CD-Kritik Zur Startseite

M. A. Numminen & Sanna Pietiäinen und Das Neorustikale Tango-Orchester

Finnischer Tango

(Trikont 2003)

Suomi/Finland: Der exotische Norden Europas, Land der Seltsamkeiten (wie den Leningrad Cowboys), in dessen Resteuropäern vollkommen fremden Sprache laut Max Goldt alle Interrail-Reisenden ein paar Zahlen aufzählen konnten, wenn mal wieder der Gesprächsstoff ausging.

Das Münchner Label Trikont verbreitet hierzulande Tango-Kultur aus der nordischen Fremde, zu Recht auf den Kultus der Seltsamkeit setzend. Hauptzugpferd: Der Jazz-, Tango- und Trash-Künstler M.A. Numminen. Neuestes Produkt: Eine randvolle CD mit Live- und Studioaufnahmen, größtenteils finnische Tangoklassiker, teilweise auch selbstgeschriebenes.

Trikont wirbt wie folgt: »M.A.Numminen und seine wunderschönen, tieftraurig-komischen Finn-Deutsch-Tangos. Lieder über geschiedene Frauen, traurige Pferde, den berüchtigten Django-Tango und schweigende Telefone.« Das trifft nur ein Fünftel dieses Albums: Den meisten Tangos, die das Orchester schwungvoll UND melancholoisch inszeniert, leiht die Solistin Sanna Pietiäninen ihre Stimme. »Täysikuu« oder »Onko onni unta vain?« sagt dem hiesigen Publikum nicht viel, aber die Botschaften »Du, Vollmond« oder »Ist das Glück nur ein Traum?« sprechen wunderbar schnulzig und doch rhytmisch durch die Lieder hindurch. Naja, ein bißchen, jedenfalls.

In Finnland ist Numminen ein seit über 30 Jahren aktiver Star, der immer wieder Skandale ausgelöst hat, wenn er quäkend und in gebrochenem deutsch z.B. den öffentlichen Rotweingenuß im Parlamentspark vor der Nase der Volksvertreter besang. Auf diesem Album spielt »Ich will diese geschiedene Frau« diese Skandalrolle.

Im finnischen Tango, einer populären Alltagskultur, sollen sich russische Romanze und deutscher Marsch in den Tango gemischt haben. Denn alle Finnen mögen die Melancholie, nur die Männer sind etwas plump und brauchen einen kräftigen Rhythmus, sonst wird das mit dem Tanz nichts. Behauptet jedenfalls das ausführliche Booklet, das neben der Geschichte des finnischen Tangos auch noch Anmerkungen zu den einzelnen Stücken anbietet.

Finnischer Tango ist keine musikalische Revolution, aber Unterhaltung voller Sehnsucht und - soweit es Herrn Numminen betrifft - einem Schuß Anarchie.

(sk)


M. A. Numminen

Dägä Dägä Finnwelten

(Trikont US-286)

"Neorustikal" nennt Mauri Antero Numminen seine Musik. Ein Begriff, der von der finnischen Gastronomie und Textilindustrie dankbar adaptiert wurde...

In Finnland ist M.A. Numminen (Jahrgang 1940) Kult. Und Universalgenie. Der studierte Philosoph und Soziologe hat als Filmemacher, Kinderbuch- und Romanautor gearbeitet. Sowie als Entertainer, Komponist, Sänger und Bandleader. Neben Marx, Marcuse und Wittgenstein (gut ein Drittel der Songs ist deutschsprachig) gehört Numminens Leidenschaft dem Tango.

Den präsentiert er auf "Dägä Dägä" (die Numminische Spielart des Dada) in einer Mischung aus Jazz, Folklore und Pop. Mit kieksigem Sopran und gefährlich gerollten Rrrrrrrrs! Skurril und naiv, aber auch poetisch und witzig bietet Numminen sein Songmaterial dar. Oft verbergen sich dahinter stimmungsvoll rumpelnde Coverversionen, beispielsweise von Baccaras "Yes Sir, I can Boogie", ABBAs "I do, I do, I do", Verdis trügerischen Frauenherzen - und dem "Pogo in Togo" der United Balls. Auch der Jazz-Standard "All of me" findet sich als nordischer Schlager. Am schönsten aber sind Numminens schwelgerischer Liebes-Tango "Mit meiner Frau im Parlamentspark" (in den Sechzigern und Siebzigern jahrelang verboten wegen angeblicher Verunglimpfung des Parlaments und der Verherrlichung des Alkoholkonsums) und die Wittgenstein-Hommage mit Bierzelt-Flair "Wovon man nicht sprechen kann". Aberwitzig, aber auch tiefgründig und subversiv sind Numminens Texte. Über einen Kamm lassen sie sich nicht scheren.

Genausowenig wie die Musik seines neorustikalen Jazzorchesters mit Violine und zwei Akkordeons, aber auch Gitarre und Klavier und manchem Blasinstrument. Immer mit dem nötigen Pathos, auch mal mit klassischem Konzertgitarre-Solo, und vor allem bunte, virtuos und kurzweilig. Sogar eine waschechte Techno-Nummer findet sich auf "Dägä Dägä".

Mag Numminen auch urteilen, die Finnen seien ein Mollvolk - mit "Dägä Dägä" liefert er den Gegenbeweis. Das Album - trotz mancher melancholischer Töne - ist ein Feuerwerk an Lebensfreude, Ironie und Komik, mit leichtfüßiger Untermalung aus Jazz, Schlager, Easy Listening und Volksmusik. Ein Kuriosum ist "Dägä Dägä" sowieso, aber das tut dem Kunstgenuss keinen Abbruch. Und im Booklet gibt´s ausführliche Infos zu Mann und Musik!

(Katja Preissner)


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