CD-Kritik Zur Startseite

Robbie Williams

Escapology

(Chrysalis)

Hoffentlich wird es nicht zur Gewohnheit, dass ich Nummer-Eins-Alben aus Neugier anhöre. Grönemeyer würde noch gehen, Springsteen auch, die Gerd-Show oder Wolfgang Petry würde mein Mitbewohner aber nicht ohne Kampf ins Haus lassen. Die Wahrheit ist, dass ich mich nie um aktuelle Hit-Platten gekümmert habe (mit einer Ausnahme: 1987, als ich sehr froh war, dass George Harrison die Charts noch mal eroberte – das waren noch Zeiten!).

Dieses Mal war ich aber irgendwie neugierig und dazu (vielleicht war es sogar die Ursache meiner Neugier) hatte ich die Grippe. Als ich im Bett lag, habe ich mir Robbies Neueste mehrmals angehört. Meine Meinung dazu hättet Ihr hier schon viel früher haben sollen; ich wollte aber sicher stellen, dass sie nicht nur eine Folge der Krankheit bzw. Nebenwirkung der Medikamente war. Sie ist es nicht. Also, jetzt da ganz Deutschland das Album schon gekauft hat, kann ich es auch sagen: es ist erstklassig! Nicht nur erstklassig im Sinne von „ich schnipse mit meinen Fingern und wippe mit meinem Fuß“, sondern erstklassig im Sinne von ich habe wieder meinen Glauben an die Pop-Musik als persönlich heilende Kraft, auch wenn sie von den Massen gekauft wird, erstmals seit 1987 wieder gewonnen!

Über die Lieder selbst verschwende ich hier nicht viele Worte; ihr werdet eh die meisten als Videos in den kommenden Monaten sehen. Nur so viel: es war vielleicht doch ein kleiner Fehler von Robbie, fast alle schnelleren Nummern ans Ende des Albums zu stellen. Der Kritiker des Musikexpress gab nur zwei Sterne und sagte: „Wie wäre es vielleicht mit einem Midtempo-Song?“ Was die Vermutung nah legt, dass er die Platte nicht zu ende gehört hat, da „Hot Fudge“, „Song 3“ (hier übertrumpft er Blur, wenn's umd Nirvana-Klonen geht) und „Cursed“ alle so gut rocken wie beispielsweise die alten Streitkumpel Oasis.

Und auch wenn es nicht so wäre, sind die Balladen auf „Escapology“ erste Wahl, allein wegen der Texte. Robbie hat natürlich nur eins zu sagen: Ich bin der Größte. Das macht er aber augenzwinkernd, mit Humor und Intelligenz, die sonst in den Top 10 nur bei Eminem zu finden sind – und (wenn man genau hinhört) mit einer Sensibilität, die sonst nur von Grönemeyer zu hören ist. Nur einige Ausschnitte:

“To all you Sharons and Michelles, with all your stories to sell…… I’m glad that spending a night with me can guarantee you celebrity“

“You can’t argue with popularity… well you could, but you’d be wrong”

“If you’re not stiking your knives in me, you will be eventually”

“If I ever hurt you, your revenge will be so sweet”

“It’s not very complicated, I’m just young and overrated”

Es ist als ob Robbie weiß, dass er die 80 Million Pfund von EMI nicht wert ist, er nimmt das Geld aber trotzdem, wie der doppeldeutige Albumtitel (ein weiteres Zeichen von Intelligenz) schon vermuten ließ. Liegt die Betonung auf „Escape“, also Robbies Flucht vor seiner Berühmtheit? Oder liegt die Betonung auf „Apology“, also seiner Entschuldigung dafür, dass er so reich ist? So oder so, hat Robbie mehr zu diesen Themen zu sagen als Roger „The Wall“ Waters – der Meistertext “Me and My Monkey”, eine Geschichte von seinem entfesselten wahren Ich in Las Vegas, ist eines Bob Dylan würdig, kein Scherz.

Dazu singt er seine Texte ganz clever – mit ein Bisschen von der Zurückhaltung, die er von (den selbstverständlich immer noch weitaus besseren) Frank und Dino gelernt hat. Er lässt einen die Worte verstehen und fügt keine zusätzlichen Silben an. Nach der ganzen übertriebenen Gesangsquälerei von Mariah Carey, Destiny’s Child, Enrique Iglesias, Xavier Naidoo (und die Liste hört nie auf) ist das allein doch die 80 Millionen Pfund wert.

Mein Instinkt sagt mir, dass Robbie zu anspruchsvoll ist, den Durchbruch in den U.S.A. zu schaffen, wo anscheinend der der einfach am lautesten die meisten beleidigen kann die meisten Platten verkauft. Es würde mir aber freuen, wenn mir das Publikum dort unrecht gibt, seinen guten Geschmack zeigt und Robbie zum König macht. Von mir aus könnte er sogar Bill Gates’ Geld haben.

(ml)


Robbie Williams

Sing When You're Winning

(EMI)

Wer hätte gedacht, dass der ehemalige Take That-Raufbold Robbie Williams zu einem ernstzunehmenden Popkünstler heranwachsen würde. Obwohl: Viele sehen in ihm weiterhin einen pubertären Kaspar. Dabei ist Williams einer der größten männlichen Popstars der letzten Jahre.

Was hat er nicht schon durchgemacht: der offen ausgetragene Streit mit den Gallagher-Brüdern, Drogenprobleme, die Trennung von der All Saints-Sängerin Nicole Appleton, die nun mit seinem Intimfeind Liam Gallagher liiert ist. Dann die Gerüchte um eine Affäre mit Spice Girl Geri Halliwell. Zuletzt musste er viel Geld zahlen, weil er sich in dem Song "Jesus In A Camper Van" (vom '98er Album "I've Expecting You") ein wenig zu viel eines anderen Textes bedient hatte. Er steht ganz oben und ist daher ständig in der Schusslinie.

Das macht ihm scheinbar wenig aus. Er weiß sich zu behaupten und hat mit Guy Chambers abermals ein Pop-Schmuckstück erschaffen. "Sing When You're Winning" wird den Erwartungen nach anfänglichem Zweifel doch gerecht. Allein schon das Booklet ist großartig: eine Art Fußballfotoalbum ausschließlich mit Williams-Fotos.

Er schlüpft gerne in verschiedene Rollen. Auch was die Musik betrifft. Das Album legt mit dem Britpop-Song "Let Love Be Your Energy" los, bevor es mit der Ballade "Better Man" und der Hitsingle "Rock DJ" weitergeht. Es folgen das bombastische "Supreme" und das Dance/Rock-Duett mit Kylie Minogue ("Kids"). Plötzlich kokettiert er mit den "Beatles" ("Singing For The Lonely") oder packt in "Forever Texas" die Rockgitarre aus. Dazwischen die Balladen "If It's Hurting You", das düstere "Love Calling Earth" und "By All Means Necessary". Zum Schluss noch der Trennungsschmerz in Form von "The Road To Mandaly". Schwächen zeigt Williams nur bei "Knutsford City Limits", das zu kalt und steril wirkt. Ansonsten gewinnt er auf ganzer Linie.

(kfb)

Cover Robbie Williams

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