CD-Kritik Zur Startseite

Coldplay

A rush of blood to the head

(Parlophone/EMI)

In der aktuellen Traurigkeitsliga rangieren Coldplay auf Platz zwei. Vor den kuscheligen Travis, aber hinter den herzzerreissenden Starsailor.

Was ist nur in die Briten gefahren? Große Gefühle und die Last der ganzen Welt – allein auf den Schultern von schmächtigen Gitarrenspielern.

Obwohl, so allein sind sie gar nicht. Auch Coldplay nicht. Im Studio hat ihnen jemand eine starke Wand aufgebaut. Eine akustische Männerbrust sozusagen. Aus viel, viel Technik. Dezente Synthesizer-Schwaden pumpen den Sound zusätzlich auf. Und helfen mit, dass der blitzblanke Klang trotzdem warm klingt.

Der Coldplay-Klang ist praktisch das Gegenteil von Low-Fi. Aber seltsam: keine Credibility-Probleme. Weil´s so ist, wie Tucholsky gesagt hat: in der Kunst gibt es nur ein Kriterium: viel oder wenig Gänsehaut. Und die vier Engländer sind ein Fall für viel, viel Gänsehaut. Coldplay-Hörer stehen selbst die Haare auf dem Kopf zu Berge. Vor lauter Rührung, Schmerz und Mitgefühl.

Denn „A rush of blood to the head“ besteht nur aus Balladen. Und die haben schon per se eine gewisse Dramatik. Melancholie sowieso. Bei Coldplay wachsen sie aus fließenden Gitarren, Piano, machmal auch Streichern, und immer diesen wagnerianisch wabernden Synthies. Und um das noch mal ganz deutlich zu sagen: es gehört Mut dazu, solche musikalische Weichzeichner-Technik so kompromisslos einzusetzen.

Dass das Album (trotzdem) atemberaubend ist, liegt an der Spannung im Coldplay-Konzept. Denn die Intensität ihrer Musik liegt daran, dass die Songs – die Hymnen mal ausgenommen – sehr Singer-Songwriter-like klingen. Ganz schlicht in ihrem Grundkern, lassen sich auch mühelos nur mit Akustikklampfen schrammeln. Sänger Chris Martin raunt und jault, ja ringt und winselt förmlich um Aufmerksamkeit. Und um den heiligen Ernst der Lage. Kein eitler Kasper, eher ein Messias hinterm Mikro. Und trotzdem bleibt es einfach hübsche, funkelnde Popmusik. Eleganz schwingt mit. Macht man die Augen zu, sieht man manchmal die Blow Monkeys vor sich, oder die (großartigen) Jack.

Aber schaut man dann ins Booklet, sieht man vier schluffige junge Männer mit 70er-Jahre Trainingsjacken. Hübsche Kombination. Und irgendwie beruhigend.

Melodiös! Trotz allem wenig Pathos, trotz allem, unverschnörkelt.

(Katja Preissner)

Coldplay

Parachutes

(Parlophone/EMI)

Im Vorfeld der Veröffentlichung von "Parachutes" konnte man in der englischen Presse viel Lob über Coldplay lesen. Das macht natürlich skeptisch und veranlasst, eine viel gelobte britische Band mit besonders samtigen Handschuhen anzufassen und ob ihrer Qualitäten genauestens zu untersuchen. Diese Skepsis ist im Falle Coldplay jedoch unangebracht. Das weiß man spätestens, wenn man "Shiver", den zweiten Song ihres Debüts, gehört hat. Der Opener "Don't Panic" stimmt nur ein auf das, was folgen soll und gibt noch nicht wirklich die Marschrichtung vor.

Die einen sagen, es handele sich wieder um eine dieser Travis-Bands. Die anderen sagen: Hurra, endlich wieder britische Musik mit Tiefe und Charakter. Die Vergleiche zu Travis oder auch Radiohead bieten sich zwar an, doch Coldplay haben ein eigenes Gesicht. Dieses ist auch von Melancholie gezeichnet und offeriert uns dabei so begeisternde und einprägsame Melodien wie in eben jenem "Shiver", "Yellow" und "We Never Change". Nicht zu vergessen der Ohrwurm "Everything's Not Lost" oder "Trouble", bei dem sich ein Querverweis zu Pink Floyd nahezu aufdrängt. Neben all den verlockenden Tönen, die den zumeist akustischen Gitarren entlockt werden, liegt die Dominanz der Songs in den Händen von Sänger, Gitarrist und Pianist Chris Martin. Seine Stimme bringt erst die richtige Farbe ins Spiel und verziert die hervorragenden Songs mit der der Band eigenen Atmosphäre und dem nötigen Pathos. Großartig!

(kfb)

 

Cover Coldplay

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