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Blur

The Best Of Blur

(EMI)

Irgendwie seltsam, dass die Oasis-Live-Platte fast zeitgleich mit der Retrospektive ihrer ewigen Konkurrenten Blur auf den Markt kommt. Nun, zumindest Blur haben einen triftigen Grund, diese Best Of-Scheibe auf den Markt zu werfen. Nein, es ist nicht wegen des Weihnachtsgeschäfts, aber wohl wegen der Ankündigung, auf alte Tracks in Zukunft zu verzichten und sich auf der Bühne ausschließlich auf neues Material zu konzentrieren. Ob Damon Albarn da nicht den Mund zu voll nahm, wird sich zeigen. Bis dahin genießen wir die 17 Schmuckstücke aus vergangenen Tagen und ergötzen uns an dem einen neuen Schmankerl namens "Music Is My Radar". Mein Radar ist jedenfalls voll auf Empfang gestellt. Was macht der ihre?

(kfb)

 

Blur

13

(Food) [3-99]

Und wieder mal ein Abschied: 1993 sagten Blur dem Indie-Dance-Ding ihres Debüts "Leisure" auf Wiedersehen und schufen ihre 'Britpop'- Trilogie, bestehend aus "Modern Life Is Rubbish", "Parklife" und "The Great Escape", von der man sich mit dem Album "Blur" wiederum distanzierte. Und was jetzt? Natürlich haben sich Blur wieder mal selbst neu erfunden und sich, um auf den Abschied zu sprechen zu kommen, von ihrem langjährigen Produzenten Stephen Street getrennt. Statt dessen produzierte William Orbit, der, der die zahlreichen Spuren des letzten Madonna- Albums zugeknallt und ihr ein moderneres musikalisches Antlitz verschafft hat. Was entsteht, wenn so einer eine der kreativsten (quantitativ und qualitativ) britischen Bands im Studio coacht?

Das weiße Album. Jenes Spätwerk der Beatles wird oft in einem Atemzug mit der neusten Blur- Veröffentlichung genannt, und "Tender", die Single und gleichzeitig erstes Stück des Albums (es enthält übrigens einen Gospel-Chor), klingt auch arg nach John Lennon, aber was danach kommt ist nun nicht gerade 'beatlelesque'. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten zwischen beiden Alben: Ebenso wie das weiße Album klingt 13 freier und weniger zusammenhängend als seine Vorgänger. Die Songs wurden nicht festgenagelt oder herauskristallisiert und in angenehme Drei- bis Vier- Minutenformate verpackt. Streckenweise klingt das alles fast schon improvisiert, aber trotzdem nicht unmotiviert. Laut Aussagen der Band war die Herangehensweise von William Orbit eine gänzlich andere als die seines Vorgängers. Es wurde mehr experimentiert, gejammt, während er aufnahm und das alles zu einem großen Puzzle zusammensetzte. 'In der Kürze liegt die Würze' war sicherlich nicht sein Motto, was das Format der Stücke angeht. Von mir aus hätte es auch manchmal ein bißchen weniger sein können, wobei das 'mehr' nicht wirklich störend sondernd ungewohnt für Blur ist.

Auch was den Sound angeht, gibt es ein 'mehr' an Experimentierfreude. Verzerrte Gesänge galore ("Bugman", "B:L:U:R:E:M:I:"), hysterische Gitarrensounds ("Swamp Song") einerseits und wabbernde Klangteppiche ("Battle") andererseits. Wenn der Gesang gerade nicht verzerrt ist, was natürlich auch noch oft vorkommt, erscheint Damon Albarns Gesang in voller Pracht. Es hört sich nicht immer leicht an, was er da singt. Einer der Höhepunkte des Albums ist dennoch "Coffee and TV", das Stück, das von Gitarristen Graham Coxon gesungen wird, und eher als 'normaler' Popsong daherkommt, auch in Sachen Produktion. Es gibt sogar eine sparsam instrumentierte Fast-Schon-Blues-Nummer: "No Distance Left To Run". Es ist an dieser Stelle bereits leicht zu erkennen, daß dem Album mit Verallgemeinerungen schwer beizukommen ist. Im Prinzip ist jeder Song ein Universum für sich. "13" ist kein 'Konzeptalbum' (was für ein ekelhaftes Wort), wie "The Great Escape" gewissermaßen eins ist.

Über die Texte läßt sich sagen , daß sie teilweise sehr persönlich sind, was daran liegt, daß Damon Albarn in ihnen Trennung von seiner langjährigen Freundin Justine Frischmann (Elastica) verarbeitet. Dennoch ist das Album nicht der reine Weltschmerz. Im Gegenteil: Eine Zeile wie "Love's the greatest thing" ("Tender") hätte man ein paar Alben vorher lediglich für einen zynischen Witz gehalten. Auf "13" ist sie zweifellos ernst gemeint. Außerdem gibt es zahlreiche Textfragmente, deren Sinn wahrscheinlich nur Albarn selbst kennt. Da geht es in "Trailerpark" um einen country boy, der sein Mädchen an die Rolling Stones verloren hat, und das.

Alles in allem läßt sich sagen, daß es nichts gebracht hat, sich mit älteren Blur-Alben auf das neue einzustimmen; wieder einmal ist das neue gewohnt ungewohnt: - Schade aber toll. "13" wird sicherlich eines meiner Alben des Jahres 1999 werden.

(nac)

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Blur

Leisure

(Food) [1991]

Mit ihrem Debüt versuchten Blur auf den Rave-Zug aufzuspringen, was allerdings - zumindest stilistisch - ein wenig mißlang: Raving Madchester war eine Sache von 'Northern-Boys', wie zum Beispiel den Stone Roses. Blur dagegen trugen ihre Songs mit einem aufgesetzten Londoner Akzent vor und erinnerten durch ihre Gitarrensounds manchmal sogar eher an das damals Grunge-orientierte Amerika. Letzerer Aspekt wurde dann wiederum relativiert durch Hammond-Orgel und 60ties Anleihen. Eigentlich stimmte also gar nichts. Dennoch sind auf dem Album echte Klassiker, wie zum Beispiel "There's No Other Way" (ein echter Hüftschwinger!), "She's So High" oder "Sing" (zu spätem Ruhm gelangt durch den Film "Trainspotting").

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Blur

Modern Life Is Rubbish

(Food) [1993]

Obwohl dieses Album das kommerziell erfolgloseste Album von Blur war, ist es dennoch wahrscheinlich das charmanteste. Beim ersten Hören erscheint es ein wenig sperrig, entfaltet dann allerdings nach mehrmaligem Abspielen seine volle Schönheit. Hier entwickelten Blur ihren eigenen Stil, und 'Britpop' (die Musikpresse braucht eben ihre Schubladen) war geboren. Amerika, verkörpert durch schluffe Grunge-Anhänger in zu großen Holzfellerhemden, Fastfood-Ketten und das Modern Life schlechthin waren der Gegner. Diesen galt es zu bekämpfen mit 'Fred Perry' - Polos, Doc Marten's und eben allem, was man als 'typisch britisch' bezeichnen könnte. Da lag es nahe, sich musikalisch auf die goldene Ära der britischen Musik, nämlich auf die 60er Jahre zu beziehen (Kinks, The Who und das), David Bowie nicht zu vergessen und daraus einen eigenen Stil zu kreieren. Textlich wurde die Ich-Perspektive aufgegeben. Statt dessen erzählte Damon Albarn nun Geschichten von fiktiven Charakteren aus dem britischen Alltag. -Etwas spinnert, aber stilistisch sehr zielsicher! Als Anspieltips wären "For Tomorrow", "Starshaped" und "Chemical World" zu nennen.

 

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Blur

Parklife

(Food) [1994]

Mit diesem Album haben Blur den Stil des Vorgängers perfektioniert und erweitert, und der kommerzielle Erfolg der neuen "modernist" Blur ließ nicht lange auf sich warten. "Girls and Boys" war auch dem Festland in den Charts. Sind das nun die neuen Jam? - Egal, man hatte in England endlich wieder eine Band auf die man stolz sein konnte. Blur gewannen vier 'Brit-Awards' und ein neuer 'Gegner' ließ zum ersten mal von sich hören: Oasis bekamen den 'Brit-Award als bester Newcomer. Musikalisch ist "Parklife" weniger sperrig als "Modern Life Is Rubbish" und enthält deshalb mehr Songs mit Hit-Qualität - oder dachte man das nur, weil man sich mittlerweile an 'Britpop' gewöhnt hatte. Besonders hervorzuheben ist der Titelsong "Parklife" mit Phil Daniels, dem Hauptdarsteller aus "Quadrophenia", als Erzähler (Oi!). Aber auch "To The End" mit Laetitia Sadier von Stereolab oder "End Of A Century" sind ein Genuß.

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Blur

The Great Escape

(Food) [1995]

Da war das Rennen mit Oasis schon voll im Gange. Zwar wurde die Single "Country House" noch die Nummer 1 in den britischen Charts (Oasis erreichten mit "Roll With It" die Nr. 2 - beide Singles wurden am selben Tag veröffentlicht...), danach allerdings wurden alle bisherigen Blur-Erfolge von Oasis gnadenlos getoppt. "The Great Escape" ist noch einen Schritt perfekter als "Parklife" und damit vielleicht ein bißchen zu perfekt, ein wenig überproduziert, ja - fast schon glatt und distanziert. Obwohl dieses Album wohl das poppigste von Blur ist, muß man sich erst mal reinhören, da es stilistisch wiederum eine Erweiterung zu "Parklife" darstellt. Die kitschigen Songs sind noch kitschiger, die schrägen noch schräger und die bombastischen noch bombastischer - aber es lohnt sich, von Singles mal abgesehen (die sind sowieso klasse), Songs wie "He Thought Of Cars", "Mr.Robinsons Quango" oder "Dan Abnormal" zu entdecken.

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Blur

Blur

(Food) [1997]

Mit diesem Album verabschiedeten sich Blur vom 'Britpop'. Damon Albarn verkündete, daß 'Britpop' tot sei und Graham Coxon durfte seine Gitarre wieder etwas lauter sprechen lassen. So kam es zu "Song#2", der - äh - sehr amerikanisch klingt. Überhaupt war Amerika nicht mehr der Feind (Oasis auch nicht, die spielten schon längst in der R.E.M.-Liga), nein, man fand Pavement entzückend und Beck schien auch ein dufter Typ zu sein. So klingt "Blur" an manchen Stellen ziemlich brachial, von Zeit zu Zeit etwas abgedreht und manchmal auch etwas melancholisch. Man wollte (wieder mal) auf zu neuen Ufern und dabei gleichzeitig dieses lästige Pop- Image zerstören. Dabei durfte auch Graham Coxon ein Lied singen: "You're So Great" gehört neben "Beetlebum" und "On Your Own" zu den Höhepunkten des Albums. Bemerkenswert ist noch, daß sich "Blur" trotz allem immer noch nach Blur anhört.

(nac)