All full of love
5 Jahre Kitty-Yo Int.
Was
habt ihr eigentlich vor fünf Jahren gemacht? Vielleicht habt ihr
euch gewundert, was aus Techno geworden ist? Vielleicht auch Beck oder
Blumfeld gehört. Oder ihr wart doch ein Teil des Generation X-
Problems? Im Kino habt ihr euch bestimmt Forrest Gumb rein getan und
seid dann mit eurem Lebenspartner mit diesem Gefühl irgendwo zwischen
amüsiert und tief bewegt aus dem Kino gelaufen. Nein, ich vergaß,
ihr wart bestimmt cool, und fandet Pulp Fiction richtig klasse. So klasse,
wie Millionen Medizin- und BWL-Studenten nach euch den Film auch fanden.
Aber es kann sich ja jeder selbst fragen, ob das irgendwie cool war,
was er damals so getrieben hat.
In
Berlin, in Mitte um genau zu sein, haben zwei junge Menschen zwar nicht
unbedingt auf ihre Eltern gehört, aber auf jeden Fall was wirklich
COOLES gemacht. Sie haben sich nämlich gefragt, wo SURROGAT denn
ihre Platte veröffentlichen wollen? Jetzt werdet ihr bestimmt einwenden,
was denn um Himmels Willen daran cool sein soll? Ja, im Prinzip noch
nichts. Aber die Antwort, bzw. das Ergebnis, zu dem die beiden gekommen,
ist definitiv cool! Heute würde natürlich jeder Schlaumeiern
sofort antworten: " Wie wär's denn mit Kitty-Yo? Ihr wisst
schon, die in Berlin. Bei denen passt das doch ganz gut ins Konzept."
Feine Idee, aber vor fünf Jahren gab es Kitty-Yo leider noch nicht.
Das war den beiden jungen Menschen auch irgendwie klar und so dachten
sie sich: Dann machen wir das eben selbst! ( Ergebnis s.o.!) Und da
es den Namen damals noch nicht gab, dachten sie sich, nehmen wir doch
Kitty-Yo. Und es ward Kitty-Yo!
Um es mit Lou Reed zu sagen: "The beginning of a great adventure",
das Raik Hölzel und Patrick Wagner (git, vox bei Surrogat) vor
mittlerweile fünf Jahren an den Start brachten. War die erste Veröfentlichungs-Runde,
bestehend aus drei 7"-Singles ( SURROGAT,KEROSIN und WUHLING) noch
in gewisser Weise den damals dominanten Gitarren-Sounds verpflichtet,
konnte man aber dennoch Sprunggelenke knirschen hören. Jeder war
irgendwie auf dem Sprung, damals. Nur wußte man noch nicht so
genau, wohin es gehen soll. Genau genommen, weiß man das heute
bei Kitty-Yo immer noch nicht so genau. Und das ist eigentlich das Beste,
was einem Label passieren kann. "Open minded", wie der Angelsachse
so sagt. Vielleicht ist es auch so zu erklären, dass Kitty-Yo scheinbar
immer zu rechten Zeit am rechten Ort waren. Jedenfalls stellt es sich
für Außenstehende so dar.
Klar
etwas Glück gehört immer irgendwie dazu, was bei für
die ersten Veröffentlichungen auch zutreffen mag. Aber es lag damals
auch förmlich in der Luft. Erste Erfolge für deutschsprachige,
alternative Musik von den Sternen, Tocotronic oder Blumfeld im eigenen
Land. Andererseits frühere Erfolge von Krautrock im allgemeinen
oder speziell von Bands wie Can, Kraftwerk oder auch Deutsch-Amerikanische
Freundschaft im Ausland. Das bot natürlich einen fruchtbaren Nährboden
für neuere Projekte aus Deutschland. Zudem wuchs im Jahr zwei,
nachdem Punk in seiner Mit-Achtziger-Jahre-Definition als Alternative
zum Corporate Rock zusammengebrochen war, das Verlangen nach neuen Wegen
und Ausdrucksmitteln. Und so kann es im Rückblick niemand ernsthaft
verwundern, daß die ersten Veröffentlichungen von der Kritik
und im In- und Ausland euphorisch aufgenommen wurden. Dann gibt es noch
eine Band wie Tortoise, die zwar nicht bei Kitty-Yo veröffentlicht,
aber dennoch eine entscheidende Rolle spielt, was die Rezeption von
dem, was die Presse mittlerweile "Post-Rock" nannte, in der
Öffentlichkeit betrifft. Dass Tortoise, ein Projekt, dessen Beteiligte
allesamt aus der amerikanischen Alternative-Rockszene kamen, sich Studioexperimenten
und Dub-Techniken öffneten, sich "neue" Sounds und Wege
erschlossen und damit auch noch kommerziellen Erfolg hatten, das schuf
auch eine neue Hörerbasis, die dann auch gegenüber der nächsten
Veröffentlichung von Kitty-Yo aufgeschlossen war:
TO
ROCOCO ROT, die auch unterwegs waren und es immer noch sind. Gleichzeitig
vermied man es, bei Kitty-Yo, allein auf das neue Post- Rock Ding zu
setzen. Vielmehr gab und gibt man sich nach allen Seiten offen. Auch
einer dieser schönen Aspekte an diesem Label, immer für eine
Überraschung gut zu sein. Man bewegt sich und demonstriert, dass
man am Leben ist. Ob es nun Bands wie GO PLUS, die demnächst wahrscheinlich
endgültig herausgefunden haben werden, wo Brian Wilson sein neues
Zuhause hat, oder auch wie SURROGAT, Deutschlands letzte, aufrechte
Rocker (a dirty job, but...), sind, die konsequent promotet und aufgebaut
werden. Immer könnte ein cleverer Betriebswirtschaftler einwenden,
dass es mit Sicherheit Bands in Deutschland gibt, die man einfacher
verkaufen könnte. Aber genau darum, geht es bei Kitty-Yo NICHT!
Zumindest nicht in erster Linie. Natürlich ist man auch in Berlin,
Mitte nicht gegen die Auswirkungen der freien Marktwirtschaft gefeit.
Es muss sehr wohl abgewogen werden, was finanziell machbar ist und was
nicht. Dennoch wird immer versucht, den schmalen Grat zwischen Kunst
und Kommerz zu gehen.
Rein
wirtschaftliche Entscheidungen in Bezug auf Veröffentlichung von
Musik überläßt man lieber den Spirituosen - Händlern
dieser Welt (Hallo Seagram !). Und das ist auch gut so! Denn während
die deutsche Musik- Industrie sich im Moment auf die Suche nach dem
Sündenbock für ihre millionenschweren Umsatzeinbußen
macht und auch schon in MP3 gefunden zu haben glaubt, scheinen die wahren
Ursachen eher in der sträflichen Vernachlässigung des Aufbaus
neuer Bands zu liegen. Wenn man eher an der schnellen Mark interessiert
ist, bleibt die Qualität schon mal auf der Strecke und deswegen
muss immer wieder dankbar dafür sein, dass es Labels, wie Kitty-Yo
oder auch Payola aus Weilheim überhaupt gibt. Das ist beiden Firmen
natürlich auch klar und deshalb entschloss man sich auch zur Zusammenarbeit
und gemeinsamen Veröffentlichungen.
Bisherige
Ergebnisse sind der gesplittete Release des COUCH - Albums und der "Einigen
wir uns auf die Zukunft"- Compilation, auf der Bands beider Labels
vorgestellt werden. Zudem dehnte man die Zusammenarbeit auch in Richtung
Hamburg aus und durfte "Schatzitude" von BRÜLLEN ins
Programm nehmen. Natürlich hat Kitty-Yo auch seine eigenen Zugpferde.
LAUB zum Beispiel, die jetzt schon den Radiopop für die Mitte des
neuen Jahrtausends angehen. Ganz vorneweg natürlich TARWATER, die
auch in USA und England begeistert aufgenommen worden sind und für
deren Musik es auch lohnt, sich mit netten Mitarbeitern in der Rechtsabteilung
von BMG auseinander zusetzen, die, vor der Nutzungsfreigabe eines Textes
von T.Rex, lieber erst mit Herrn Bolan selbst sprechen wollen. "Get
it on! Bang a gong!" kann man da nur sagen. Man sieht, es wirklich
auch harte Arbeit, ein Label zu betreiben.
Aber
was Kitty- Yo wirklich ausmacht, ist nicht der Umgang mit dem Business
oder der Promotion, sondern der Umgang mit den Künstlern. Man kann
sich Kitty-Yo vielleicht so vorstellen, wie der letzte Spot für
die neue A-Klasse von Daimler-Benz ("Wer ist hier eigentlich der
Chef?"). Natürlich ohne Pizzaschachteln und A-Klasse vor der
Tür. Dafür allerdings mit massig Zigaretten und Kaffee, sowie
einem Büro mit dem Charme der "Arbeitsküche" in
eurer ersten WG (erinnert ihr euch noch?). Also vielleicht, wie das
real gewordene Idealbild einer Firma unseres "Auf-dem-Weg-in-die-Dienstleistungs-Gesellschaft"-Landes.
Vielleicht ist Kitty-Yo aber auch "nur" ein Label, das auch
trotz des real existierenden Kapitalismus in Lage ist "gute"
Musik zu veröffentlichen und auch zu verkaufen. "Gut"
im Sinne von interessant, hörenswert und lebendig. Nicht immer
mit hundertprozentiger Verkaufsgarantie, aber gerade deswegen: Hut ab!
Alle Beteiligten dürfen sich gelobt, ermutigt, umschmeichelt und
in den Arm genommen fühlen.
Alle Unbeteiligten dürfen sich überlegen, was sie in den
letzten fünf Jahren alles aus ihrem Leben hätten machen können.
Aber bevor das jetzt den Rest eures Lebens in Anspruch nimmt, checkt
lieber mal die jetzt bei EFA erschienene Doppel-CD "Freischwimmer".
Ein Überblick über fünf Jahre Kitty-Yo mit allem drauf,
was war, ist und sein wird. Wer an seinem Arbeitsplatz über eine
Standleitung verfügt, kann sich den erhältlichen Teil des
Label-Katalogs via Shockwave auf der sehr, sehr schönen Homepage
von Kitty-Yo anhören und bestellen. Die Anderen natürlich
auch! Los jetzt!
(rk)
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