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Reviews:

And then nothing turned itself inside-out


I can hear the heart beating as one
Genius + Love = Yo La Tengo

Yo La Tengo

And then nothing turned itself inside-out

(Matador OLE 371-2V/Zomba)

 

Dies muss es sein, was bei den Peanuts das Drei-Uhr-Nacht-Phänomen war. Alles dunkel, alles still, alle Bürgersteige hochgeklappt im Nachtjackenviertel. Hört man "And nothing..." einsam zu später Stunde, fühlt man sich gleich noch viel einsamer als ohnehin schon, aber es macht plötzlich Spaß.

Yo La Tengo sind ein kleines Mythen-Bündel. Zum einen sind sie Amerikas ultimative Indie-Ikone, zum anderen leben sie die Unmöglichkeit des gemeinsam musizierenden Paares. Gitarrist Ira Kaplan und Dummerin Georgia Hubley sind nämlich verheiratet. Und das nicht etwa in New York, Seattle oder Los Angeles, sondern in Hoboken, New Jersey. Einem Provinznest also. Ein Bassist, James McNew, gehört auch noch dazu, und das alles seit 1986. Und "And nothing..." ist je nach Zählweise das zehnte bzw. elfte Yo La Tengo-Opus.

In Hoboken gehen die Uhren zur Zeit ziemlich langsam. "And nothing..." ist ein Downbeat-Album. Ein in sich gekehrtes, atmosphärisches, manche sagen sogar: meditatives, noch dazu. Yo La Tengo bringen die Stille zum Blühen. Zugegeben, man muß sich ein wenig einhören, vielleicht auch öfter. Erst wenn man die Alternative-Schrammel-Folk-Erwartungshaltung abgeworfen hat, kann sich der Charme dieses Kleinods angemessen entfalten. Spröde klingt es, rauh und nach schöner, kalter Schulter. Trotz seines roten Zeitlupenfades klingt jeder Song anders. Und kaum hat man sich mit den sperrigen, verfransten Hooks abgefunden, kommt ein Ohrwurm, der einem vor Sentimentalität das Wasser in die Augen treibt. Eine immense Bandbreite, sagen die einen. Indifferent, die anderen.

Sei´s drum. Einiges ist den meisten Takes gemein. Das Abgehangene, Eiernde, Verhuschte, leicht verloren Wirkende. Das Intime, Fragile, Gelassene. Und das Frische, die Surf-Gitarren, der Noise, der wummernde Bass, das Synthie-Gepluckere. Orgeln, monotone Beats, aus den 50ern übriggebliebene Swing-Rhythmen, schrummelige Riffs und formlos wabernde Song-Massen. Ambient? Lounge? Elektronik? Post Rock? Folk? Ja. Und Nein. Yo La Tengo sind eine Pop-Band! Und ich hab, nach nunmehr etwa sechsmaligem Durchhören, mittlerweile drei Lieblingslieder, Tendenz: steigend. Namely: Der Slomo-Schluchzer "Tears are in your Eyes", das Tex-Mex-Instrumental "Tired Hippo" und das 16-Minuten-Monster "Night falls on Hoboken". Leises Geschrammel, zarte Harmonie-Vocals, ein unbeirrbarer Bass und experimentelles Geschrille, Gekrache, Gezerre und Geklapper. Mehr Installation als Song. Und süchtig machend...

(Katja Preissner)

 

 

Yo La Tengo

I can hear the heart beating as one

(Matador/RTD 1997)[4-97]

Nach der B-Seiten Veröffentlichung ("it smells like a B-Side") "Genius and Love = Yo La Tengo" gibt es nun das reguläre Album der alten Tante Yo La Tengo. Das Werk ist ganz poetisch mit "I can hear the heart beating as one" betitelt. Der Cosmos von Yo La Tengo ist begrenzt, Veränderungen spielen sich nur im marginalen Bereich ab, unerwartete Dinge gehören nicht zu den bevorzugten Lebensgefühlen. Nukleus der seit 1984 bestehenden Band ist das Ehepaar Georgia Hubley (Drums, Voc) / Ira Kaplan (G, Voc), ergänzt um den etwas fülligen James McNew am Bass, der nach wechselnden Besetzungen so etwas, wie ein festes Bandmitglied zu sein scheint, was auch seine wachsendes Bedeutung bei den Songs erklären könnte. Das Idyll wird durch Produzent Roger Moutenot ergänzt, der nun auch schon seit Jahren dieses Job macht. Bei Yo La Tengo ist alles etwas langsamer und gemütlicher, man könnte anders aber auch sagen, sie sind in ihrem seelischen Gleichgewicht. Na ja, sie machen ja auch keine twenty-something-Musik sondern eher thirty-and-more.

Die Platte beginnt mit der Rückkehr der heißen Hühner ("Return To Hot Chicken"), die auch schon bei der letzten regulären LP ("ELECTR-O-PURA" - Cityslang/EFA 1995) ihre Bedeutung hatten. "Moby Octopad" bringt mit einem Jazzy-Piano neue Akzente in den Cosmos. Die Risikofreude, die es auch bei gutem Jazz gibt, ist eine Stärke der Band . Manchmal, nicht immer, startet eine Nummer und etwas wundervolles passiert und dann ist nichts mehr, wie es vorher war und es ist schön. Töne sind wichtiger als Musik - Sounds wichtiger als Formen - Emotionen wichtiger als Inhalte. "The sound of a guitar is with me all the time - Or Am I with it?" (Ira Kaplan in den Linernotes zu ELECTR-O-PURA). Die Revolution dann bei "Autumn Sweater". Dieser Track wurde vom Drumīn Bass Artisten ĩ-zig remixt. In limitierter Auflage wird in Europa dem Album eine Remix-EP beigelegt sein, auf der Dr. Octagon, Tortoise und Kevin Shields von My Bloody Valentine diesen Titel remixen. "Little Honda" (Coverversion der Beach Boys) legt direkt danach aber wieder die Wurzeln bloß, es kracht an allen Ecken und Enden. "Center of Gravity" ist Bosa Nova aus einem Rhythmusgerät der ersten Stunde. Sowieso sind YLT, was die Instrumente angeht eher konservativ, da wird recycelt, was andere wegwerfen, da wird aus alt - neu, da wird aus Müll - Stil. Zuletzt hatte man sich auf dem ELEKCTR-O-PURA Album eine Orgel geleistet. Warscheinlich mit derselben, lassen sie das Album ausklingen und ziehen sich wieder in ihre "My little corner of the World" zurück. Insgesamt hat "I can hear the heart beating as one" kein einheitliches Konzept, sondern entwickelt den Yo La Tengo Cosmos bruchstückhaft weiter. Aber: Schritt für Schritt - eins nach dem anderen - gemach, gemach - nur nicht unhöflich werden.

(fw)

 

Yo La Tengo

Genius + Love = Yo La Tengo

(Matador/RTD) [12-96]

Yo La Tengo, die ewige Alternative zu allem und für immer, haben mal wieder etwas veröffentlicht. Mit dem unbescheidenen, nichtsdestotrotz richtigen Titel "Genius + Love = Yo La Tengo" bringt das Trio um das Ehepaar Kaplan, seine mittlerweile 8. LP auf den Markt und dies dann sogar als Doppel-LP (die 2. LP ist nur instrumental) mit 28 Titeln. Auf "G+L=YLT" ist allerdings kein neues Material, sondern B-Seiten, Coverversionen (genial "Blitzkrieg Bop" instrumental oder "I´m set free" aus ihrem Engagement bei dem Film " I shot Andy Warhol), Beiträge zu Soundtracks ("Something to do" aus dem "Matter of degree"-Soundtrack) und Abfallprodukte der vorherigen Plattenproduktionen, die aus welchen Gründen auch immer, bis dato nicht veröffentlicht wurden. "Genius and Love" überbrückt die Zeit bis zu dem, in bälde erscheinenden Album "I Can Hear The Hearts Beating as One" Die Zielrichtung ist klar, man will das Fanpublikum befriedigen, das alles komplett haben will.

Zurück zu "Genius and Love": während die erste LP des Doppelpacks aus dem üblichen vertrauten süßen Geschrammel besteht, bei dem der Gesang zwischen Ira und Georgia Kaplan hin und her wechselt, besteht die zweite LP aus dem üblichen vertrauten süßen Geschrammel, allerdings ohne Gesang. Besonders die Instrumentalseite macht die Faszination Yo La Tengo deutlich. Musik, basierend auf ethnologischer Rhythmik und elektronischen Klängen (Sounds), die in ihrer hypnotischen, meditativen Ausstrahlung den Zuhörer fasziniert oder langweilt. Gespannt warte ich auf die Band, die die Feedbackgitarre als Soundgrundlage für ein elektronisches Konzept nimmt und sie mit Dingen, wie Hip Hop Drum´n Bass, Dub, etc. verbindet. Ich denke, bei Yo La Tengo kann man den Ansatz einer solchen Illusion finden.

Aber die Frage kommt doch auf: Tut das Not? Braucht man speziell diese Platte? Diese Platte braucht man natürlich nicht! Yo La Tengo machen mal wieder einen Soundtrack zu einem Film, den schließlich dann doch auch keiner kennt. Die Fans der Hoboken Band werden auch diese Scheibe kaufen (und für eine Stunde mal wieder glücklich sein), die anderen werden weiterhin in andere Filme gehen. Was soll man groß philosophieren: Die ähne verstehns, die annere halt net!

(fw)

 

Cover Genius+Love= Yo La tengo


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