CD-Kritik Zur Startseite

Elektro Nord

Hauptgewinn

(Bite Your Ear Records)

Rammstein - wir können es vorweg nehmen, auch wenn die Bandmitglieder jetzt protestierend und doch wissend den Zeigefinger anheben wollen - Rammstein oder vielmehr die Anleihen bei der erfolgreichen deutschen Brutalo-Band für einige Stücke von "Hauptgewinn" (am deutlichsten bei der Single-Auskoppelung "HimmelHölle") soll wohl den Erfolg bringen. Und das ist schade! Denn Elektro Nord hat einige durchaus interessante Ansätze gewählt: die Art, wie die drei Bandmitglieder Henry Sperling, Thorsten Marx und Karsten Deutschmann Breakbeats auf Industrial aufpfropfen, wie sie es akustisch-kalt fiepsen, flirren und rattern lassen, wie sie zur Traffostation brachialer Akustik mutieren, sucht in der Musikgeschichte ihresgleichen. Stücke wie "Laune wie Sau", "Land in Sicht", "Hauptgewinn" und "Ich weiss" zeigen diese mutigen, nach Ausbau schreienden Elemente über weite Strecken. Das beste Stück der CD ist aus dem selben Grund "Boris bewegt sich im Stechschritt". Jungle-Industrial mit Brettergitarren, wirklich schrill!

Problematisch ist die CD dort, wo sie pubertär ist: in der vermeintlich distanzierten Darstellung faschistoider Elemente (Gröhlgesang, bisweilen einfache Oi-Songstrukturen) läuft sie Gefahr, dem braunen Lager zuzuspielen. Sie kopiert faschistische Brutalität (freilich in der Musik und nicht in den Texten). Kopie ist jedoch nicht Ironie. Kopie ist in dem Fall purer Zynismus. Ironie wird von den meisten nicht verstanden und Zynismus ist die übelste Charaktereigenschaft für Musikbotschafter. Elektro Nord bieten sicherlich bewußt und als vermeintliche Elemente der Entfremdung akustische Rezitationen von Brutalität, Gewalt, Härte, Zynismus und Kälte an. Das mag dem ein oder anderen überdehnten Systemkritiker gefallen. Leider jedoch ist man stets versucht, Elektro Nord zu unterstellen, dass das brutale Element an dem Gehämmere ihnen am meisten Spaß macht. Das verwischt Grenzen.

Dennoch überwiegt das Positive: die CD ist experimentell, sie assoziiert Neubauten genauso wie Laibach, The Prodigy wie Grauzone. Sie ist radikal und sie hat neue musikalische Elemente. Was ihr fehlt ist ein Stück weit das Augenzwinkern, die Gelassenheit, die Leichtigkeit.

(pm)