gelesen von Dieter Paul Rudolph

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Erfreulich. Zur Zeit werde ich mit deutschen Produkten aus der großen Familie Rockliteratur beinahe zugeworfen. Und weil ich manchmal bei all dem Beschuss mal zurück schießen muss, gibt’s hier eine Auswahl besonders lesenswerter Neuerscheinungen.

Beginnen wir mit Björk. Yep, alles klar; die hatten wir erst letztes Mal. Scheint aber in Deutschland so langsam Kult zu werden (yo, alles wird Kult; sogar MÜLLER MILCH). Nachdem an dieser Stelle schon Evelyn McDonnalls Björk-Werk empfohlen wurde, geht es nun um „Human Behaviour“ von Ian Gittins, ein Buch, dessen Untertitel „Die Story zu jedem Song“ Auskunft über die Machart des Textes gibt.

Buch-Cover Evelyn McDonnall - Human BehaviourTja, und eigentlich mag ich solche Bücher nicht. Besonders im englischsprachigen Raum sind sie weit verbreitet und kranken zumeist an dem Umstand, dass Vollständigkeit Pflicht ist. Fällt dir also zu einem Song partout nix ein (vielleicht weil es objektiv nichts Nennenswertes dazu zu sagen gibt), musst du dennoch ein paar Zeilen absondern. Ziemliche Drögheit ist die unausweichliche Folge, etwas auch, das unsere Vorfahren eine „verdammt längliche Lektüre“ zu nennen pflegten.

Erfreulicherweise hebt sich „Human Behaviour“ von diesen eher missvergnüglichen Fleißarbeiten ab. Der Autor beginnt mit dem Jugendwerk der quirligen Isländerin (aufgenommen im zarten Alter von 11), begutachtet das Oeuvre der Sugarcubes nebst anderer Bands, die sich die Björkschen Dienste gesichert hatten, und gelangt schließlich zum eigentlichen Björk-Katalog, der auch seltene B-Seiten und alternative Songversionen nicht ausschließt.

Das kommt alles schön sachlich und korrekt daher, ist nie geschwätzig, nie pseudopsychologisch und, ganz nebenbei, hübsch faktisch. So macht das „Song für Song“ – Prinzip Sinn. Darüber hinaus bietet das großformatige Buch reizende Fotoansichten der mit 190.000 isländischen Kronen skandalös unterbewerteten Künstlerin (Wer diese Wertangabe nicht versteht, der behalte sie bitte im Hinterkopf und lese wacker weiter.). So ist der Preis von 24,90 gerechtfertigt. Dem verantwortlichen Verlag „rockbuch“, der Ähnliches auch schon für die Stones, Beatles und andere geleistet hat, kann man für die Zukunft nur weiterhin ein glückliches Händchen wünschen. Ich brauche kaum zu erwähnen, dass, sollte man einmal Joni Mitchell oder Steely Dan einer genaueren Songanalyse für würdig befinden, es aus den Tiefen der HINTERNET-Redaktionsbüros laut „Das schreib aber ich!“ rufen wird.

Weniger geeignet sehe ich mich dagegen zur Analyse von Leben und Schaffen des Herrn Moby, so dass mir Martin James mit "Moby Replay"diese Arbeit abgenommen hat. Der Nachfahre Herman Melvilles („Moby Dick“) und Busenfeind Eminems zählt zu den angenehmeren Erscheinungen der Dance- und Technoszene, weil man bei ihm stets merkt, dass hinter allen Beats, Loops und weiß der Geier, wie das alles noch heißt, ein denkender Kopf steckt, nicht nur ein rotierendes Becken (das sicher auch).

James arbeitet nach dem traditionellen Bio-Prinzip: Chronologisch, viele Zitate, die sich aus längeren Gesprächen mit dem Gegenstand der Bioarbeit destillieren ließen. Ist nichts dagegen einzuwenden. Manch tiefere Einsicht in das Geschäft Dance/Techno lässt sich dabei gewinnen, und die Ansichten des Herrn Moby sind so dumm nicht, wenn auch gelegentlich eine Spur zu schwerphilosophisch. Für Freunde des Genres eine Pflichtlektüre.

So. Und jetzt noch schnell zwei Werke der erzählenden Literatur. Zunächst Liza Codys Roman „Gimme More“. Hier gibt es nur eins: Sofort kaufen, sofort lesen. Ein extrem vielschichtiges Buch für Leute, die beim Lesen gerne denken. So vielschichtig, dass ich hier nur kurz auf das Rockrelevante eingehen möchte.

Die Heldin Birdie Walker ist eine Rockwitwe im Stile Courtney Loves und Yoko Onos. Gehasst und geächtet, lächerlich gemacht: Dabei war sie ihrem Mann und Superstar Jack stets mehr als nur Muse. Viele der Jacksongs hat sie initiiert oder zu Ende geschrieben, ohne dafür die verdienten credits zu erhalten. Jetzt geht es Birdie reichlich dreckig. Sie arbeitet als Talentscout und macht manch englisches Pfund nebenbei mit kleinen Betrügereien (deren Schilderung alleine schon ihr Geld wert sind).

Als sich Jacks Todestag wieder einmal geschäftsträchtig rundet, tauchen die Aasgeier der Branche bei Birdie auf, um ihr ein legendäres Video und bislang unveröffentlichtes Tonmaterial abzuluchsen. Ja, und damit beginnt der Reigen. Wir tauchen ein in die dreckige Welt des Business, betrachten uns angeekelt die Überlebenden früherer Rockherrlichkeit – und werden mit einem ebenso überraschenden wie doch logischen Schluss belohnt. Also lesen, lesen, lesen.

Cover 101 ReykjavikUnd weil wir schon einmal dabei sind: Lesen, lesen, lesen: Das gilt nach wie vor für Hallgrimur Helgasons Roman „101 Reykjavik“. Dessen deutsche Übersetzung stammt aus dem Vorjahr und wurde euch von mir ja schon als passendes Weihnachtsgeschenk ans Herz gelegt. Jetzt, beim Wiederlesen, ist mir der Rockbezug dieses Romans erst so richtig aufgefallen.

Der Held, ein, wie sagt man doch?, Tunichtgut, verbringt seine Zeit auf gut Isländisch mit Feiern, Kiffen, Vögeln und Saufen. Auch taxiert er Frauen in isländischer Währung (jetzt kommt der Bezug zu Björk, siehe oben). Eine Nacht mit Camilla Parker Bowles wäre ihm 2500 isländische Kronen wert, eine mit Björk die schon erwähnten 190.000. Die Fragwürdigkeit der ganzen Geschichte geht einem aber erst auf, wenn man liest, dass es Pamela Anderson auf sehr stolze 4.700.000 bringt, 200.000 mehr als Madonna und die Jungfrau Maria. Ein hübsches Sümmchen, für das man auf Island mehrere Pizzas essen könnte.

Und immer wieder Rockmusik: „Ein dreiundzwanzig Jahre altes Gitarrensolo fetzt durch den Raum...“ – „Aus den Lautsprechern Rockmusik vom vorigen Jahrhundert, abgenutzte Klänge, als hätte man die Platten bei archäologischen Grabungen gefunden: Black Sabbath, Deep Purple, Led Zeppelin.“ Undsoweiter. Durchgängig. Da ich gerade wieder gehört habe, uns erwarte heute „Schwerregen“, möchte ich für „101 Reykjavik“ halt auch eine Schwerempfehlung abgeben. Und nun lest mal schön.

(dpr)

Bibliografie: