Livekritik Zur Startseite

Brian Wilson

Congress Centrum Hamburg 22.1.2002

     
Ein Konzert, das schon Wochen im Voraus meine Gedanken beherrschte. Brian Wilson, der legendäre Beach Boys-Komponist, auf Solo-Tournee: Das gibt es überhaupt erst seit drei Jahren, und bisher niemals in Europa. Sollte ich meine Fantasie freien Lauf lassen und von einem magischen Konzert-Ereignis träumen, oder die Erwartungen niedrig halten und das einfach als Gelegenheit für schöne Nostalgie sehen? Ein Freund in Los Angeles, der Brians Pet-Sounds-mit-Orchestra-Konzert September 2000 im Hollywood Bowl sah, meinte, ich sollte mich ruhig auf etwas Besonderes gefasst machen. Solche Aussagen sind für mich aber gefährlich, und schon zwei Wochen vor dem Konzert konnte ich an nichts anderes denken, sosehr habe ich mich gefreut - meine Arbeit war futsch und mein Sozialleben (ah, das nur) hintan gestellt.

Der Saal 1 in dem CCH hatte erst 30 Minuten vor dem Konzert, das ziemlich pünktlich um 20 Uhr anfing, geöffnet. Das war aber Zeit genug, um einige Merchandise-Artikel zu kaufen, die bewiesen, dass diese Tournee in der Tat die "Pet Sounds Tour 2002" war, und man sich auf eine live Präsentation des ganzen, legendären Albums freuen konnte. (Was ich schon im Internet gelesen hatte, aber nicht zu glauben wagte.)

Brian kam in grauen Sport-Kleidern auf der Bühne, wurde mit einem kurzen Standing-Ovation begrüßt, setzte sich hin vor sein Klavier und sang sofort einen Vers und einen Refrain des Barenaked Ladies Tribut-Songs "Brian Wilson" ("...lying in bed/just like Brian Wilson..."). Das kennt man von seinem 2000er "Live At The Roxy" Album, es wirkte aber trotzdem überraschend und lustig. Dann sang Brian weiter über sich, aber in seinen eigenen Worten: "I'm a cork on the ocean, floating over the raging sea... these things I'll be until die". "'Til I Die", eines seiner besten Lieder, und das praktisch als Anfang: Das war alles so überwältigend, dass ich, der stolzer Zyniker, ein bissel geweint habe.

Es ging weiter mit einer Set-Liste (siehe unten), die mich davon überzeugte, dass die Band meine Gedanke lesen konnte. Als sie "Sail On Sailor" spielten, dachte ich "Wow, jetzt haben sie was von "Holland" gespielt, wäre auch nett, wenn sie "Marcella" von "Carl and the Passions" spielen würden". Um das erste Set zu beenden kündigte Brian an: "The next song is my favorite song that we're playing tonight." Ja, "Marcella". Beach Boys-Kenner müssen die Liste nur anschauen, um sich vorzustellen, wie schön das alles war. Zahlreiche Juwelen aus der für Brian persönlich schwierigen Epoche 1967-1973 wie z.B. "Add Some Music to Your Day", das mit den Textzeilen "The world could come together as one, if everybody under the sun would add some music to their day" erneut die Wangen anfeuchtete.

Die zehnköpfige Band besteht teilweise aus Veteranen der L.A. Power-Pop Szene wie Wondermints-Kopf Darian Sahanaja. Sie haben alle weitaus mehr als die nötigen Gesangsfähigkeiten, die Vielseitigkeit (drei verschiedene Leute haben im Lauf des Abends das Vibrafon gespielt) und das Wissen von Brians Musik, um sie perfekt zu reproduzieren (als Brian eine Textzeile in "Here Today" vergaß, sang Darian sie, ohne eine Silbe auszulassen.) Bei den "Pet Sounds" Lieder grenzte ihre Treue zu den Studio-Versionen fast an Wahnsinn: Jeder Percussionschlag und jeder Ton von der Fahrradhupe war an der richtigen Stelle. Eines der besten Pop-Alben aller Zeiten hat solche Treue verdient, ohne Zweifel. Ich könnte mir aber vorstellen, dass sich Brian und solche begabte Musiker auch neue, atemberaubende Arrangements ausdenken könnten, ohne die Schönheit und Integrität der Lieder zu schmälern.

Brian selbst wirkte gleichzeitig wie der gutmütiger Chef und ein charmantes Kind. Er blieb bis auf "Barbara Ann" immer sitzen, und drehte sich auf seinem Stuhl um, um die Band anzuschauen, als sie die beiden Instrumentalstücke von "Pet Sounds" spielte. Mit seinem Händen illustrierte er manchmal die Texte, wie z.b. bei dem unveröffentlichten Lied (mit Hit-Potential!) "Desert Drive", während dessen er ein unsichtbares Lenkrad hielt. Er sagte mehrmals "Dankeschön" und fügte dazu "You say Dankeschön, we say thank you!" Um das Publikum zum Schreien zu bitten schrie er selber, aber nicht das Rock-typische "Allright" oder "Oh yeah", sondern ein Grummeln wie ein Bär. Und alles, was sonst aus seinem Mund kam, war engelsgleich. Bei einigen Lieder, beispielsweise in dem Refrain von "I Get Around", haben andere Bandmitglieder die Kopfstimmem-Parts für ihn gesungen, aber die Stimme von Brian Wilson hat nach 40 Jahren Musikkarriere nichts, aber gar nichts, von ihrer Unschuld und Ausdruckskraft verloren - die Version von "Surf's Up" liess da keinen Zweifel.

Brian Wilson spricht oft von der heilenden und heiligen Kraft der Musik. Dass er und seine Band diese Kraft in einem Konzertsaal vor etwa 2.000 Leute rüber gebracht hat, ist als Leistung genauso beeindruckend, wie damals "Pet Sounds" aufzunehmen.

(ml)