CD-Kritik Zur Startseite

Funny van Dannen

Herzscheisse

(Trikont/Indigo)

Der Berliner Sänger, Gitarrist und Songwriter Funny van Dannen hat uns seit 1995 sechs Platten beschert. Sechs prima Scheiben, auf den sich kleine Alltagsgeschichten finden, liebevoll, abstrus-witzig, böse und scharf beobachtend, gesungen und geschrammelt. Songs fürs Poesiealbum und persönliche ewige Lieblingslisten. Platten, die aber auch bei intensivem Konsum tierisch nerven können. Denn van Dannens Stimme neigt ebenso zum Nölen wie sein Gitarrenspiel gern schrammelt. Und nach dem zehnten wirren Liedtext konnte oftmals auch der geneigteste Fan nicht mehr. Alben für den Plattenschrank also, gehegte Preziosen, aber nicht alltagskompatibel.

Doch here comes „Herzscheisse“. Funnys siebte Scheibe und die Antwort auf Robbie Willams und Stadionrock. „Herzscheisse“, ein nicht verschreibungspflichtiges Allheilmittel. Aspirin auf Polycarbonat-Basis. Unterhaltend, rund, gut, die Scheibe für den Alltag.

Lob, Lob und nochmals Lob für van Dannen, der mit „Herzscheisse“ – ganz ungewohnt – eine Studioproduktion veröffentlicht, der Gastmusiker verpflichtet, Peter Pichler mit Arrangements beauftragt und eine mehrstimmigen Gesang zugelassen hat. Ein Volltreffer. „Herzscheisse“ ist eine perfekte Platte, denn textlich war van Dannen zwar sowieso schon immer jenseits von allen, doch jetzt klingen seine kleinen Genialitäten auch noch fein und abwechslungsreich, locken mit Hooks und Refrains zum Mitsingen und Mitschunkeln. Unter dem maßvollen Einsatz von Gitarre, Piano, Akkordeon, Mundharmonika und Kontrabass zaubern die Musiker um van Dannen schöne Popsongs, stilistisch in der Nähe von Fink, Element of Crime und GUZ. 22 Lieder sind auf „Herzscheisse“, und es ist keine Niete dabei. Statt dessen: Eine Handvoll Hymen, geeignet, neue Lieblingssongs der Ökö-Szenen-Spotter („Tauben“), der New-Economy-Hasser („Kleine geile Firmen“), der Gerontophilen („Hiltrud“), der Hedonisten („Billige Räusche“), der geschassten Ex-Freunde („Falscher Mann“) oder missbrauchten Autobesitzer („In meinem Auto“) zu werden. Selten so gelacht, ganz ehrlich.

Freunde der kleinen wehmütigen musikalischen Kostbarkeiten werden bei „Madrid“, „Weinende Piratenbraut“ oder „Jeder braucht zwei“ schwach, Freunde des Polit-Schabernacks lachen bei „Westerwelle“ laut auf. Das ist aber auch zu schön: „Und jetzt frage ich mich natürlich, bin ich schwul oder liberal?“ singt van Dannen, der dem Hörer gerade gesteht, dass er eine Nacht mit Guido Westerwelle verbracht hat. Natürlich nur im Traum. Und immer wieder ertappt man während dem Hören der Platte beim Mitsingen, beim Mitgrooven. Selbst ein für Intellektuellenkreise stark verdächtiges „Oh Yeah!“ kommt einem schon mal über die Lippen. Merkwürdiger Mann, dieser van Dannen. Macht eine Platte für alle, für die Massen, für Du und mich. Eine Platte für die sich keiner schämen muss. Pflichtkauf, Projekt 18, großer Wurf, Album des Jahres, Lebenselixier, Aspirin, Licht am Ende des Tunnels, Quell beständiger Freude, Parteiprogramm – Mehrfachnennungen sind möglich und erwünscht...

(ms)

Funny Van Dannen

Groooveman (2002)
Herzscheiße (2003)

(Trikont)

Er nervt oder bezaubert die Menschen - Zwischenstufen gibt es selten. Traurig, sarkastisch, ironisch, albern, melancholisch - Funny Van Dannens Liedermacher-Chansons eben. Das letze Album im klassichen Aufnahmesetting - nämlich live - erschien 2002. Ein schrulliger Künstler, seine Gitarre und zwischendurch die Publikumslacher: Groooveman mit drei oh-oh-oh. Es ist mal wieder ein Album mit sätkeren und schwächeren Songs: Manche Texte könnten tiefer durchdacht (oder einfach übergangen worden) sein, dafür sprühen viele von Charme, Witz und Beobachtungsgabe. Fans werden das Album lieben, zum Kennenlernen ist es so gut geeignet wie die meisten vorhergehenden.

Jetzt kommt ein neues Sahnestück Van Dannens heraus: Herzscheiße. Die schwankende Qualität der Songs von ganz nett bis immer wieder genial ist geblieben. Neu ist, dass es sich um ein ganz besonderes Studioalbum handelt. Nicht live mit der Klampfe auf der Bühne, kein oft nervendes aber irgendwie dazugehörendes Publikumsgelächter, dafür ein Peter Pichler, der die Songs vorsichtig und treffend arrangiert und ein Großteil der Instrumente gleich selbst eingespielt hat. Wir hören, wie Funny sich selbst beim Singen unterstützt, während neben seiner Akkustikgitarre noch Mundharmonika, E- & Hawaii-Gitarre, Piano, Synthi, Melodica, Akkordeon, Geige, Trompete, Kontrabass und Percussion erklingen. Musikalisch handelt es sich um das abgerundetste Album Funny Van Dannens. Textlich ist leider die seichtere Unterhaltung überrepräsentiert. Mitreißendes, berührendes und provokantes taucht eher weniger auf.

(sk)

Funny van Dannen

Basics

(Trikont/Indigo) [5-96]

"Künstler sind nicht überflüssig" heißt einer der 22 Titel und überflüssig ist Funny van Dannen sicherlich nicht. Weltbewegend aber auch nicht.

Auf seinem zweiten Soloalbum knüpft er da an, wo er mit der ersten CD aufhörte: Ziel ist offenbar die Kombination von deutschem Singer/Songwritertum, Schlager und blödsinnigen bis kabarettistischen Texten. Hört sich ziemlich dämlich an, wenn man diese eigenartige Mischung mit Worten zu beschreiben versucht, aber vielleicht reicht ja auch ein einziges Fremdwort: CHANSON. Nicht gleich erschrecken, ich kann das näher erklären und begründen (und nicht nur damit, daß van Dannen die live eingespielten Stücke des öfteren mit einem "Merci" ans Publikum beendet).

Warum also Chanson?

  1. Van Dannen singt Lieder zur akustischen Gitarre.
  2. Die Musik ist nicht so prägend für den Gesamteindruck, Worte stehen im Vordergrund. Schöne Harmonien, klassische, gefällige Melodien - klingt alles irgendwie geklaut, von so unterschiedlichen Quellen wie Cat Stevens, Bettina Wegner, Juliane Werding und Schulgottesdiensten mit Wandergitarren (is' wahr!)
  3. Die Texte pendeln eigentlich immer zwischen total abgefahrenem Schwachsinn ("Tarzan ist tot, Jesus liebt Jane", "Posex und Poesie") und Andeutungen von ernsten, traurigen Gedanken, das lyrische Lied sozusagen.
  4. Das ganze kommt ziemlich bohème-mäßig daher.

Gut ist van Dannen immer dann, wenn seine Texte die abenteuerlichsten Windungen des intelligenten Unsinns vollziehen und damit das Modell klassischer, bedeutungsschwangerer Liedermacher karikiert wird. Eher uninteressant ist er, wenn er die gemeine humorvolle Schiene verläßt und selbst auch mal klassischer, bedeutungsschwangerer Liedermacher sein will - aber vielleicht meint er das ja auch als Persiflage (huch, noch ein französisches Wort) und ich hab's einfach nicht gemerkt.

(km)

Cover van Dannen