CD-Kritik Zur Startseite

Mars Galliculus 

Remotivate 

(Überfall Records)

Er ist zurück! Marcel H. heißt jetzt Mars Galliculus und beschert der Welt sein zweites Soloalbum. Nachdem die fast fertigen Songs längere Zeit eingemottet waren, kam zum zweiten Mal die Remotivation und brachte dieses knapp einstündige Werk hervor.

Als Solokünstler wird Mars Galliculus vom Punkrocker zum Elektropopper: die Musik ist homegrown und mit der Maus großgezogen, voller Synthies, Beats, Gitarrensamples, Orgel und Klatschgeräuschen. Immer wieder tauchen Schnipsel aus Hörspielen auf. Der rauhe, manchmal mit Effektfiltern versehene Gesang bestimmt die Gretchenfrage an das Album: Mars tastet sich manchmal am passenden Ton vorbei, was den Gesang etwas sperrig und gewöhnungsbedürftig macht. Die Texte sind biografisch bestimmt, lyrisch betrachtet manchmal etwas unsicher oder einfach, aber Mars hat etwas zu sagen. Es geht viel um Liebe und Enttäuschung, aber auch darum, der erdrückenden Kleinstadt entronnen zu sein. Dazu gesellen sich Collagen, in denen vor allem die Hörspielsamples den inhaltlichen Teil bilden. Mehrere Coverversionen runden das Album passend ab: das nett-trashige "freiheitssuche" (bekannt durch David Hasselhoff) enthält zum ersten Mal eine eigenhändig eingespielte Gitarrenspur, "schwarzmalerei" (die Rolling Stones lassen grüßen) ist sehr krachig, etwas monoton und total nervenzehrend geworden, aber das sollte es wohl auch.

Das "Remotivate"-Album ist ein ernster Pop-Gehversuch, gemischt mit einem gewissen Anarcho-Trash-Faktor, der zum guten Teil wohl einfach aus dem Mut besteht, trotz begrenzter Möglichkeiten die eigenen Ideen umzusetzen und nicht zu verstecken. Das Album ist im Vergleich zum Debüt "Inner stranger" reifer und hörbarer geworden, ohne die verstörenden Elemente ganz zu verlieren. Es taucht mit "bianca (rosa brille)" sogar eine richtige Ballade auf - sowas war für Metallica der große Durchbruch!

An mehreren Stellen gibt es Rückbezüge auf das letzte Album: "In my dreams tonight", damals ein froher und zufriedener Reggae-Song, wird hier als Part II zu einem drückenden und enttäuschten Sumpf; ein Sample und ein Remix der Punkband "Piss Köpex", bei denen Mars (noch jung und frisch) Leadsänger war, tauchen auf; ein weiterer Remix von "Inner stranger" darf auch nicht fehlen. Die glücklichste Fügung des Schicksals ist aber die erneute Zusammenarbeit für einen Song mit dem Midi-Bastler MF SWAMP LAMP GIVES FEVER, aus dem der große Hit des Albums entstand: "Don't drag me down"! Aus dem Social Distortion Klassiker wird eine wunderschöne E-Pop-Schmonzette mit Vocoder-Gesang wie digitale Zuckerwatte, die immer noch nach vorn geht. Ab in die Charts.

Das Album wechselt zwischen ein wenig Sonnenschein, viel Melancholie und emotionalen Abgründen; es stellt die Verarbeitung von Erfahrung dar, in der immer mal wieder der Spaß am Basteln durchscheint. Zu beziehen ist es bisher ausschließlich über das Eigenlabel Überfall Records in Bielefeld, ein Sublabel der etwas bekannteren Bielefelder Street-Beat-Records.

(sk)

Cover: Mars Gallicus

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