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The Coctails

The Coctails

(Moll/Efa) [4-96]

Schläfrig souligen Gitarren-Pop präsentieren uns die vier Musiker der COCTAILS auf ihrer neuen, gleichnamigen CD. Die Nahaufnahme eine r Grapefruit zierte das Cover ihres letzjährigen Europa-Debüts "Peel", das Frontcover von "The Coctails" zeigt die Großaufnahme einer Blutorange - der Wiedererkennungswert ist enorm: Citrusfrüchte Teil 1 und 2 oder wie mixe ich mir meinen ganz (band-) eigenen Geschmack von Popmusik.

Coctails sind bekanntermaßen Mixgetränke, und ausgepresste Pampelmuse und Blutorange lassen sich durchaus als Basis für gute Coctails verwenden. Beide Früchte schmecken eher in Richtung bitter, die Musik der COCTAILS dagegen schmeckt meistens süß, manchmal auch einfach etwas fade. Insgesamt hat die Band um den SEA & CAKE-Gitarristen und Multiinstrumentalisten Archer Prewitt seit ihrer Gründung Ende der 80er Jahre bereits fünf Platten veröffentlicht, darunter auch ein reines Jazz-Album. Über die Hälfte der 13 Stücke der neuen CD stammen aus Aufnahmesessions vom Februar 1994, nur drei Stücke stammen regulär aus dem letzten Jahr, folglich dokumentiert "The Coctails" die musikalische Entwicklung der Band in den letzten drei Jahren.

Was heißt Entwicklung? Schon "Peel" konnte mit zerbrechlich wirkenden, schön anzuhörenden Pop-Songs aufwarten. Die Stücke auf der neuen CD knüpfen auch dort an. Knapp die Hälfte der Titel sind diesmal Instrumentals, dazu passend auch die eingetzten Instrumente: Mellotron, Vibraphone, Marimba, Violine und Flügelhorn. Vom Konzept her erinnern THE COCTAILS an englische Gruppen wie THE FELT, die in den 80er Jahren eine ähnlich klingende Popmusik gemacht haben. Understatement-Pop ohne den Glamourcharakter von hitverdächtigem Pop ist vielleicht die beste Umschreibung für die Musik der COCTAILS. Dazu paßt auch das stilvolle Innencover des Bookletts mit einer Schwarz-Weiß-Aufnahme aus dem Proberaum, auf der nur die Instrument und Verstärker - alles natürlich älteren Baujahres - gezeigt werden.

Stellenweise fehlt es den Stücken auf der CD an Esprit und Einfallsreichtum, trotzdem lohnt es sich reinzuhören und das vielfältige Klanguniversum der COCTAILS zu entdecken.

(tk)

 

Cover The Coctails: The Coctails

Coctail

Peel

(Moll) [9-95]

Schon der Aufkleber auf der CD verrät es: ...from Chicago...featuring Archer Prewitt von THE SEA AND CAKE. Auch die Plattenindustrie hat es natürlich längst erkannt: Chigaco ist mittlerweile zur heimlichen Hauptstadt der Underground-Alternative-Rock-Pop-Szene geworden.

Während URGE OVERKILL (mit mäßigem neuen Album) und Liz Phair als Aushängeschilder der dortigen Musikszene mittlerweile erste Charterfolge aufweisen können und mit Titelstorys in fast allen deutsprachigen Musikmagazinen mächtig Publicity bekommen, tummeln sich die Innovatoren der Chicago-Connection, allen voran TORTOISE und THE SEA AND CAKE momentan noch in Undergroundgewässern.

Musikalisch und textlich sind THE COCTAILS diesen beiden Bands nicht unähnlich. Etwas melancholische, monotoner, experimentierfreudiger Pop, der oft erfreulich spontan und improvisiert klingt. Sound und Songkonzept erinnern oft an Bands aus Neuseeland so um 1985. Auch alte "Homestead"- Bands klangen zum Teil schon so ähnlich, sofern sie sich nicht verstärkt in Richtung Punk-Rock orientierten. Typisch für THE COCTAILS ist auch der - ganz NRBQ-mäßige - Instrumententausch unter den vier Mitgliedern der Band, die sich Ende der 80er Jahre anläßlich eines Auftrittes in einer Kunstausstellung formierten. "Peel" ist ihr fünftes Album. In den USA erschien das Album bereits im Juli 1994, in Deutschland und Europa brachte das Hamburger "Moll"- Label (bei dem auch THE SEA & CAKE und SOULED AMERICAN sind) die Platte jetzt endlich heraus.

"Miss Maple" eröffnet das bunte Pop-Coctail der Chicagoer Band. Wegen seiner synchron zur Gesangslinie gespielten Gitarrenmelodie erinnert das Stück sehr stark an Captain Beefheart zu besten "Shiny Beast"-Zeiten - mein Favorit. Auffallend ist die sparsame und äußerst effektive Produktion des gesamtem Albums. Ob bei den offenen, wenig durchkomponierten Instrumental-Nummern wie "Peel" und "Cottonbelt" (mit musical saw und Mundharmonika - phantastisch) oder bei den lupenreinen Pop-Songs im Stile der ganz frühen GO BETWEENS ("200", "Postcard"), THE COCTAILS machen schlichte, gute Musik ohne spektakuläre Höhepunkte oder auffallende instrumentale Höhenflüge. Während in der freien Natur die Herbstzeitlosen den Herbst einleiten, bringt "Peel" den Herbst ins heimische Wohnzimmer. Traurig und doch schön.

(tk)

 

Cover The Coctails: Peel

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