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Die Aeronauten

Zu gut für diese Welt (Best of)

(L'age d'or)

siehe auch:
GUZ
Aeronauten-Interview

Vor so ca. einem Jahrzehnt sah ich die Aeronauten als Vorband von Tocotronic und fand sie gar nicht so toll. Das tut mir inzwischen furchtbar leid, denn die Aeronauten sind ein bemerkenswerter Haufen! Die Schweizer touren und produzieren scheinbar rund um die Uhr, spielen eine schmissige Mixtur aus poppigem Garagenrock und Soul und sind (neben schwachen Momenten, aber wer hat die nicht?) immer wieder witzig, traurig und weise.

L'age d'or veröffentlicht jetzt "sechszehn unvergängliche Allzeitfavoriten + neun fast vergessene Knaller aus den staubigen Kellern der Aeronauten-Archive" - eine einmalige Chance, diese netten Jungs zum Midprice kennen zu lernen, incl. jeder Menge Fotos und einer Bandgeschichte. Die fast vergessenen Knaller braucht wohl nur der Hardcore-Fan, störend sind sie aber trotzdem nicht. Viel Leistung für wenig Geld! So, genug der Lobeshymnen, jetzt wird auf die Tour gewartet...

P.S.: Wann kommt Best of GUZ? Das Solo-Projekt des Aeronauten-Sängers hat ja auch schon einige Alben abgeworfen...

(sk)

 


Die Aeronauten

Bohème pas de problème

(Make Up/Rec Rec/EfA 05176-2)

Sind das kleine Gamaschen, da an den Füßen der Aeronauten? Weiter oben ein Gehrock und ein Stöckchen? Ja doch. Geschmeidige Dandys sind sie geworden, mit elastischen Beinen und purem Sex im Blut.

Gut, die alte Hau-drauf-Kapelle klingt immer noch durch, aber zum ersten Mal entdecken die Aeronauten das Luxus-Potential, das in ihrem Line Up steckt: wieviele Bands nennen schließlich schon einen Bläser ihr eigen?! Funkelnder, edler Soul schallt einem entgegen, aber das ist dann wirklich der höchste Peak. Das eigentliche Novum ist der Latin-Swing, der inzwischen in den Aeronauten-Adern pulsiert! Los Aeronautos haben sich zurück in die Fifties gebeamt, schwelgen in plüschigem Bossa und relaxtem Calypso mit raffinierten Percussions und sonnigen Melodien. Viel Psychedelik ist auch im Spiel, denn das entspannte Sich-treiben-lassen gehört eindeutig ebenfalls zu den neuen Disziplinen der Aeronauten, mit jeder Menge Orgel und viel Wah-Wah. Aber Achtung: mittenrein knallen immer wieder dreckige Metal-Gitarren, Deep Purple lassen grüßen.

Manche Dinge ändern sich allerdings nie: die Aeronauten bleiben im Herzen Low-Fi-Straßenkappelle mit kleingliedrigen Staccato-Popmelodien, die von ihren kruden Texten diktiert werden. Das ist wahrscheinlich die wahre, unkopierbare Kunst der Schweizer: wunderbaren, melodiösen Pop zu machen, obwohl Musik- und Sprechrhythmus im Dauerclinch liegen. Im Geheimen sind sie alle "Talkin´ Blueser", diese Aeronauten: nix Hamburger Schule, sondern Childs of Dylan...

Und zehn Meter gegen den Wind erkennt man die Aeronauten natürlich an der raunenden Nicht-Stimme ihres Sängers Olifr Maurmann. Herrlich, wenn der neue Erotik-Sound der Band mit seinem Gesang kollidiert. Der ist so unsexy, wie es nur geht. Und das ist auch gut so.

Atemberaubende Geschichten haben sie (wie immer) zu erzählen. Nach dem Genuß einer Aeronauten-Platte sieht man die Welt wieder mit anderen Augen. Und ist vielleicht froh, in seiner eigenen zu leben. Denn die der Aeronauten ist trotz der sorglosen Melodien und des unprätentiösen, dahingeworfenen Gesangs voller Tragik! Gefangen in einem Labyrinth aus Beziehungsproblemen, Alltags-Absurditäten, kranken Zeitgenossen und einem latenten Groll gegen irgendwie-alles, können sie wahrscheinlich gar nicht anders, als sich durch ihre Musik selbst zu therapieren. Möge es immer so bleiben.

P.S.: Die Auswahl fiel schwer, aber zum Abschluss noch die drei schönsten "Es-Sätze" aus "Bohème...":

  1. Es war eine voll saublöde Idee mit diesen selbstgefärbten Wollehosen, doch sonst geht's uns wunderbar.
  2. Es gibt Leute, die geben ihren Fingern französische Frauenvornamen.
  3. Es wird viel geschüttelt an dieser Hand von mir.

(Katja Preissner)

 

Die Aeronauten

Honolulu

(L'age d'or/Rough Trade)

Wenn die Aeronauten ins Studio geh´n, schütteln alle Bandmitglieder wahrscheinlich nur mal kurz die Ärmel, und das war´s. Richtiger Low-Fi-Sound muß eben klingen wie ein Schuß aus der Hüfte. Jedenfalls wirken Aeronauten-Werke immer, als wären sie grad im Vorbeigehen eingespielt. Aber das ist mit Sicherheit nicht der Fall, denn aus zahlreichen Interviews mit Eiskunstläufern und Zirkusclowns weiß man ja, daß gerade "die einfachen Sachen" die schwersten sind!

Die fünf Schweizer (aus Schaffhausen) sind beim Hamburger-Schule-Hauslabel "L´Age d´Or" unter Vertrag, haben mit dem Sound der ´Hamburger Schüler´ aber nichts gemein, und das ist gut so. Auch auf "Honolulu" gibt´s wieder vergnügt lärmenden, spröden Schrammelrock satt, flotte Pop-Melodien, swingende Bläser und dezent wabernde Orgeln. Ein bunte Mischung, die nur noch von den absurd-albernen Texten des (Fast-)Alles-Schreibers und Aeronaten-Kopfes Olifr Maurmann übertroffen wird. Maurmann ist auch bekannt mit seinem Projekt GUZ, und auf dem aktuellen Aeronauten-Album ist ein einziger Song ("Wo die Sonne aufgeht") nicht von ihm! Seine eigenen jedenfalls erzählen von Schweizer Weltmeisterträumen, ganz banalem Losertum (ich renne herum, ich renne hinterher, und wo ich hinkomm, ist schon lang niemand mehr: "Früh/Spät"), ungewöhnlichen Freizeitbeschäftigungen (ich hab eine Sekte draußen auf dem Land: "In meiner Sekte") und dem alltäglichen Frust (ein Öltanker voll Ärger liegt in meinem Hafen auf Grund: "500 000 BRT")... Dies nur als Appetitthäppchen: Ohren auf beim Aeronauten-Kauf!!!

Aeronauten-Songs sind im Schnitt selten länger als zweieinhalb Minuten, das Quintett fackelt nicht lang und braucht definitiv keine ausschweifenden Kunstwerke, um seinen schrägen Charme zu entfalten. Dennoch sind alle Stücke liebevoll arrangiert und durchstreifen einmal quer den Stil-Fundus der populären Musik, vom 40er-Jahre-Jazz ("Swing-Zwang") über das Country-Bonbon "500 000 BRT" bis hin zum staksigen New Wave-Rock ("Wo die Sonne aufgeht"). Alles in allem: ein kurzweiliger Muntermacher!

(Katja Preissner)

Cover Honolulu

Die Aeronauten

jetzt musik

(L´Age D´Or/Rough Trade) [3-97]

Sind Die Aeronauten Hamburger Schüler? No, Schweizer kann man nicht so einfach in Norddeutschland vereinnahmen. Inzwischen sollte darauf verzichtet werden, deutschsprachige Rockmusik mit Alltagstexten die Erinnerungen auslösen nur nach Hamburg einzuordnen. Vielleicht hatten die Norddeutschen zuerst den kommerziellen Erfolg. Jungs wie Die Aeronauten sind aber schon länger im Geschäft und Lado hat kaum abgefärbt. Im Gegenteil. Die Aeronauten sind sich und ihrere Musik treu geblieben. Passend daß die Texte sich mit dem Alter der Texter entwickeln, während die Tocos immer noch über die Abi-Zeit singen. Alltag der Endzwanziger. Bände spricht der Text von "Countrymusik":
Langsam kriegen wir raus wie der Computer geht - Wir telefonieren mit dem Handy und hoffen daß uns niemand dabei sieht - Mit dem Alter fängt man an sich für Countrymusik zu interessieren..."
Der Punkrocker wird älter und erschrickt vor den Veränderungen in seinem Leben, akzeptiert sie aber schließlich. Alter macht weiser.

Texte über die Sehnsucht nach dem Meer (inspiriert übrigens von Randy Newmans Serienkillersong "In Germany before the war"), eine langewährende, normalisierte Liebe, die langweiligen Anderen, 2 eher langweilige Instrumentals, nervige Leute die man trifft, das Dorf aus dem man kommt und so...

Sehr schön.

(carrzy)

Cover jetzt Musik

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