der mir bei der Auswahl der benötigten Schriftart helfen soll. Er kooperiert eng mit dem Content Fontsize Developer und dem Content Fontcolor Visualizer. Währenddessen sorgt der Mouse Engineer für optimale Handhabbarkeit der Maus.

Und ich? Sitze ich, bis alles geklärt ist, etwa tatenlos herum? Mitnichten! Denn schon entert der Breakfast Composer unser Großraumbüro und verteilt Hardware: Brötchen von gestern, Kaffeestückchen von morgen, Tee von glücklichen Kühen etc. Der Breakfast Composer ist zumeist ein Allroundtalent und daher auch als Lunch Supporter zu verwenden, wenn wir Mittags etwas essen sollen, aber keinen Appetit haben ("Soooo. Eine Fritte für die Mutti, eine Pizza fürs Brüderchen...").

Von eminenter Bedeutung ist der Default Controler. "Default", ein Fachterminus aus dem IT-Branchenjargon, bedeutet so viel wie "Normalmodus" oder "Standardeinstellung". Der Default Controler streckt seinen Charakterkopf ins Büro und ruft mir zu: "Na, Herr Rudolph, alles im grünen Bereich?" Nicke ich, trollt er sich zufrieden von dannen, schüttele ich den Kopf, ruft er stantepede den Disdefault Equalizer, einen umgeschulten Psychologen, der mit mir "über alles" redet, bis ich tatsächlich entweder im grünen Bereich oder in der Klapsmühle bin.

So. Endlich habe ich meinen Artikel geschrieben. Ich telefoniere mit dem Eye Catching Artist, der für das optische Erscheinungsbild des Textes verantwortlich ist. Seine Standardaufgabe besteht darin, zwischen Block- und Flattersatz zu wählen und den Zeilenabstand mit Hilfe eines komplizierten mathematischen Verfahrens zu berechnen.

Abends dann, wenn alles schläft, erscheint die wichtigste Person in den nun verwaisten Büros: die Clean Sweeping Woman. Ausgerüstet mit modernster Hardware wie der "Dr.Best Bodenbürste", dem "Kobold Staubsauger Blizzard" und dem "Hugo Boss Putzlappen" sowie effektiver Software (insbesondere "Wasser" von Microsoft) beseitigt die Clean Sweeping Woman alle Spuren der arbeitstäglichen Produktivität. Bei HINTERNET ist es gute Tradition, daß die dienstälteste Volontärin diesen Job übernimmt, während unsere neueste volontaristische Errungenschaft, Fräulein Wunder, sich die Arbeit mit nach Hause nimmt. Heute übrigens unseren Chef Walter. Der Glückliche...

 

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