CD-Kritik Zur Startseite

Electric Music

North London Spiritual Church

(ZubiZaretta/Grand Royal/Zomba)

Bislang lautete Hinternet-Regel Nr. 1: CDs, die ein Auto auf dem Cover haben, sind klasse. Regel Nr. 2 heißt ab heute: CDs, die eine Dämmerung auf dem Cover haben, sind auch klasse. Siehe die "letzte" Yo La Tengo und die "erste" Electric Music. Hier gibt sich eine kleine Perle mächtig Mühe, nicht erkannt zu werden. Schlurft mit Sack-Klamotten, Anglerkappe und hochgezogenen Schultern durchs Leben.

Musikalisch heißt solches Understatement "Low Fi". Zumindest die Verpackung ist kein Hochglanz, sondern spröder Alltag. Muß klingen, als wär´s in der eigenen Wohnküche aufgenommen. Electric Music, ein schottisches Duo, nutzen den Lumpen-Sound, um wirkliche Poesie zu machen. Denn in Kombination mit zarten Pop-Melodien, verschrobenen Geräusch-Experimenten und archaischer Elektronik ergibt diese bröckelige, rauhe Oberfläche eine wunderbare Mischung aus Fragilität und Naivität. Die Akustik-Gitarren werden flankiert von Streichern, Vibraphon, Wah-Wah- und Slide-Effekten und jazzigen Percussions. Und eben von dezenter Elektronik, wie der Bandname schon sagt, ob als Verstärker oder als Klangerzeuger. Meist entspinnen sich die Songs transparent und atmophärisch, verdichten sich aber auch mal zu orchestralen Klangmauern.

Melancholisch klingen sie alle, die Songs auf "North London Spiritualist Church". Kleine versponnene Downtempo-Meisterwerke, die sich zäh wie Brei entlangwinden und irgendwie unter einer Käseglocke zu leben scheinen. Der seltsam entrückte Sound resultiert auch aus der Mischung aus Live-Performance und Nachbearbeitung mit "Schere&Kleber", wie es das Label nennt. Man soll die Brüche schon merken - das Ungelenke, das rein Handwerkliche, Artifizielle. Die Musik bleibt trotzdem immer im Fluß, schwingt sanft und blubbert auch hier und dort.

Ein dunkleres, abgründigeres und elegischeres Album wird der Sommer kaum bieten. Aber auch kein solch entspanntes, relaxtes, leichtgewichtiges. Träge bahnen sich die Songs ihren Weg, allesamt Hymnen mit Melodiebögen, so weit wie das schottische Hochland. Nach der Insel klingen aber allenfalls die beatle-esquen Hooks: schmerzhaft schöne Gesangslinien, zum Teil als Vokalartistik à la Crosby, Stills&Nash oder den Beach Boys dargeboten. Der Rest ist folkiger Schrammel-Sound, College- oder einfach Indie-Rock, der bisweilen stark an Built to Spill erinnert. Derselbe schluffige Gang, der gleiche Geräusch-Kosmos, dieselben überraschenden Entwicklungen und Eruptionen im Laufe der Songs. Nur dass Electric Music im Vergleich dazu mit Glacéhandschuhen arbeiten.

(Katja Preissner)