CD-Kritik Zur Startseite

Calvin Russell

Rebel Radio

(Perdanales/SPV)

Das Unplugged-Live-Album "Crossroads" war für Roots-Freunde aus allen Richtungen zugänglich, für das neueste Studiowerk von Calvin Russell muss man eine gewisse Liebe zum Country mitbringen. Wenn er alleine mit einer Gitarre auf einem Barhocker sitzt und singt, gefällt er mir besser, aber trotzdem sind auf "Rebel Radio" ein paar nette Songs dabei. Immer dann, wenn er von den Country-Insignien abrückt und in den Blues-Rock überschwenkt wie bei "It Is What It Is" und "I'll Be Here In The Morning", ist es recht kernig, was das Knautschgesicht hier abliefert. Dagegen wirkt "No Expectations" wie eine Klischee-Erfüllung; das hat nichts von New-Country oder dem Schmerz, der diesem Musikstil so eigen ist. Da Calvin Russell songtechnisch nie der ganz große Wurf gelingt, muss er sich wohl damit abfinden, in seinem hohen Alter immer noch als einer zu gelten, der es irgendwann mal packen wird, ein richtig großes Werk zu veröffentlichen. Bis dahin steht er in der zweiten Reihe hinter Merle Haggard und Konsorten.

(dmm)

 

Calvin Russell

Crossroad

(Last Call/SPV)

Calvin Russell war für mich bisher immer ein schmales Männlein mit einem lustigen Hut auf dem Kopf, der immer so Outlaw-mäßig wie nur möglich in die Kamera kuckt. Ich wusste auch nie, wo die Lederjacke aufhört und das Gesicht anfängt. Keine Ahnung, warum ich ihm bislang kein Ohr geschenkt habe - aber das hat sich mit "Crossroad" schlagartig geändert. Eine Western-Gitarre und Calvin Russell's tiefe Whiskeystimme. Nicht, dass er besonders virtuos Gitarre spielt, aber er spielt emotional - und genauso singt er. Metallisch scheppernder Folk mit leichten Ausflügen in Blues und Country. Im Booklet schreibt Calvin Russell: "I once read 'Always decorate construction, never construct decoration.'... On this CD, you can have a look at the construction without a decoration. I hope you find it solid." So ausgelutscht Unplugged-CDs oft sind, für "Crossroad" gilt das zum Glück nicht. Just a man and his guitar - wär' doch nur Alles so einfach.

(dmm)

 

Calvin Russell

Sam

(SPV)

Wer wissen will, wie sich schmieriger Rythm´n´Blues mit unterschwelligen Rock´n´Roll-Anklängen anhört, der sollte schleunigst Calvin Russell in den Player schieben. Aber was heißt hier "unterschwellig" - das Rock´n´Roll-Element ist so subtil eingeschoben - wenn der Texaner sein Album nicht in Memphis eingespielt hätte und sich der Geschichtsträchtigkeit des Ortes vermutlich nur allzu bewußt war, würde ich sagen, "Sam" ist schon ein Fall für Freud! Aber der Text von "Wild wild West" belehrt mich eines besseren: Russell weiß sehr genau, wes Geistes Kind er ist:

I got a honky tonk heart and a juke box brain,
I got the rock and roll rythm running in my veins,
I got a boogie woogie Baby with a juke joint walk,
I got the Route 66 tatooed on my chest.

Die Photos im Booklet können das bestätigen... Trotzdem: schöner Spagat, den er da abgeliefert hat, denn bei allen Rock´n´Roll-Bekenntnissen bleibt Russell eindeutig Blueser! Und das mit herrlichen grimmig-düsteren Untertönen, die trotz eingängiger, gefälliger Fassade nicht wegproduziert wurden. Nein, "Sam" ist genauso knorrig wie sein Interpret, der aussieht wie ein in die Jahre gekommener Desperado mit dem Gesicht einer hundertjährigen Eiche. Mann, der Typ kann bestimmt Geschichten erzählen...!

Wie auch immer. Dieses Album wird auch am Ende des Jahres als eines der besseren herausragen. Schmierig-schwüler Blues, knallige Juke Box-Feger, zarte Ballade zum Wegheulen: alles inklusive! Unter anderem übrigens auch ein Towns Van Zandt-Cover ("The Hole", der Mann weiß, was gut ist!), ja, und das Stück, das der Kleinkünstler aus der Wohnung über mir auch drauf hat (wen er grad mal nicht den "Entertainer" oder Mozarts "Türkischen Marsch" spielt): "Somewhere over the rainbow"! Ein Hauch von Broadway Glamour mit zarten Südsee-Klängen in einem waschechten Blues! Wenn Eichen träumen...

(Katja Preissner)

Cover Calvin Russell - Sam


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