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Jimi Tenor

Utopian dream

(PUU/Sähkö 026 CD 50176 )

Karg sind sie immer noch, die Song-Landschaften des Jimi Tenor. Aber wesentlich heller als auf dem Vorgänger "Out of nowhere".

Der Beat ist der Schrittmacher in Tenors Musik. Auf ihm wabern und fließen seine sanften Klänge. Wie Linien umschlingen sie einander, es perlt, funkelt und strahlt sphärisch in den Raum. Gebrochen durch grollende Piano-Akkorde und staubige Hi-Hats. Und immer wieder trockene Flöten-Stöße und hölzerne Percussion-Tupfer.

Eso und Ethno ist Tenor gleichermaßen treu geblieben. Und natürlich dem Groove. Unterstützt durch die wiedergewonnene Wärme dominiert er den "Utopian dream" unüberhörbar. Und er scheint Tenors Herausforderung zu formulieren: wie weit kann man gehen - ohne Melodien, mit fast abstrakten, gesichtslosen Klängen und roboterhaften Beats, ohne den Groove zu verlieren. Immerhin: Leben kann man Tenors Klanggemälden nicht absprechen, der "Utopian dream" steckt voller Dramatik.

Tenor lehnt sich wieder weit aus dem Fenster, und es bleibt ein schmaler Grat zwischen avantgardistischer Club-Music und 08/15-Konserven-Fahrstuhlmusik, mit denen sich von Heimwerker-Tips bis zum Soft-Porno alles unterlegen lässt. Es ist - wieder mal - Filmmusik, der Tenor frönt. Bilder würden die Bedeutungsleere der Klänge, ihre Offenheit schlagartig auflösen. Aber so ist jeder selbst gezwungen, seinen eigenen Film im Kopf zu drehen. Bei den meisten werden es wohl schroffe Mondlandschaften sein, betrachtet aus einem schwerelosen Shuttle mit buntem, plüschigem Innenleben.

Futuristisch, jazzy und kühn, manchmal schräg klingt´s. Sechziger-Jahre-Flair, aber ohne Retro-Baukasten. "Utopian dream" arbeitet subtiler als "Out of nowhere". Reduzierter, ohne wirklich abgespeckt zu sein. Hin und wieder lässt Tenor softes Disco-Flair aufsteigen. Soul, Moog und sexy Backing-Chöre umrahmen den Testosteron-gestählten Vorsänger.

Es bleibt das Gefühl eines Trips in entfernte Gefilde, angetrieben von Beats und Vibes, ohne Reibungsverluste. Die Musik von Jimi Tenor bleibt weiter hermetische Volksmusik. Unterhaltsam, spacig und exotisch.

(Katja Preissner)

 

Jimi Tenor

Out Of Nowhere

(Warp/Rough Trade) [7-00]

Wenn es Pop-Jounalisten mit Musik ohne Songstrukturen zu tun kriegen, reden sie schnell von Filmmusik. Das neue Album von Jimi Tenor wird eine Invasion des Wörtchens "Filmmusik" auslösen, denn eine klare Schublade für "Out of nowhere" gibt es nicht. Bislang galt der eigenbrötlerische Finne als Elektroniker, seine Debüt gab er noch mit Dancefloor und Clubmusic, das letzte Werk war ein groovender Stilmix, und das neueste Lebenszeichen ist schlicht Freestyle. Elektronik, Black Music, Jazz, Ethno und E-Musik sind die Gebiete, die Tenor hier erforscht und zusammenführt.

Leicht macht er es dem Hörer nicht: "Out of nowhere" ist ein kühnes, aber auch ein unterkühltes, oft sprödes und manchmal monumentales Unternehmen. Die Klanglandschaften haben etwas Unwirtliches, Karges, Abweisendes und Verschlossenes. Nur zweimal lässt Tenor zu, dass sich aus verschiedenen Linien ein unwiderstehlich groovender, hypnotischer Sog entwickelt. Zwei Takes, in denen sich "Out of nowhere" sexy gibt und Tenors ganze Brillianz unter Beweis stellt. Flirrend, spacig und schillernd, mit Dschungel-Flair, Funk und asiatischer Mystik ("Hypnotic Drugstore"). Oder mit pathetischen Star Wars-Bläsern, Sitar und weichen Flöten, Sci-Fi-Spannung, jazzigen Percussions, Disco-Anklängen und HipHop-Bass ("Night in Loimaa").

Von der Herrschaft des Beats hat sich Tenor auf "Out of nowhere" befreit, er lässt sich mehr Zeit als auf dem Vorgänger "Organism", und für Improvisationen ist immer viel Raum vorhanden. Allerdings auch für Dissonanzen und ätherisches Flimmern, gläserne Windspiele fehlen auf kaum einem Take.

"Out of nowhere" ist in jedem Moment eine originäre Tenor-Platte, mit im Studio war diesmal allerdings das Orchester des Lodzer Theaters. Sozusagen als verlängerter Arm Tenors, aber höchst ökonomisch eingesetzt. Ob das Resultat Tenors ursprünglichen Vorstellungen entspricht, ist fraglich. Wie man hört, gab es Probleme: der "Groove", noch dazu spontan und intuitiv entwickelt, soll nicht die Stärke des Ensembles gewesen sein, dafür meisterte es spielend Tenors atonale Einfälle. Der finnische Pro Cantor Chor, ebenfalls mit im Studio, verstärkt die zarte, zerbrechliche Seite des Albums, die auch in jedem noch so harschen Ton mitschwingt. Ausnahme: "Blood on Borsch", eine Mischung aus monoton, aber symphonisch geschmetterten Metal-Riffs und Wagners Walküren.

Fazit: ein eigenwilliges, sehr anspruchsvolles Werk. Tenor macht sich nicht die Mühe, den Hörer dort abzuholen, wo er es erwartet. Solche Angebote findet man kaum auf "Out of nowhere", kein Album zum Nebenbei-Hören.

(Katja Preissner)

 

 

 

Jimi Tenor

Organism

(Warp/Rough Trade) [3-99]

Jimi Tenor ist der Lucky Luke der Musikbranche: der Mann, der seine Alben in so schneller Abfolge veröffentlicht, daß sein eigener Schatten nicht mitkommt! Dies ist sein viertes in nicht einmal drei Jahren, scheint mir. Er muß offensichtlich einfach nur einen Eimer drunter halten und sein kreatives Output fließen lassen. Beneidenswert.

Und gelohnt hat sich´s auch wieder. Tenor erfindet zwar nicht das Rad neu, aber er zitiert, fusioniert und eklektiziert auf sehr geniale Weise. Funk, Jazz, Blaxploitation- und Agentenfilm-Klänge, Disco-Glimmer, Ethno, Gospel und Chorgesang, Bläser-Fanfaren und sphärische Flöten - all das wird durch den Groove-Wolf gedreht und kommt als Smooth-Offensive unten wieder raus, mit viel cleveren Beats, Space-Atmo, Moogs und Synthie-Veredelung. Aufgenommen wurde das Album übrigens in Berlin, Barcelona, London, New York und in Tenors Heimatstadt Lahti.

"Organism" verdient das Prädikat "de luxe" wie kein zweites Werk, denn Tenors Sound ist unendlich elegant, geschmeidig und relaxt ("smooth" halt), aber nie soft. Verblüffend, wie der Mann bei seiner ganzen Zusammenklauberei seinen konzentrierten Minimalismus durchhält! Der ist es vermutlich auch, der den Album-Titel legitimiert, irgendwie scheinen die ganzen Songs zu leben und eigene Mikrokosmen darzustellen.

Mit dieser Charakterisierung füge ich mich nahtlos in den biologistischen Chor der Rezensenten-Kollegen ein: man sollte mal drauf achten, wie oft im Zusammenhang mit Jimi Tenor von Ein-Mann-Orchestern, Labors etc. die Rede ist. Da kann er noch so oft im Silber-Lamé-Mantel und auf weißen Hengsten in die Konzerthallen Einzug halten (vom Warhol-Haar-Mop und der Riesenbrille ganz zu schweigen) - ihm bleibt das Image des wortkargen, verschrobenen Skandinaviers.

Seine Musik scheint diesen Eindruck noch zu bestätigen: die Takes bewegen sich meist in einer Grauzone zwischen "Songs" im Sinne des Wortes und Instrumentals mit verzerrten Computer-Stimmen oder Geflüster, jedenfalls immer nur in Fragmenten. (By the way: singen kann der Mann nicht! Er versucht es auch dankenswerterweise erst gar nicht oder wählt im Ausnahmefall dieselbe Technik, mit der schon Barry White seine Not zur Tugend machte.) Wie auch immer: die vokale Zurückhaltung Tenors und die oben erwähnte konsequente Konzentration im Sound geben seiner Musik etwas Intimes, Introvertiertes. So, als hätte sich jemand mit der Lupe dran gemacht, ganz alltägliche Dinge mal mit anderen Augen zu betrachten und neue Welten zu entdecken. Nie fühlte ich mich so oft an die Doku "Mikrokosmos" (sic!) erinnert, wie beim Hören dieser CD. Die Wüste lebt!

(Katja Preissner)

 

 

 


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