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Zehn Platten für einsame Inseln - Mehr noch als das Goodbye für unsere
Gesellschaft würde mich schmerzen, Dutzende andere Scheiben zurücklassen
zu müssen. Trotzdem wäre ich optimistisch! Die zehn LPs, die auf der
nachfolgenden Liste zu finden sind, repräsentieren Eigenständigkeit,
Witz, begnadetes Können und so unterschiedliche Musikrichtungen wie
möglich - Jede steht für einen Teil meiner Seele, die mit den
entsprechenden Klängen unterlegt, tanzt und sich ausbreitet in der
Leere.
Curly Curve - The Forgotten Tapes
Berlin war schon immer für eine Überraschung gut. Ein Musikfan entdeckt
Tapes einer unbekannten Band, aufgenommen 1981. Curly Curve ist eine
der ganz seltenen Bands, denen man nicht anhört, daß sie aus
Deutschland kommen. Statt dessen spielen sie
psychedelic-Art-Rock-influenced Songs, souverän und virtuos. Eine Platte
blieb der Nachwelt. Wenig und trotzdem wesentlich mehr als Scorpions,
Grölemeyer und Konsorten je auf die Beine stellen werden.
U2 - Achtung Baby
Nach "One" ist noch lange nicht Schluß. Bevor sich U2 auf die Irrwege
Zooropas und des Pop-marts begaben, nahmen sie in Berlin ein Album auf,
das vom ersten bis zum letzten Song stimmig ist. Egal, in welcher
Gemütslage sich der Hörer befindet, U2 untermalen brillant, auch nach
dem hundertsten Anhören gibt es noch neues zu entdecken in den
Arrangements der Songs. Universell im besten Sinne.
Neil Young - Live Rust
Aus dem umfangreichen Werk Youngs auszuwählen, fällt nicht leicht.
Unwiderstehlich ist auf jeden Fall dieses Live-Album. Young benutzt die
E-Gitarre nicht einfach, weil es jeder tut - sie verschmilzt mit ihm.
Gesang, Rhythmus und Soli sind eins, und, unter uns gesagt, es ist immer
wieder tröstlich, den Kanadier "Rock`n`Roll will never die" predigen zu
hören, oder?
Savoy Brown - ... A Step Further
Letztes Jahr tingelten sie durch Deutschlands Clubs, weitgehend
unbemerkt. Kein Wunder. Nichts ist, wie es früher war. Die Zeiten ändern
sich. 1969: Chris Youldens besoffene Stimme röhrt den Blues, Kim
Simmonds spielt ebenso virtuos wie anzüglich Gitarre. Eine Live-Aufnahme
aus den Chicagoer Zeiten der Band, ganze 18 Minuten lang, findet sich
auf der B-Seite. Wer die Scheibe hört, weiß nach dem anfänglichen
Ausflippen und Tanzen vor den Boxen, warum die Band ganze Legionen von
Musikern beeinflußt hat.
Deine Lakaien - Acoustic
Wenn Gruft auf Pop und Oper auf ein präpariertes Klavier trifft, sind
die Lakaien zugange. Und zwar akustisch. Intensiver konnten Alexander
Veljanow und Ernst Horn ihre Songs nie spielen. Die freiwillige
Reduzieung auf Stimme und Klavier brachte ein Meisterwerk auf den Weg,
das auch überzeugten Gegenern melancholischer Musik ein anerkennendes
Staunen abringt.
Pinnacle - Assasin
Ein vergessenes Juwel aus den Siebzigern, der Hochzeit der Psychedelic.
Pulsierende Orgeln, aufschneiderische Gitarren und ein für heutige
Verhältnisse verschwenderisch aufwendiges Songwriting machen die Scheibe
zu einem Maßstab, den ich an alle heutigen Versuche diverser Bands
anlege, anders, intensiv und unverfälscht zu klingen.
Radiohead - O.K. Computer
Eine brandneue Scheibe, die sich dennoch innerhalb von kürzester Zeit in
mir eingegraben hat. Schmerzlich werden aktuelle Bands vermißt, die
psychedelische Elemente in ihre Musik hereinlassen, das mühsame Suchen
in den Tiefen der Siebzigern hat hier Pause - Radiohead spielen Musik
von einem anderen Stern. Der leuchtet allerdings so hell am nächtlichen
Himmel, daß ich mir demnächst eine Rakete baue und mich auf den Weg
mache.
Jimmy Page, Roger Plant - "No quarter"
Nach mehr als einem Jahrzehnt Plant und Page auf der Bühne stehen zu
sehen, ist bereits ein Erlebnis. Die Veteranen haben sich aber nicht mit
einer kleinen Reunion zufrieden gegeben, sondern mit Aufnahmen in
Marokko die Faszination orientalischer Musik eingefangen und mit ihren
typischen Rock-Elementen verschmolzen. "No quarter" überwindet mühelos
musikalische Horizonte, ist verspielt und gleicht einem Traum aus
Tausendundeiner Nacht.
Element of Crime - Damals hinter`m Mond
Die Jahre zuvor sang die Berliner Indie-Combo um Sven Regener englisch.
Prima Pop-Songs und Grunge, lange, bevor Nirvana ihn entdeckten. Die
"Damals" brachte Änderungen: Zum ersten Mal sang Regener auf deutsch,
musikalisch ist die Scheibe ein Glücksfall. Folk, Chanson, Schlager, Pop
und Jazz gehen eine fluminante Symbiose ein, die poetischen Texte
Regeners sind das Sahnehäubchen. Eine Scbeibe, an die man sich auch noch
im nächsten Jahrtausend erinnern wird.
R.E.M. - Songs for a green world
Ein packendes Live-Album. Michael Stipe singt, als wäre er soeben
einer Klinik entlaufen, der Rest der Band verstärkt mit rohem Sound
und dunklen Gitarrenriffs das Gesamtbild. "Itīs the end of the world",
letzter Track der Doppel-LP bringt mit seiner Message Licht ins Dunkel
- "And I feel fine!"
Zehn Songs für die Ewigkeit
Curly Curve: "Dusty Morning"
Zigarettenasche neben dem Schlafsack und der Isomatte. Im Kopf tanzen
Elefanten Tango. Erwachen nach einer Party. Draußen grau und drinnen
keine Hoffnung - diese Stimmung fing die Berliner Kult-Band kongenial
ein. Die Band gibt`s nicht mehr, die Partys aber schon. Naja, geteiltes
Leid ist halbes Leid, tröste ich mich.
Guns`n`Roses: "Estranged"
Vielleicht der schönste Song, den G`n`R je komponierte. Im Vordergrund
steht Lead-Gitarrist Slash, der seine Les Paul ein ums andere Mal so
schön laufen läßt, daß der Rest des Songs nur wie Füllmaterial wischen
den Soli wirkt. Spannungsbögen wechseln sich laufend ab, das Songwriting
ist genial.
Radiohead: "Exit Music (for a film)"
Einer der traurigsten Songs, zugleich einer der unwirklichsten. Thom
Yorke wirkt hier mehr denn je "out of space"...
Janis Joplin: "Piece of my heart"
Ungerecht sei es, schrieb ein Kritiker, daß Gott es zuließ, daß soviel
Talent einer einzigen Frau gegeben wurde. Leider einer Person, die schon
lange tot ist. Was bleibt, sind wenige Lieder und die grenzenlose
Bewunderung für die Stimme von Janis Joplin. Nie wieder, nie, wird eine
Sängerin mit wenigen Tönen so viel ausdrücken können.
Pink Floyd: "Wish you were here"
Braucht keinen Kommentar!
Neil Young: "Like a hurricane"
Der Songtitel ist Programm. Was wie ein Liebeslied beginnt, endet in
einem Orkan. Young spielt eines der schönsten Solis, die je zu hören
waren. Auf dem Strahl seiner singenden Töne läßt sich diese Welt
verlassen, zweieinhalb Minuten reichen für einen ultimativen Trip in die
Seele der Musik. Unvergleichlich.
AC/DC: "Love song"
Eine Ballade von AC/DC. Ja, das gibt`s. Zumindest auf der australischen
Pressung der "High Voltage". Bon Scott pfeift hier auf die
Rock`n`Roll-Attitüde und schreit sich die Trauer über eine verflossene
Liebe aus dem Leib. Intensiv, anmutig.
Led Zeppelin: "Kashmir"
Orient meets Rock - keiner hat das brillanter demonstriert als Led
Zeppelin. Noch heute bringen Jimmy Page und Roger Plant Kulturen
musikalisch zusammen. Der vielzitierte Blick über den Tellerrand fand
bei Led Zep tatsächlich statt und war nicht nur Phrase, um Esoteriker in
die Plattenläden zu locken.
Element of Crime: "Wenn der Morgen graut"
Kurz nach der ersten Straßenbahn / Sind alle Wege öde und leer / lauf
noch ein bißchen neben mir her / einmal für Dich / einmal für mich - Was
soll man zu solchen Lyriks sagen? Schweigen? Ich ziehe meinen Hut vor
dieser großartigen Band, und ihrem Mastermind Sven Regener. "Wenn der
Morgen graut" ist nur einer von dutzenden wundervollen Songs, so schön
traurig sein kann nur diese Band.
Neil Young: "The needle and the damage done"
Und noch einmal Neil Young. Ein kleiner, aber sehr feiner Song. "Every
junkieīs like a stting sun". Right.
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