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Sampler

Popshopping mixed up

(Crippled Dick Hot Wax CDHW 071)

Modisch! Schick! Modisch! Schick!

Super! Klasse! Super! Klasse!

Die ganze Welt soll es wissen, und Konishi Yasuharu teilt es ihr mit. Alle nochmal herhören!... Wieviel der Japaner (und eine Hälfte des japanischen Easy Listening-Duos Pizzzicato Five) von den Slogans der "Nordwest Schuhe" versteht, ist nicht überliefert. Aber sein Remix ist ebenso furios, wie die Idee dahinter kurios:

Am Anfang stand das Album "Popshopping" des Labels Crippled Dick Hot Wax. Ein Aufgalopp aus knapp 30 deutschen Werbemelodien der Jahre 1960 bis 1975. Von Moulinex bis Fa, vom Ford Capri bis zum Opel Rekord. Eine skurrile Zeitreise mit aufgekratzten Easy Listening-, Jazz- und Funk-Tracks, unter anderem von Edelfedern wie Klaus Doldinger, Christian Bruhn und Gert Wilden.

Mit dem Remix-Album "Popshopping mixed up" sind die (damals schon recht futuristischen) Werbemucken endgültig in der Jetzt-Zeit angekommen. Dem opulenten Ausgangsmaterial steht jetzt allerdings eine äußerst exklusive Auswahl an Mixen entgegen: ganze sieben Takes - und darunter allein vier "Fords" (ein Capri und drei Taunusse)!!! Herzlichen Glückwunsch, Herr Bruhn! Ihr Starkstrom-Soul à la Isaac Hayes hat es den Remixern offenbar besonders angetan. Flankiert von den "Nordwest Schuhen" und "Moulinex" (sinnigerweise als Schlußtake).

Aber zuerst die "Nordwest Schuhe": im Original schon ein früher Big Beat mit Disco-Rhythmus und Jazzorchester, mußte Yasuharu nur noch rasante Trommelwirbel drüberhäufen und den fröhlichen Schlager zum hypernervösen Plastikpop aufpeitschen.

Mit Ursula 1000 aus New York wird's dann schwer elektronisch. Der Ford Capri biegt schon nach Sekunden von seinem geschmeidigen Gitarren-Riff ab, hinein in dunkle Dancefloor-Gassen, über karge Loops und holprige Beats, vorbei an gefährlichen Verzerrern, souligen Bläser-Fanfaren und schmeichelnden Harmonie-Vocals. Immer wieder bremst er scharf ab und rast in entgegengesetzer Richtung weiter, einem geheimen ZickZack-Kurs folgend, der ihn auch in groovige Ambient-Ecken führt.

Kurze Erholung: der erotische Lounge-Track des Norwegers Rune Lindbaek. "Sweet and sexy" war vor rund 30 Jahren die Melodie von Ellen Betrix. Lindbaek frönt dem Weichzeichner-Sound:sein Softpop strippt in Slowmotion vor sich hin, als liefere David Hamilton die Bilder dazu. Es blubbert und moogt, die Bläser kandieren ihre Noten, und die Hi-Hats klingen wie ein Parfüm-Zerstäuber...

Komplett zerlegt und neu zusammengesetzt hat Mimok aus Berlin den Ford Taunus, deshalb heißt er bei ihm am Ende auch "Ford Scampi". Mimok ist Freestyler, und sein Ford eine Mischung aus Future-Sound und Old-School. A-cappella-Percussions, Avantgarde-Jazz, Elektronik-Loops und jede Menge Samples. Mimok hat seinen eigenen kleinen Film gedreht, mit echter Dramaturgie und einem Auto in der Hauptrolle.

Tobi Tob von 5 Sterne Deluxe durfte sogar zweimal ran. Sein Ford Taunus Part 1 rast durch Häuserschluchten, smooth und scharf zugleich, zu superfettem Disco-Funk. Part 2 kommt noch souliger, mit mehr Latin und kanonenartig rausgeblasenen Tuschs: Hardcore-Dancefloor. Die Arrangements reduzierter, die Passagen länger: der Ford rast auf der Autobahn. High Speed, High Energy, Hyper Ventilation.

Entspanntes Chillen dagegen im letzten Take: "Moulinex", psychedelisch und plüschig, als hätten sich Ray Manzarek und Carlos Santana im Sommer der Liebe zusammengefunden und erstmal kräftig einen gezogen... In Wahrheit sind es Mr. Alfa und Senor 45, einer der Initiatoren der Popshopping-Compilation. Ihr "Moulinex" ist eine Orgie in Hammond und Wohlgefallen: das Tüpfelchen auf dem i, kein Aufwischer.

(kp)

 

 

Sampler 

Popshopping Vol.1

(Crippled Dick Hot Wax/EfA CDHW 069)

Na, können Sie damit noch ´was anfangen: Strahlerküsse, Minikillers, Moulinex, Fa, Ford Taunus und Opel Rekord? Lange her, schon klar. Zwischen 1960 und 1975, als "Easy Listening" noch keine Retro-Mode, sondern hochangesagt war. Auf den Plattentellern und in der Werbung. Die Kreuzung aus beidem hieß "Schallfolie". Eine biegsame, bunte Folie mit Abspielrillen. Ein give-away eben. Und das, was drauf war, war Kunst. Gutbezahlte, strikt funktionale Auftragskunst. Klang gewordene Brotjobs, die neben den strengen Vorgaben der Marketing-Etagen trotzdem noch Platz ließen für die Genialität ihrer Schöpfer. Zwischen 1960 und 1975: als die Werbekomponisten noch Klaus Doldinger, Christian Bruhn, Gert Wilden, Klaus Wüsthoff, Johnny Teupen und Luigi Pelliccioni hießen.

Vermutlich hätten Sie sich damals nicht träumen lassen, dass Freaks die Gratis-Folien tatsächlich sammelten - und einst bei EFA auf CD bündeln sollten. Gesagt, getan: Ergebnis liegt vor. Und macht Staunen in mehrfacher Hinsicht.

Zum einen über erwähnte Genialität der Macher. Trotz des Zwangs zu schlanken Melodien schlagen ihre Ideen Kapriolen, auch auf engstem Raum. Federleicht schrauben sich die meist euphorischen Harmonien empor, peitscht manischer Beat-Rhythmus die künstlichen Partys voran. Ziemlich krank, eigentlich.

Dann: der Zeitgeist. Grellbunt, sexy und flower-powig, wie vertonte Prilblumen die einen. Jazzig mit Bläser-Improvisationen, andere. Diabolisch polternde Soundtracks mit Big-Band à la Peter Thomas, wieder andere. Oder: mit schmatzendem Philly-Sound, schwül und soulig. Gegen Mitte der Siebziger, dem Ende der Zeitreise... Auch gern genommen: harte Breaks für gesprochene Parolen. Oder ein Calypso, Ende der Fünfziger Jahre. Das Wirtschaftswunder lässt grüßen. Luigi Pelliccioni übrigens lässt seine "Variationen K´71" um vier Töne kreisen: b, a, es und f. BASF. Und W. Breinigs "Space-Freizeit ´69" ist ein Weltraum-Ausflug, komplett in Hammond. Um nur zwei Schmankerl herauszugreifen...

Und zuletzt: die seltsame Liaison aus obszöner Kauf-Animation und unschuldigem Song-Reigen. Unter moralischen Gesichtspunkten ist "Pop-Shopping" ein Rotlichtbezirk. Marktwirtschaftlich pervertierte Tonkunst. Aber eben - spannenderweise - auch kein reiner Schlager, kein reiner Easy Listening, kein Beat und kein Jazz. Nein, die Takes auf "Pop-Shopping" inszenieren ihre eigene Scheinwelt, jenseits der Hitparaden, Konzerthallen und Tanzflächen.

Und das Format der Schallfolie hat dabei seinen besonderen Reiz: aus der Miniatur, dem Werbejingle, heraus entwickelt - und trotzdem so lang wie ein gewöhnlicher Song. Auf der Folie, der aufdringlichen Fernsehspots entledigt, durften die klingenden Werbeträger endlich das sein, was sie eigentlich waren: Musik.

P.S.: im Booklet gibt´s die ausführliche Entstehungsgeschichte des Albums, die Tatsachenberichte zweier Sammel-Süchtiger und ein Vorwort von Götz Alsmann.

(kp)

 


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