CD-Kritik Zur Startseite

Mark Eitzel

Caught in a trap and I can't back out 'cause I love you too much, baby

(Matador) [1-98]

Bereits bevor sein letztes Album "West" erschien, hatte Mark Eitzel seine nun veröffentlichte neue CD mit dem schönen, aber langen Namen schon eingespielt. Im Interview, das er Hinter-Net! im letzten Jahr gab, erzählte er davon. Warum "West" zuerst veröffentlicht wurde, erzählte er uns nicht. Es ist nur eine Mutmaßung, aber vielleicht sollte die Zusammenarbeit mit R.E.M.-Gitarrist Peter Buck auf "West" dem eigenwilligen Künstler den Weg zum breiteren Publikum ebnen und wurde deshalb zeitlich vorgezogen. Vermutungen über die Beweggründe des Songwriters aus San Francisco, ausgerechnet mit dem "Vielspieler" und musikalischen Mastermind der sanften Rocker aus Athens/Georgia eine Platte aufzunehmen, gab es ja viele.

Ich bin ganz ehrlich: Mir hat "West" ausgezeichnet gefallen (nachzulesen auch in diesem Magazin - ein paar Zeilen weiter unten), obwohl ich mir vorstellen kann, daß ältere Eitzel-Fans (hallo Mitty!) mit den lockeren Songs und Arrangements nicht sehr viel anfangen konnten. Zumindest die irritierten Alt-Fans kann ich jetzt wieder beruhigen: "Caught in a trap and I can't back out 'cause I love you too much, baby" ist nicht nur ein Zitat aus einem Elvis-Song, es ist auch ein Album, das mehr mit dem Mark Eitzel zu tun hat, wie wir ihn aus American-Music-Club-Zeiten kennen. Eitzel präsentiert sich wieder als introvertierter Singer/Songwriter, ganz so, wie es seinem Image in der Öffentlichkeit entspricht. Keines der elf Stücke auf der neuen CD hat solche Arrangements wie die Lieder von "West", keines der Stücke will unbedingt ein Pop-Song sein.

Gut die Hälfte des neuen Materials hat Mark Eitzel alleine eingespielt. Mit seiner eindringlichen, zweifelnden Stimme erzählt er seine Geschichten, begleitet von der akustischen Gitarre. Wie immer sind es spröde Songs, die ihre Schönheit erst nach und nach vermitteln, grandiose Kammermusik, die wieder einmal verdeutlicht, warum viele ihn für einen der besten aktuellen Singer/Songwriter halten.

Aber Mark Eitzel ist nicht nur ein Poet der leisen, akustischen Töne. "Ich mag es, seltsame Geräusche und Noise einzubauen. Das macht Musik für mich interessanter", hatte er uns im Interview mitgeteilt. Und auf "Caught ..." finden sich auch diese Vorlieben wieder: Mit Drummer Steve Shelley (Sonic Youth), Bassist James McNew (Yo La Tengo) und Gitarrist Kid Congo Powers (Nick Cave, Gun Club) hat Eitzel fünf Stücke mit Band-Arrangement eingespielt, die im Gegensatz zur Musik auf "West" alle sparsam instrumentiert sind und knochentrocken präsentiert werden. Für das Noise-Element sorgt Kid Congo Powers, der im Hintergrund mit den Rückkopplungen seiner E-Gitarre experimentiert und dabei wie ein ausgedünnter, zäh splitternder Neil Young klingt. Eitzel hat sich genau die richtigen Mitmusiker ausgesucht: Auf unaufdringliche Weise unterstützt die Band seine Kompositionen und zeigt, wie schön und dennoch scharfkantig ein typischer Mark-Eitzel-Song auch ohne akustische Instrumente klingen kann.

Ruft man sich "West" in Erinnerung und bedenkt, welche Ausdrucksmöglichkeiten Mark Eitzel noch zur Verfügung stehen, dann darf man in Zukunft noch einiges von diesem Mann erwarten. "I'm gonna move myself ahead" - wir freuen uns drauf.

(km)

 

Cover Caught in a trap

Mark Eitzel

West

(Wea) [6-97]

Zur Beruhigung vorneweg: Obwohl Mark Eitzel bei seinem zweiten Soloalbum eng mit R.E.M.-Gitarrist Peter Buck zusammenarbeitete, klingt die Platte nicht nach Michael Stipe und Konsorten. Trotz Eitzels Aussage, er habe mit der Musik auf "West" praktisch nichts zu tun gehabt und sei qasi nur der Sänger, ist die CD ein unverkennbar typisches Eitzel-Werk geworden. Die Einflüsse der Gastmusiker sind zwar zu erkennen, dennoch bleibt sich der Sänger und Songschreiber des American Music Club treu.

Dies gilt in erster Linie für die von ihm verfaßten Lyrics, trifft aber auch auf die Musik zu, was zeigt, daß Peter Buck sensibel genug war, Mark Eitzel nicht mit Songs zu überschütten, die seinem künstlerischen Charakter entgegenlaufen.

Auffällig ist die breite Instrumentierung: Vibraphon, Streicher, Akkordeon, Orgel, Piano und akustische Gitarren bilden einen abwechslungsreichen Sound, der "West" vielfältiger ausfallen läßt als den Vorgänger "60 Silver Watt Lining", Eitzels erstes Soloalbum nach der Auflösung des American Music Club. Typische, melancholische Balladen ("Helium", "Then it really happens") stehen neben einigen Mid-Tempo-Nummern ("Free of Harm", "In your Life"), die noch am ehesten Peter Bucks Input erkennen lassen.

Auf "Three Inches of Wall" klingen Eitzel, Buck und ihre Mitmusiker Barrett Martin (Screaming Trees), Skerik (Critters Buggin), Scott McCaughey (Young Fresh Fellows), Mike McCready (Pearl Jam) und Steve Berlin (Los Lobos) wie eine experimentierfreudige Endsechziger Rockband, die unverkrampft und energiegeladen freie, fast atonale Passagen in den Songkontext integriert. Und um das mal klarzustellen: Das ist ein Kompliment! Mein Favorit ist "Move myself ahead", das schnellste Stück des Albums. Beseelt und stürmisch läßt sich die Band auf ihren Sänger ein, der seine düstere und melancholische Grundstimmung in diesem Song in eine energische, nach vorn treibende Unruhe verwandeln kann. Mitreißend! Mit "Live or die" zeigt Eitzel wieder einmal, daß er es meisterhaft versteht, existentielle Fragen in einem bewegenden Song umzusetzen (die einzige Komposition auf "West", die von ihm allein stammt), und mit "Fresh Screwdriver" fehlt auch der obligatorische Alkohol-Song nicht.

"West" ist ein absolut gelungenes Album, trotz oder wegen Peter Buck, was wohl keiner mit Entschiedenheit sagen kann. Nie war Mark Eitzel dem Pop näher.

Und auch das ist ein Kompliment.

(km)

 

Cover von Mark Eitzels West-Album

Mark Eitzel

60 Watt Silver Lining

(Virgin) [3-96]

Mark Eitzel war jahrelang Kopf des American Music Clubs, einer Band aus San Francisco, die - kommerziell eher erfolglos - viel Kritikerlob einheimste. Jetzt hat Eitzel den American Music Club aufgelöst. Angeblich weil er mit der Band nicht mehr restlos glücklich gewesen sei. Eine Begründung, die nicht so ohne weiteres nachzuvollziehen ist. Zum einen spielen auf Eitzels Solo-CD "60 Watt Silver Lining" zwei seiner ehemaligen Klubkameraden mit, zum anderen hat sich auch am Sound so viel nicht geändert.

Auch auf "60 Watt Silver Lining" finden sich zumeist ruhige Songs voller Alkohol Herzschmerz. Dabei versteht es Eitzel meisterhaft das aufkommende Selbstmitleid immer wieder durch eine gehöriger Portion Selbstironie zu brechen.

Auffälligster Unterschied zwischen Eitzels SoloCD und den Alben zuvor mit dem American Music Club ist, daß Eitzel auf seinen langjährigen Gitarristen Vludi (und dessen gelegentliche Gitarren-Lärm-Attacken) verzichten muß. An dessen Stelle sorgt der renommierte Trompeter Mark Isham für einige Akzente und - gelegentlich - für einen ungewohnt leichtfüssigen, jazzigen Sound.

Trotz exzellenter Songs: Mark Eitzel war nie kommerziell erfolgreich und wird es auch mit dieser CD nicht sein. Dazu ist er sich selbst über die Jahre hinweg zu treu geblieben.

(wm)

Cover 60 Watt Silver Lining

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