CD-Kritik Zur Startseite

Tori Amos

Scarlet's Walk

Epic/Sony Music

Trügt der Eindruck oder ist Tori Amos tatsächlich positiver Stimmung? Während ich ihrem letzten Album "Strange Little Girls" eine "bedrückte, fast gruselige Stimmung" attestieren musste, hat sich Amos für das neue Album anscheinend einiger negativer Emotionen entledigt. Die mögliche Schlussfolgerung, "Scarlet's Walk" sei ein optimistisches und frohlockendes Werk geworden, ist jedoch falsch. Auf dieses Glatteis hat sich Tori Amos nicht begeben. Sie ist stattdessen ihren Wurzeln näher gerückt, hat sich hinters Piano gesetzt und wurde von Musikern wie Jon Evans am Bass und Matt Chamberlain am Schlagzeug begleitet. Und John Philip Shenale war dabei, der mit Hilfe der Sinfonia Of London die Streicherarrangements in Szene gesetzt hat. Aufgenommen wurde in Amos Privatstudio im englischen Cornwall.

"Scarlet's Walk" ist eine lyrische, zum Teil auch musikalische Reise durch Nordamerika – von Osten nach Westen, von Süden nach Norden. Jeder Song eine Teilstrecke. Im Vergleich zu den letzten beiden Alben ist dies eine erstärkte, eine persönlichere Tori Amos, die uns in 74 Minuten den Reisebericht von Scarlet näher bringt. Vor allen Dingen hat sie nicht wieder den katastrophalen Fehler begangen, ihre unnachahmliche Stimme unter Elektro- und Industrial-Müll zu begraben, wie sie es auf "To Venus And Back" getan hatte.

(kfb)

Cover Scarlet's Walk

Tori Amos

Strange Little Girls

(AtlanticEastWest)

"Strange Little Girls"ist kein Märchenalbum, das Sagen über seltsame, kleine Mädchen verbreitet. Ebenso wenig ist es ein gewöhnliches Studioalbum einer Frau, die über Jahre hinweg mit ihrer Musik nicht nur Männerherzen verzaubert hat. Die rothaarige Sängerin Tori Amos hat sich ein neues Konzept zurechtgelegt, um den Tour-Studioalbum-Tour-Zirkel aufzulockern: Man nehme Songs männlicher Künstler und packt diese auf eine Platte. Zuvor arrangiert man sie um, damit sie halbwegs zum eigenen musikalischen Werdegang passen. Amos "interpretiert sie aus der Sichtweise verschiedener weiblicher Charaktere". Eine Frau betrachtet die Gleichgeschlechtlichen aus der Sicht des Mannes sozusagen. "Ich fand es immer faszinierend, wie Männer Dinge sagen und wie das Gesagte dann von Frauen empfangen und verstanden wird", erläutert Amos. Dies in Form von Neuinterpretationen auf einem Album umzusetzen erfordert artistische Spagatübungen. Denn wer hätte von der manchmal zartbesaiteten Sängerin erwarten können, einen Trash Metal-Kracher wie "Raining Blood" von den gnadenlos brutalen Slayer nachzuspielen. Von Härte und Aggression ist in der Amos-Version nichts mehr zu spüren. Stakkato-Riffs und Brüllgesang wichen düsteren Waber- und Pianosounds und einer zerbrechlichen, bedrückten Stimme.

Amos schlüpft für jeden Track in eine andere, für sie meist neue Rolle und reißt die Songs aus ihrem bisherigen Kontext und gibt den Texten eine andere Sichtweise. Sie verdreht die Perspektiven. Daher auch zu jedem Song ein passendes Portraitfoto, umgesetzt von Fotograf Thomas Schenk. Die Spanne reicht von College-Girl, Britney Spears-Verschnitt und Gestapo-Gespielin über französisches Model bis hin zum Vamp.

"Strange Little Girls" ist eine durchweg ruhige Angelegenheit. Viele Gründe zum Lachen gibt Amos dem Hörer nicht. Eine bedrückte, fast gruselige Stimmung liegt über den Songs, die aus den Federn von Eminem ("'97 Bonnie & Clyde"), 10 CC ("I'm Not In Love"), Joe Jackson ("Real Men"), The Beatles ("Happiness Is A Warm Gun"), Depeche Mode ("Enjoy The Silence"), Lou Reed ("New Age"), Neil Young ("Heart Of Gold"), The Stranglers ("Strange Little Girls"), Tom Waits ("Time"), Lloyd Cole ("Rattlesnakes") und den Boomtown Rats ("I Don't Like Mondays") stammen. Aber wie gesagt: Das sind alles andere als gewöhnliche Nachspielereien. Amos hat sich Mühe gegeben, die Vorlagen zu entfremden und so geschickt ihrem bisherigen Schaffen anzupassen. Eine Platte für trübe Tage. Für einsame Stunden im Dunkeln. Für Traurigkeit. Für den Herbst.

Im Rahmen der derzeit laufenden Tour wird Tori Amos zum ersten Mal seit 1994 wieder ohne Band auftreten und ihre Songs nur mit Piano untermalen.

(kfb)

Tori Amos

To Venus And Back

(Atlantic/East West)

"Venus Orbiting" heißt die erste CD dieses Doppelpacks und liefert elf neue Studiosongs von Tori Amos. Die zweite CD trägt den Titel "Venus Live. Still Orbiting" und beglückt den Fan mit elf Livestücken, die sie während ihrer Plugged World Tour '98 mitschnitt sowie zwei weiteren Songs ("Sugar", "Purple People"), die während des Soundchecks aufgenommen wurden. Eigentlich wollte Tori Amos eine B-Seiten-Sammlung zusammenstellen, als plötzlich neue Ideen an die Oberfläche drangen. Unter Mithilfe ihrer Liveband entstanden in relativ kurzer Zeit die neuen Songs. Es ist nunmehr nicht allein das Piano, das ihre Stimme und ihre Texte begleitet, sondern Keyboard, Bass, Gitarre und Schlagzeug. Jeder Song erzählt seine eigene Geschichte. Einmal geht es um die Achtziger ("Glory Of The 80's"), als Dekadenz und Großmut, Exzesse und Ultrakonservatismus in Los Angeles, wo Tori Amos seinerzeit wohnte, an der Tagesordnung war. Ein anderes Mal, in "Datura", geht es um das giftige Nachschattengewächs Datura oder um eine mexikanische Grenzstadt, in der über eine Dekade hinweg, Hunderte von Frauen vergewaltigt und ermordet wurden ("Juárez"). Insgesamt zeichnet "To Venus And Back" ein modernes Bild der Songschreiberin, da auch programmierte Drums zum Einsatz kommen. Trotzdem hat Tori Amos nichts von ihrem bekannten Charme und nichts an Reiz verloren. Um die entsprechenden Tracks für die Live-CD auszuwählen, gaben Tori Amos, Mark Hawley und Marcel van Limbeek, die beiden Produzenten des Werkes, den mitgeschnittenen Songs Noten von eins (schlecht) bis vier (sehr gut). Ohne Overdubs, aber neu abgemischt landeten daher u.a. "Little Earthquakes", "Cornflake Girl", "Precious Things" und "Girl" auf "Venus Live. Still Orbiting".

(kfb)

Cover