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Zum
Tod von Chlodwig Poth
Das
war ein schneller, erfolgreicher Beutezug. Anders als die mäandernde
Pfarr-Suche. Kurs aufs Bücherregal, dann anpeilen und, zack, zuschlagen.
Eine kleine Poth-Bibliothek konnte ich ausheben. Allein bei den Cartoons.
Halt, er hat doch auch... ja, hat er: oben, bei der Prosa, sogar noch
ein Poth-Roman. Plus im Regal-Parterre: etwas Großes, furchtbar
Schweres. Mit den berühmten Wimmelbildern. Was will mir das sagen?
Mehrerlei.
Zum Beispiel, dass Poth zu meinen Lieblings-Cartoonisten zählt.
Dass er mich seit Kindertagen begleitet. Wenn Kinder zu Besuch bei Erwachsenen
sind, freuen sie sich ja immer, wenn sich dort Bücher mit Bildern
finden. Und die Poth-Menschlein sahen immer lustig aus. Diese schnoddrig
gezeichneten, hageren Jeans-Gestalten. Mit endlos langen Beinen. Und
manchmal spitzen Brüsten.
Immer wieder tauchten die Poth-Bücher auf. Bei meiner Tante. Bei
meinen Eltern. Heute hab ich meine eigenen. Bewiesen durch kleine Bleistiftnotierungen
auf Seite 3: 2,50. Oder einfach nur: 2. Selbstgekauft. Im Antiquariat.
Noch zu D-Mark-Preisen.
Sicher, warum Griechenland eine KZ-Insel sein sollte, verstand ich
früher noch nicht. Auch nicht, weshalb Fürze marxistisch,
reflektiert und dialektisch begründet zu sein hatten. Aber diesen
an seinem „progressiven Alltag“ verzweifelnden, vollbärtigen
T-Shirt-Vater mit den Knopfaugen verstand ich. Ein Vater, der sich ständig
Eigentore schoss. Beim Versuch, den 68er-Ideologie-Chic ins Bürgerleben
zu importieren. Ja, auch mein viele Jahre jüngerer Bruder erfreute
sich in meinem Zimmer an Büchern mit Bildern. Wenn er „Zu
spät, mein Lieber, zu spät“ in Konversationen einfließen
ließ, wusste ich sofort, welchen Poth-Cartoon er meinte.
Wer auf charmanteste Weise von den 68er-Sehnsüchten, -Bequemlichkeiten
und -Widersprüchen erfahren wollte, musste Poth lesen. Mit krakeligen
Strich-Versammlungen entlarvte er die Versuche, den eigenen Pelz trockenzushamponieren.
Stets so, dass man scheinbar überlegen über „die anderen“ lachen
konnte. Bis man merkte, dass man selbst hinterm Vollbart steckte. Dem
Vollbart an sich. Dem Vollbart in uns.
Ja, die Taschenbücher aus den 70ern sind meine liebsten Poths.
Von Rororo, mit rauhem Papp-Umschlag, fast broschiert wirkend. Was daran
liegen könnte, dass der Einband mit den Jahren biegsam und speckig
wurde. Darin: vielgestaltige Variationen des immergleichen Themas (s.o.).
Kleine Humoresken in sechs bis acht Bildern. Randlos, fahrig gezeichnet,
lapidar und schmucklos durchnumeriert, Schraffuren als Erdung, damals
schon wimmelig. Aber einen angsterregenden Sog entfaltend. Man musste
sie alle lesen. Ahnend, worauf jede einzelne hinauslief: der Olympia-Gucker,
der eben doch für „Deutschland“ sein dürfen wollte.
Der die Arbeiterschaft preisende Vater, der für den Sohn aber Abitur
wünschte. Der Vater, der im Kampf gegen den Weihnachtsterror am
Ende natürlich geschenklos litt. Und der es dann doch nicht so
toll („Und wenn schon! Kann er nur was von lernen.“) fand,
vom Sohn beim Sex überrascht zu werden: „Dacht ich mir noch,
dass Ihr´s stinknormal bürgerlich macht.“ Ein ewiges,
sisyphos´sches Scheitern. Poth, nicht müde werdend, dem Leser
das böse Ende vorzuführen.
Galliger wurde er mit den Jahren, schien mir. Das „Katastrophenbuch“,
ohne den T-Shirt-Vater und dessen ehrlicheres Pendant (den vollbartlosen
Spießer-Vater aus „Ellternalltag“) auskommend. Nicht
nur wegen des Hochglanzeinbands nicht ganz so speckig und biegsam. Der
Prosa-Roman, höchstens angelesen. Das große Buch mit den
Wimmelbildern, aber auch reichlich Strips: „50 Jahre Überfluss“.
Ein BRD- und Entwicklungsroman. Dann: „Letzte Ausfahrt Sossenheim“ in
der Titanic. Kryptische, wenn auch gewaltige Seiten von fast alttestamentarischem
Ingrimm. Ein Reich allerdings, zu dem ich einfach keinen Schlüssel
fand. Und das frustrierte. An die „Alltag“-Bücher kamen
sie für mich alle nicht ran. Die waren meine Stars.
So sehr, dass meine Bibliothek noch eine andere Geschichte erzählt:
die eines gescheiterten Magisterarbeits-Themas. Der Wilhelm Busch-erprobte
Dozent hatte schon zugestimmt, aber Poth verweigerte sich. Was ließ sich
nur erzähltechnisch aus den kurzen, komprimierten Strips herauslesen?
Nichts, hatte ich den Eindruck. Jedenfalls nicht mit meinen Werkzeugen.
Das schien mir dann doch eine Sache für Kunstwissenschaftler oder
Soziologen zu sein.
Insgeheim aufatmend schaufelte ich mein Thema um. In Richtung eines
weniger innig geliebten, aber üppig erzählenden Comics. Ein
willigeres Sektions-Objekt. Uff. Gerettet. Nicht auszudenken, wie die
Magisterarbeits-Fußfesseln Poth und mich über Monate aneinandergekettet
hätten. Der Weg zum Scheidungsrichter wäre vorgezeichnet gewesen.
Aber so: alles noch mal gutgegangen. Nichtmal der Tod kann uns scheiden.
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Eine E-Mail an Frl. Katja schreiben
Katjas Nähkästchen XXVIII
(Zum Tod von Bernd Pfarr)
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