CD-Kritik Zur Startseite

Stephen Duffy & The Lilac Time

Keep Going

(Folk Modern/Universal)

Stephen Duffy? Genau: "Tin Tin", früher Mitglied bei Duran Duran und mit "Kiss Me" wahrscheinlich der einzige Hit. Die Schatten der Vergangenheit hat er hinter sich gelassen und präsentiert mit seiner Combo The Lilac Time ur-britische Songwriter-Kunst. Wer Roddy Frame oder Divine Comedy mag, kann mal sein Ohr für "Keep Going" schon mal öffnen. Ganz große Nummern wie "So Far Away" sind zwar etwas selten, aber Stephen Duffy überrascht mit einem zeitlosen, sympathischen Popalbum, das auf Dauer leider ein bisschen langweilig ausgefallen ist.

(dmm)


Duffy

I love my friends

(Cooking Vinyl/Indigo)

So kanns gehn: da ist man Frontman einer der zugkräftigsten Bands der 80er, aber schon wieder draußen, noch bevors richtig losgeht. Stephen Tin Tin Duffy war in der Pop-Geschichtsschreibung bislang kaum mehr als eine Fußnote in der Duran Duran-Story. Einzig 1985 konnte er auch mal selbst smashen mit einem Song namens "Kiss me". Der traurige Verlauf einer typischen One-Hit-Wonder-Karriere? Mitnichten!

Zwar ward Duffy, der sich selbst als "kreatives Stehaufmännchen" bezeichnet, seither nicht mehr in den Charts gesehen, aber von der Musik konnte er gottlob nie lassen. Ende der 80er gründete er "Lilac Time" und machte fortan akustischen Folk, veröffentlichte aber auch immer noch Soloalben. Und während die ehemaligen Bandkollegen (derzeit in England ohne Plattenvertrag!) als nunmehr feiste Berufsjugendliche nur noch am Arm ihrer supermodelnden und fernsehmoderierenden Gattinnen aus den Party-Reports der Regenbogenpresse grüßen, hat der Igel mal wieder den Hasen überholt und eines der erfreulichsten Alben seit langem veröffentlicht!

"I love my friends" atmet puren Pop: melodiös und leichtfüßig, mit Kick und Pfiff. England ist eben doch Pophausen! Duffy beherrscht lockeren Synthie-Pop genauso wie akustischen Gitarren-Pop, gezupft oder geschrammelt. Und natürlich darf im Einzugsgebiet des ehemaligen Empires auch ein Schuß Dandytum nicht fehlen, hier in Form von Streichern, Flöten und andalusisch angehauchten Klängen. Einen ähnlich perfekten Pop-Geniestreich legten in letzter Zeit nur Jack hin - doch die pflegen die Schwermut, wo der gereifte und ausgeglichene Duffy nur noch Selbstironie zuläßt.

Sein Spektrum auf "I love my friends" reicht von harmlosen Elektronik-Stückchen, dezent symphonisierten Gitarren-Songs bis hin zu kreischenden Stromgitarren unter beatle-esken Harmoniegesängen und Ray-Davis´scher Dramaturgie. Mit den Kollegen von Jack teilt Duffy zudem noch eine liebenswerte, leider viel zu selten zu findende Eigenschaft: die Liebe zu intelligenten Details. Nur Songs schreiben und Musik machen ist ihm zuwenig: das Ganze muß auch noch akustisch ausgefeilt und mit kleinen, bisweilen fast versteckten Schmankerln versehen werden. Der Opener "Tune in" ist so einer, nur bestehend aus dem Durchzappen diverser Radio-Sender, vom Rauschen im Kanal über einen Sekundenausschnitt seines früheren Hits "Kiss me", Country-Klänge und Sprachfetzen bis hin zum E-musikalischen Konzertauftakt. Zum Niederknien sind übrigens auch die Takes 6, ("The Deal"), 10 ("Something good") und 11 ("Twenty three") - dies als meine persönlichen Anspieltips. (Am schönsten sind einfach die himmlisch bittersüßen, fragilen und doch munteren Gitarren-Ballädchen...)

A propos "persönlich": die Songtexte sind durchweg autobiographisch und eine Fundgrube für Fans, die am Innenleben Überlebender der 80er interessiert sind, wenngleich Duffy seine "Berichte" als banal einstuft - im Gegensatz zu den von ihm sonst gewohnten Dichtkünsten. Dem Himmel sei Dank für diesen kühlen Kopf, den uns wahrscheinlich nur eine Laune der Business-Natur bescherte, als sie ihn durch die Hintertür aus dem Ex-und-hopp-Zirkus der zurückliegenden Dekade rauskickte: auf einen Schleichweg des Britpop, wo er jetzt auch noch den Hype um all die Gallaghers und Albarns vergessen macht.

(Katja Preissner)

Cover Duffy: I Love My Friends