mit Dieter Paul Rudolph

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Lektion 25: Wie eine Kolumne das Leben verändern kann

"Aber das wäre doch nicht nötig gewesen, Fräulein Kohn!" - Soeben hat mir unsere neue Volontärin, Fräulein Cilly Kohn, im Namen der Redaktion einen riesigen Strauß duftender roter Rosen überreicht, hinter dem sich die nicht weniger riesige und duftende Pracht zweier... nun ja, das gehört nicht zur Sache. Jedenfalls heute nicht. Denn wir haben allen Grund zum Jubeln! "Wir lernen Computer" ist jetzt genau 25 Folgen lang! Das muß gefeiert werden! Zunächst jedoch wollen wir auch diese Jubelfolge anständig füllen, und zwar mit Leserbriefen, die beweisen, wie doch ein so bescheidenes Medium wie meine Kolumne ganze Existenzen radikal, um nicht zu sagen vollständig verändern kann.

Hören wir Frau D. aus W.: "Lieber Kolumnist! Bis vor kurzem noch war mein Leben öd und leer. Dann las ich deine Kolumne. Nun ist es noch öder und leerer." Na, wenn das keine radikale Veränderung ist!

Etwas ausführlicher beschäftigt sich Herr C. aus S. mit dem Phänomen der plötzlichen und unvermuteten Lebensumwälzung vermittels meiner Kolumne. Er schreibt: "Gott! Um nicht zu schreiben: Herr Gott! Vor zehn Jahren begann ich mit dem Zusammenbauen von Webseiten, welche ich sogleich ins Internet stellte. Leider hat mich die Internetpolizei deswegen mehrere Male verhaftet, u.a. wegen Falschlinkens, Verwendung von PowerPoint-Dateien, geistigen Diebstahls und Trunkenheit am HTML-Editor. Ihre göttliche, um nicht zu schreiben: herrgöttliche Kolumne hat mich indes zum Profi werden lassen. Tagtäglich pilgern zigdutzende von Surfern auf meine Homepage, welche ich Ihrem geliebten Magazin zu Ehren 'Hinternetcafe.de' genannt habe. Dort finden diese armen suchenden Menschen alles, was sie nicht brauchen: falsche Links, Powerpointgrafiken, gestohlene Bilder und Texte. Ich danke Ihnen."

Ich muß gestehen, daß die Lektüre solcher Schreiben mir mit einem Male klarmacht, wozu ich eigentlich lebe: Damit auch die Minderbemittelten im großen weltweiten Web eine Chance haben, sich gehörig zu blamieren, daß auch sie, wenn die Stunde ihres Dahinscheidens naht, sagen können: "Ich war dabei." Nämlich dabei, ein anständiges Leben zu führen...doch dann lockte das Internet, und sie stießen auf meine Kolumne.

"Aber das wäre doch auch nicht nötig gewesen, Fräulein Kohn!". - In diesem Augenblick ist unsere neue Volontärin in meinem Arbeitszimmer erschienen, nackt wie Gott sie schuf. "Au, verdammt, ich hab meine Klamotten im Zimmer des Chefredakteurs liegenlassen!" schreit sie, macht kehrt und ist, wie jede schöne Fata Morgana, sofort verschwunden. Na, dann eben nicht.

Dann eben noch einen dritten, einen letzten rührenden Brief, den mir Frau P. aus K. hat zukommen lassen. Sie teilt mir mit: "Sie dämliches Arschloch von einem Kolumnisten! Mein Sohn ist 13 und schlecht in der Schule. Anstatt zu lernen, schmökert er sich durch ihren Blödsinn und will jetzt unbedingt <PC-Spezialist> werden! Dabei haben wir überhaupt keinen Computer! Ich weiß nicht, wie das Kind ins Internet kommt! Wahrscheinlich zu Fuß! Strom haben wir auch keinen mehr, weil mein Mann, das noch viel dämlichere Arschloch, mit einer Jüngeren abgezogen ist und alle Ersparnisse mitgenommen hat und jetzt kann ich den Strom und das Wasser nicht mehr bezahlen und der Junge lernt nicht und liest nur und liest und dann auch noch ihren Quatsch, sie gigantischer Blödmann, also das ist so ein Quatsch, da kann ich gar nichts mehr sagen, also Sie sind fast noch schlimmer als mein Mann, dieser impotente..."...und so weiter.

Nun weiß auch ich nicht, wie der Filius von Frau P. ins Internet kommt, ohne sich eines Rechners zu bedienen. Aber ich nehme an, er hat in einer meiner Kolumnen gelesen, wie das geht, wobei natürlich die Frage zu klären wäre, wie er diese Kolumne lesen konnte, bevor er wußte, wie man ohne Rechner ins Internet.... merkwürdig, merkwürdig!

"Aber das wäre doch nicht nötig gewesen, Fräulein Kohn!" Just da ich auch diese 25. Kolumne zu einem glücklichen Ende gebracht habe, erscheint unsere neue Volontärin abermals (leider vollständig bekleidet), überreicht mir, süffisant lächelnd, einen DinA4-Briefbogen, auf dem in großen Lettern geschrieben steht: FRISTLOSE KÜNDIGUNG. Aber das wäre wirklich nicht nötig gewesen, Herr Chefredakteur!

 

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