gelesen von Dieter Paul Rudolph

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Komm, Alter, hau mal wieder einen raus!“: Mit diesen (oder ganz anderen) Worten werden mir von Zeit zu Zeit aus wohlmeinender Hand Bücher überreicht, und wenn es sich lohnt, lege ich nach der Lektüre meine Stirn in Falten und tue das, was man von mir erwartet: Ich haue mal wieder einen raus.

Heute sind es zwei Neuerscheinungen, die nähere Betrachtung durchaus verdienen. Ein Roman, der auch ein Sachbuch sein könnte, und ein Sachbuch, das auch ein Roman sein könnte.

Etwas Grundsätzliches dazu vorweg: Leser erwarten von Musikbüchern die objektive Darstellung von Sachverhalten, die journalistische Aufarbeitung von Ereignissen oder, bei Lexika, den enzyklopädisch – analytischen Blick. Eines erwarten sie nicht: Das Haupt des Autors, das sich plötzlich aus all den Fakten und scheinbaren Objektivitäten erhebt. Nun ist es aber so, dass bestimmte Themen nicht in diese reine Form einer Abbildungsschablone passen. Bestes und folgenreichstes Beispiel ist Nick Hornbys Roman „High Fidelity“. Jeder kennt ihn. Es ist ein Roman, der eigentlich auch ein Sachbuch sein könnte, ein Sachbuch zum großen Thema „Wie werden Popfans eigentlich mit dem Leben im Allgemeinen und dem Älterwerden im Besonderen fertig?“. Hornbys großes Verdienst bestand darin, etwas sehr Biografisch-Subjektives verfasst zu haben, das im Kopf und der Erinnerung des Lesers wiederum etwas Biografisch-Subjektives auslöst und damit, als Summe der Leserreaktionen, durchaus wieder objektiv wird. Ein ungeschriebenes Sachbuch, sozusagen.

Hornbys Roman hatte Folgen, nicht zuletzt von Hornby selbst, aber auch, und das war in der Regel kein Vergnügen, von manch anderem, der hier ein Strickmuster abzukupfern gedachte, mit dem sich locker und leicht so mancher Silberling machen ließ. Das Strickmuster hieß: Ich schreib halt mal auf, was ich so früher für Musik gehört hab und wie ich dabei so Mädchen flachgelegt hab oder auch nicht. Und wenn ich zum Beispiel den Satz schreibe „Bei Canned Heats 'On the road again' haben wir immer Französischvokabeln gelernt“, dann schreien mindestens 5000 Leser: „Wir auch!“. Und schon habe ich Identität gestiftet und rein generationsromantechnisch unsere Meriten erworben.

Cover Mark LindquistHm. Da mir die anfangs erwähnten wohlmeinenden Hände in den letzten Jahren so manch Machwerk dieser Art überreicht haben, bin ich misstrauisch geworden. Und war es auch, als man mir Mark Lindquists Roman „Never Mind NIRVANA“ ans Herz legte. Schon dieser Titel! Und dann erst das Umschlagbild! (Wer die entsprechende Nirvanascheibe kennt, wird sich auch dieses Umschlagbild vorstellen können.). Zu erfahren, besagter Lindquist sei jetzt Jurist und habe mal etwas mit einer gewissen Molly Ringwald gehabt (nie gehört den Namen), und das PEOPLE MAGAZINE habe ihn zu einem der hundert begehrtesten Junggesellen der USA gewählt – dies zu erfahren, war mir fast schon zu viel. Aber dann hab ich das Buch doch gelesen – und es nicht bereut.

Wie bei fast allen guten Romanen ist auch bei Lindquists Buch die Handlung rasch erzählt: Pete, der Held, lebt in Seattle und hat in einer – ratet mal – Grungeband gespielt. Die hat eine einzige CD zustande gebracht und ist dann auseinander gebrochen. Pete studierte Jura und arbeitet zum Zeitpunkt der Handlung als stellvertretender Staatsanwalt. Sein aktueller Fall ist prekär: Ein Bekannter aus alten Tagen (den „bad old days“), ebenfalls Grungebandmitglied, ist wegen Vergewaltigung angeklagt, und Pete soll das Verfahren durchziehen. Daneben – und eigentlich ist das die Haupthandlung – verbringt Pete seine Freizeit in diversen Clubs, organisiert One-Night-Stands, hält sich eine überschaubare Menge verfügbarer Freundinnen und möchte ganz gern erwachsen werden, das heißt: endlich heiraten. Wenn man bloß wüsste wen. Das Ende des Romans bleibt in jeder Hinsicht offen.

Wenn ich dieses Buch aus dem Blickwinkel des Musikbuchkritikers betrachte, bezieht es seinen Reiz aus der Schilderung des Postgrunge-Seattle. Es werden auch genügend Namen renommierter Bands genannt, und ein Liebhaber des Genres kommt auf seine Kosten, keine Frage.

Der Blick des Romankritikers ist ein anderer. Lindquists Werk ist vom Erzählerischen her ein sehr schnelles, sprachlich asketisches. Das hat Vorteile, weil es sich damit auch schnell liest. Doch gelingt es dem Autor, dieses natürliche Phänomen in eine Sogwirkung umzumünzen? Oder, anders: Haut hier einer nur ganz hektisch in die Saiten seiner Gitarre – oder reißt es mich mit?

Letzteres. Lundquist braucht keine dreißig Seiten, um die Person des Pete zu zeichnen. Noch schneller ist er bei dem reichlich vorhandenen Nebenpersonal. Da gelingt es ihm manchmal, Schicksale auf einer halben Seite abzuhandeln, ohne dass man denkt, etwas sei ungesagt geblieben. Dies kann nur gelingen, weil sich das so beschriebene Personal in unseren lesenden Gehirnen quasi von seinem engen Grungekontext verabschiedet und sich andere Wirtsumgebungen sucht. Mir jedenfalls kommen all diese Personen irgendwo zwischen Alternativbleiben und Bürgerlichwerden, zwischen „Mit 18 King Crimson gehört“ und „Mit 40 ein Phil Collins – Konzert besucht“, ebenso furchtbar bekannt vor wie all die gescheiterten Existenzen und Verdränger, von denen es in Lindquists Roman nur so wimmelt.

Pete selbst ist keine gescheiterte Existenz. Ein erfolgreicher Jurist auf der einen, ein ziemlich irrlichternder Junge auf der anderen Seite. Spannend ist es, die Übergange zu beobachten. Dieser Pete ist der Prototyp des Rockliebhabers: früher automatisch antibürgerlich, heute, genauso automatisch, im Fahrwasser einer angepassten Existenz. Darüber hätte man auch ein Sachbuch schreiben können; schön, dass Lindquist es nicht getan hat.

Cover Björk-BioDas zweite Werk, an dem wir ein genremäßiges Crossover feststellen können, stammt aus dem rührigen und noch jungen Verlag „orange press“ und ist die deutsche Übersetzung des ursprünglich als e-book veröffentlichten Buches „Björk“ von Evelyn McDonnell. Mit der isländischen Elfe als Thema kann man eigentlich nichts falsch machen; man kann aber von einem Klischee ins andere hüpfen. Das Bild von der „isländischen Elfe“ ist nur eines davon. McDonnell, Mitherausgeberin der an dieser Stelle wohlwollend aufgenommenen Anthologie „Rock She Wrote“ und renommierte Musikkritikerin, tappt erfreulich selten in solche Fallen. Dies vor allem, weil Björk für sie ein Phänomen ist, das erst durch die Brechung in der eigenen Biografie entsteht. Wenn McDonnell Björk analysiert, analysiert sie immer auch sich selbst – und umgekehrt. Damit entwirft sie ein zwar nicht völlig neues, aber doch in wesentlichen Nuancen anderes Bild des – Achtung, Klischee – Vulkans aus Reykavik. Zum Buch gehört auch ein längeres, zweisprachig wiedergegebenes Interview mit Björk. Manchmal sprudelt dabei der – na? – Geysir der modernen Musik a bisserl zu versponnen, aber insgesamt mit Gewinn zu lesen.

So; und jetzt noch ein paar Kleinigkeiten, frei nach dem Motto: Was mir sonst noch so zulief.

Nennen wir zuvörderst Jürgen Wandas schwergewichtiges „Musiklexikon zur Gegenwart der Stars von gestern“, „Yesterday’s Hero – 2001“ betitelt. Es geht, wie in den meisten Veröffentlichungen des Starcluster Verlags, besonders um Diskografisches, so dass man keine großen Textleistungen erwarten darf. Wer sich aber dafür interessiert, was Mouth & McNeal, Fleetwood Mac oder – ächz – The Wombles heute so produzieren, wird hier gut bedient.

Zum Schluss noch zwei Erzeugnisse aus der großen Rubrik „Ein runder Geburtstag ist das beste Verkaufsargument“. Ja, tatsächlich, stimmt: Jimi Hendrix wäre am 27. November 2002 60 Jahre alt geworden. Grund für den Hannibal Verlag, die Neuauflage der ultimativen Hendrix – Biografie in Deutsch zugänglich zu machen. Charles Shaar Murray heißt der Autor von „Jimi Hendrix – Sein Leben, seine Musik, sein Vermächtnis“. Uneingeschränkt empfehlenswert, auch und gerade, weil Murray sehr weit ausholt und Hendrix über lange Strecken gar nicht vorkommt. Wir erfahren viel über Blues, Soul, die Sechziger etc., und wenn wir schon glauben, im falschen Buch zu sein, kommt er doch wieder, der Meister der Stratocaster, und wir merken plötzlich, dass er eigentlich die ganze Zeit da war. Ein wohltuendes Werk.

Auch nicht schlecht: „A Tribute To Jimi Hendrix“, herausgegeben von Frank Schäfer. Altes und Neues zum Geburtstagskind, manches knapp journalistisch, anderes ausführlicher fiktiv. Tendenz auch hier: Welche Rolle hat Jimi in meinem Leben gespielt? Wie war das doch damals, als wir auf der Schultoilette usw usf. Für Fans ein Muss. Enthält übrigens einen hübschen Beitrag von Matthias Penzel. Den erwähne ich hier besonders gerne, weil Penzel auch das Lektorat bei Lindquists Roman besorgt hat und ihm jene wohlmeinenden Hände gehören, die mir das Büchlein haben zukommen lassen. Irgendwann schließt sich jeder Kreis.

(dpr)

Bibliografie: