gelesen von Dieter Paul Rudolph

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Das eine: gewöhnliche Broschur mit Klebebindung, handliches Format, 255 Seiten auf normalem Papier.

Das andere: voluminöse Schwarte in Leinen mit Lesebändchen, Gigantenformat und nur von einem Gewichtheber unfallfrei nach Hause zu tragen, 625 Seiten auf dickstem Papier.

Dass mir beide Bände akkurat zur selben Zeit zugeflattert sind, ist Zufall. Aber ein bedeutungsschwerer. Denn in dem kleinen bescheidenen Buch wird das beschrieben, was den Helden des großen Buches erst möglich gemacht hat. Es ist nichts weniger als die Keimzelle der Popmusik, das Ei, aus dem sie alle schlüpften, die gestern, heute und morgen im Rampenlicht standen, stehen und stehen werden. Die Eierschalen bleiben achtlos liegen.

Fangen wir also mit dem kleinen Buch an. Es heißt „Blues People. Von der Sklavenmusik zum Bebop“ und stammt von Amiri Baraka, der es 1963 schrieb. 1969 erschien es erstmals in deutscher Übersetzung, war fortan allenfalls noch antiquarisch zu erwerben und kommt nun, 2003, dank der wie immer voll im Saft stehenden orange press abermals in deutsche Leserhände.

Um es vorweg zu sagen: „Blues People“ ist kein enzyklopädisches Werk, kein name dropping mit 200 Seiten Diskografie. Sondern ein Buch, das, indem es die Sozialgeschichte der nordamerikanischen Schwarzen erzählt, deren Musik im Hintergrund laufen lässt und, indem es diese Musik aus dem Hinter- in den Vordergrund holt, tief in die Seelen ihrer Schöpfer und Hörer eindringt.

Baraka beschreibt die Entwicklung des Blues, seine allmähliche Verstädterung und Vermarktbarkeit, er schildert, welche sozialen Gegebenheiten ursächlich dafür verantwortlich waren, dass sich diese Musik verzweigte und weiter entwickelte, Jazz wurde, zu einem Beutegut der Weißen und dann wieder zu einer Quelle der Inspiration für die Schwarzen.

„Blues People“ ist das seltene Beispiel für ein Buch, das nicht an Spannung verliert, obwohl man den eigentlichen Clou der Story schon kennt, bevor man zu lesen begonnen hat. Und dieser Clou ist natürlich, dass die Erzeuger der ersten und wohl wichtigsten kulturellen Leistung der nordamerikanischen Bevölkerung letzten Endes die Betrogenen waren. Aber was heißt „letzten Endes“. Von Anfang an machen die Schwarzen die Musik und die Weißen das Geld aus dieser Musik. Bis heute. Von einigen Alibigestalten wie Michael Jackson abgesehen.

Eines ist schade: Barakas Buch endet mit dem Bebop, was „Blues People“ trotz der Zeitlosigkeit der Analyse nicht unbedingt zu einem aktuellen Werk macht. Stoff für Nachfolger.

Kommen wir zum großen Buch. Es ist dem Leben und Werk eines Mannes gewidmet, von dem nicht wenige behaupten, er habe – bei allem eigenen Talent – doch nur auf den Schultern der schwarzen Riesen des Rock’n’Roll gestanden: Elvis Presley.

Was nun der Belgier Marc Hendrickx mit „Elvis A. Presley. Die Musik, der Mensch, der Mythos“ an Biografie vorlegt, ist ein Werk der Superlative. Schon das Format, das schiere Gewicht des Buches kündet von Endgültigem. Kein halbwegs wichtiges Ereignis wird ausgelassen, kein noch so herziges Bildchen fehlt, jeder noch so beiläufige Ton aus der Elviskehle findet seine Würdigung.

Mich langweilen solche Detailhubereien selbst bei Künstlern, die mir näher stehen als Elvis. Aber die Elvisfans werden dieses Buch natürlich lieben und das zurecht. Der Autor verehrt seinen Gegenstand, das ist klar. Dass er dennoch redlich versucht, sich ihm als „objektiver Journalist“ zu nähern, Mythen zu entzaubern, Lügner bloßzustellen und Missverständnisse auszuräumen, das ehrt ihn. Ob es ihm gelungen ist, darüber möge die Elvis-Forschung der nächsten Jahre streiten. Ich bin zum Schluss nur ein ganz klein wenig fies und wünsche mir für die nächste Zukunft ein zehn-Kilo-Werk über Chuck Berry, Little Richard und Konsorten. Nur mal so zum Ausgleich.

Tja, und ganz zum Schluss noch ein Schmankerl für alle Freunde der blödsinnigen Weisheit „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“. Didi Zill, szenebekannter Fotograf, hat sein Archiv mit Fotos von Creedence Clearwater Revival geöffnet und ein opulentes Bilderbuch daraus fertigen lassen. Wir sehen dort viele, viele Aufnahmen der Band und ihrer einzelnen Mitglieder: auf der Bühne, im Studio, in der freien Natur, beim Gokartfahren oder – meistens – einfach in die Zillsche Kamera grinsend.

Es soll ja Leute geben, die sich 200 Seiten mit Nacktfotos von Susan Stahnke betrachten können und selbst auf Seite 200 noch „erregt“ sind. Genauso mag es Fans von CCR ergehen, wenn sie endlich am Ende des fast 300 Seiten starken Buches angelangt sind. Auch das ist nicht mein Ding, aber die Fans wird’s nicht jucken. Zu Recht.

P.S.: Das CCR-Buch ist noch schwerer als das über Elvis. Aber nicht so dick.

P.P.S.: Natürlich hätte es auch CCR ohne die Schwarzen nie gegeben.

(dpr)

Bibliografie: