CD-Kritik Zur Startseite

Blumfeld

Testament der Angst

eastwest records (VÖ: 21.5.01)

Das ist Demokratie, langweilig wird sie nie.

Man kann ja über Blumfeld sagen, was man will, eines ist sicher unbestritten: Langweilig wird's nicht mit der Band um Jochen Distelmeyer. Waren beispielsweise Tocotronic bei ihrem Debüt angetreten, zehnmal dieselbe Platte aufzunehmen (was sie bei aller strukturellen Ähnlichkeit der Scheiben aber doch nicht taten; auch die werden schließlich älter und entwickeln sich oder haben einfach mehr Geld für längere Studiozeit und komische Soundeffekte), scheint zu Blumfeld die garantierte Veränderung zu gehören.

Von Vergleichen mit der "Ich-Maschine" oder "L'Etat et moi" wollen wir gar nicht reden. Wie sieht's mit dem Vorgänger-Album aus?

"Testament der Angst" knüpft an "Old Nobody" an. Irgendwie. Irgendwie aber auch nicht. War die 99er-Veröffentlichung noch ein schimmerndes, emotionales, drängendes und gleichzeitig aber auch cool abgeklärtes Statement zu Gott und der Welt, wirkt die aktuelle Blumfeld-Platte nicht wie ein ähnlich großer Wurf. Zumindest beim ersten Anhören.

Seltsam zerrissen sind die neun Songs. Bislang konnte man ja sicher sein, daß Hermann-van-Veen-Fans und Konstantin-Wecker-Zuhörer bestimmt keine Blumfeld-CD auflegen würden, wenn sie sich zuhause vom Streß der Welt erholen. Mit "Testament der Angst" könnte sich das ändern: Bei zwei, drei Stücken kommen die Freunde der Innerlichkeit sicherlich auf ihre Kosten. Obwohl es da eine Sache gibt, die fundamental dagegen steuert: Jochen Distelmeyers Stimme, die immer eine gewisse Distanz hält zu den Texten. Quasi eingebaut in Tonfall und Sound seines Organs. Auch dann, wenn die Worte starke Gefühle auf eine manchmal sehr klischeehafte Weise beschwören.

Auf der anderen Seite gibt's mit "Die Diktatur der Angepaßten" und dem Titelstück zwei Songs, die Distelmeyers immer wieder geäußerte Begeisterung für eine Band wie Fehlfarben durchscheinen lassen. Und das tut sich sicher kein Fan von Hermann van Veen an. Vorausgesetzt, es gibt noch irgendwelche Verläßlichkeiten in der doppelt-und-dreifach-post-modernen Welt, in der wir leben.

Für mich die absoluten Highligts der Platte: "Anders als glücklich" mit dem Chor der Ex-Lassie-Singers Christiane Rösinger und Almut Klotz ("Das' richtig, Mädels") und das "Abendlied". Letzteres ein Cover von keinem anderen als Hanns Dieter Hüsch. Ja, genau der. Der große alte Mann der Kleinkunst, der immer so verkrampft hinter seiner Heimorgel hockte. Und für solche Ideen, für das absolut unerwartete Interpretieren seltsamer sentimentaler Lieder, für seinen todsicheren Instinkt für die Provokation und für die Ohrfeigen, die er den Gebetsmühlendrehern des Musikbusineß verabreicht, brauchen wir Distelmeyer.

Ein guter Mann. Eine gute Band.

Eine gute Platte?

Vorhang zu, die Frage offen.

(hb)

 

Blumfeld

Old Nobody

(Big Cat/Rough Trade)

Es könnte ganz gut passieren, daß sich Herr Distelmeyer mit seinem neuem Album "Old nobody" von seiner alten Fangemeinde verlassen sieht. Er macht es ihr auch nicht gerade leicht. Hat er doch jetzt den Sound der Achtziger für sich entdeckt. Insbesondere der Sound von George Michael und von Prefab Sprout hat es ihm angetan. Dumm nur, daß sich der größte Teil seiner Hörerschaft von diesem Sound eher peinlich berührt fühlen dürfte und damit wohl auch kaum Verständnis für seine neu entdeckte Liebe zu cleanen Pop-Sounds aufbringen kann. Unverdient, wie ich meine. Denn Jochen Distelmeyer hat die seltene Gabe Emotionen in Worte zu fassen und damit auch dem Zuhörer verständlich zu machen. Er hat wohl auch die Frau seines Lebens getroffen, zumindest hat er sich die letzten beiden Jahre ausführlich mit der Thematik beschäftigt.

War auf den vorherigen Alben noch der Staat und das Individuum das Thema, so ist jetzt die Zweierbeziehung das große Thema. Es sind Liebeslieder, die dabei herauskommen. Und natürlich mußte auch ich beim ersten Song schlucken, denn der Pur-Vergleich drängt sich automatisch auf. Aber, Jochen Distelmeyer erreicht mit seinen Texten entschieden mehr Tiefe. Und genau das macht den entscheidenden Unterschied. Den Vorwurf, Blumfeld würden sich mit diesem Album an den Mainstream verkaufen, ist auch nicht zu halten, bedient sich Diestelmeyer doch eines Sounds, der einmal Mainstream war, aber schon lange nicht mehr ist.

Und selbst, wenn es so wäre, bliebe es uns allen zu wünschen, daß der neue Sound von Blumfeld auch der neue Mainstream wird. Dann könnte man beim Spülen wieder Radio hören. Aber so weit wird es nicht kommen, denn Distelmeyers Party ist der Text und an der wird die Masse nicht teilnehmen können. So wie sich Bob Dylan immer wieder neu erfindet, hat sich Blumfeld mit dieser Platte neu erfunden. "Ein neuer Sound, ein neuer Sinn" wie er, im besten Song des Albums "So lebe ich" selbst sagt. "Im Selbstversuch den Schmerz zu lindern".

Danke schön, klasse.

(rk)


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