Singlekritiken

Juni/Juli 99

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Clinic

The second line

(Domino)

Es ist kaum einen Monat her seit der Clinic-Scheibe "Three EPs", auf der die bisherigen Singles der Liverpooler Band gebündelt sind, da flattert schon der Nachschub ins Haus: eine 3-Take-Single mit den Tracks "The second line", "Magic Boots" und "Dr. G.", keiner davon länger als 2´27, statt dessen einer sogar unter 2 Minuten!

Aber who cares, schließlich gehört der spleenig-spirrelige Schrammel-Rock der Gruppe zum Erfreulichsten, was mir in letzter Zeit untergekommen ist! Clinic-Songs sind immer etwas monoton, minimalistisch, spröde und schräg!

Auf dem Titelsong wird mehr gekeucht als gesungen, doch hier geht´s auch nicht um vokale Schlagsahne, sondern um kleine Kunstwerke mit Hang zur Abstraktion. Gitarre, Baß und Schlagzeug skizzieren ein Arrangement-Gerippe, im Hintergrund untermalen leicht gruselige Gesänge, und gegen Ende kreischen an sich selbst irre gewordene Harps los. Cool! Der Sänger hat ´was von Cure-Frontman Robert Smith und brilliert entsprechend nonchalant.

In "Magic Boots" klingen Clinic stark nach Pixies-Wiedergängern und schrammeln sich mit Vollgas den Weg frei. Heulende Lead-Gitarren und Berserker-Drums tun ihren Teil dazu.

"Dr. G." schickt bluesige Harmonica und Motown-Percussions mit viel Hall und der gewohnten Beharrlichkeit voraus. Unterbrochen wird diese Untermalung nicht etwa durch abwechslungsreichere Passagen oder neue Harmonien, nein, sondern allenfalls durch sstumme Breaks, in denen gar nichts passiert. Ja, die Strukturen stimmen schon, nur daß Clinic sie mit komplett verkehrten Vorzeichen versehen. In der Negation liegt die Kraft! Meine Ohren sagen Danke.

(Katja Preissner)

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Skinny

Friday

(Cheeky/Intercord)

Also, wenn diese Band mal nicht die große Feierabend-Offensive eröffnet: die Single-Auskopplung des Duos heißt "Friday", und der komplette Longplay gar "Weekend"! Und in der Tat, ein Hauch von Saturday Night Fever weht durch Skinnys Take, der in fünf verschiedenen Versionen auf der Scheibe vertreten ist, darunter ein Mix des Big Beat-Meisters Norman Cook.

"Friday" ist ein munteres Disco-House-Produkt mit souligem Fistelgesang à la Bee Gees, edlen Streicher-Samples, erdigen Piano-Bässen, federnden Disco-Gitarren-Riffs, Blubber-Loops und phatten Beats. Genügend retro, um alte Glam-Erinnerungen wachzurufen und gleichzeitig so up to date, wie es die Techno-erprobte Generation fordert.

Die verschiedenen Mix-Versionen weichen kaum voneinander ab (einzig der Drivair-Mix streckt das Stück auf Club-Länge, und Matty´s Mix tut desgleichen unter Acid-Bedingungen), mal ein paar Trillerpfeifen mehr oder weniger, mal etwas Latin-betonter, und sind allesamt gelungen. Wer ´was übrig hat für leichtfüßig-edlen Disco-Sound, liegt hier richtig. Dieser Song ist wie geschaffen für sommerliche Autofahrten bei offenem Fenster, ich glaub, ich hol mir wenigstens vom Schrottplatz ´ne ausrangierte Autotür, damit ich beim Hören meinen Arm raushängen lassen kann... Cool!

(kp)

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Doolally

Straight from the heart

(Alternation/Intercord)

Name-Hopping ist in der Club-Szene ein beliebter Sport: jeder Take ein neues Projekt. Und so stecken hinter Doolally keine Geringeren als Shanks&Bigfoot, deren "Sweet like chocolate" sich derzeit nolens volens in Jedermanns Gehörgänge fräst.

"Straight from the heart" ist ebenfalls ein Club-Track und mit ähnlich kindlichen Pieps-Stimmen versehen, aber ungleich munterer als die Schoko-Orgie. "Straight" ist schon der richtige Begriff für den Song, die mehrstimmigen Vocals sind straff geführt statt überzuckert, und schmissige Bläser verleihen der Sache zusätzliche Power.

Der "Tuff Jam Remix" legt die Betonung stärker auf Piano-Riffs und dezent sphärige Synthies, auch die Vocals kommen souliger rüber; insgesamt also etwas softer als der dagegen schrill wirkende Radio Edit.

Der "Bump&Flex Vocal Mix" verfremdet das Original wesentlich mehr, so zerfasert bleibt davon kaum mehr was übrig, und man muß schon sehr minimalistisch veranlagt sein, um daran Spaß zu haben, aber die Vorlage kann sich durchaus hören lassen!!!

(Katja Preissner)

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Deichkind

Kabeljau Inferno

(Showdown/Groove Attack)

Hamburg und HipHop und Güteklasse A und kein Ende in Sicht. Was ist nur los im hohen Norden, daß ständig 1A-Crews wie Pilze aus dem Boden schießen. Als Rezensent ist man heutzutage völlig überfordert und kommt derweil ins Rudern ob der vielen Superlative, die man in regelmäßiger Abfolge zücken muß. Deichkind sind da keine Ausnahme. Obwohl "Kabeljau Inferno" nur eine 5-Track-Single ist, muß unser- und euereins die Band im Auge behalten. Die Tracks "Kabeljau Inferno", "Profession" und "Schweiss & Tränen" gehen direkt und geschmeidig ins Ohr. Die Gag-Nummern "Darf Das Das?" und "Arbeitsamt" kommen gut rüber und kitzeln die Lachmuskeln. Die Deichkinder stehen auf eingängige Disco- und Old School-HipHop-Untermalung ihrer Rhymes, was dazu führt, daß alles sehr relaxt, lässig und locker von der Hand zu gehen scheint. Smooth und cool wollen sie sein und dieses Methode geht vollends auf - ohne auch nur eine Sekunde lang aufgesetzt oder unangepaßt zu wirken. So hätten eigentlich auch Teile des zweiten Albums von Fischmob klingen können. Oder nich'?

(kfb)

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James Last/Fettes Brot

Ruf Mich An

(Polydor)

In der Presse wurde bereits viel geschrieben über diese sicherlich einzigartige Konstellation: alter Hase der Orchester- und Showmusik trifft auf junge HipHop-Fraktion. Selbst in der 'Max' widmete man diesem Thema mehrere Seiten. Der Promo-Effekt ging jedenfalls nach vorne los. Fettes Brot sind wieder in aller Munde und liefern nebenbei zusammen mit James Last den kommenden Sommerhit ab. Produziert wurde diese Ohrwurm-Nummer natürlich in Lasts neuem Domizil in Florida. Der alte Hase bekochte die Jungs, entpuppte sich als sehr galanter wie kulanter Gastgeber und lieh den Drei aus Hamburg seine Tonspuren aus, damit diese neu arrangiert und dem Rap angeglichen werden konnten. Das Resultat dieser Puzzlearbeit gefällt. Mit dieser Single wird neben der durch das Radio und das Fernsehen bekannten Version noch eine ohne Gesang und natürlich der obligatorische Remix mitgeliefert. Die Cuts besorgte übrigens I.L.L. Will, der anscheinend die Nachfolge des abtrünnigen DJ Rabauke übernommen hat, der fortan ausschließlich für Eins, Zwo die Plattenteller zum Glühen bringen wird.

(kfb)

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Sven Franzisko oder Lotte Ohm

Hinter diesen Mauern (The Dungeon Keeper)

(WEA)

Sven Franzisko is back! Der ehemalige Bassist und Rapper der Überflieger Fischmob meldet sich nach einer kurzen künstlerischen Pause im Musikzirkus zurück. Dies geschieht in Form der Single "Hinter Diesen Mauern" (mit Originalversion und Radio Edit versehen), einem Stück, das er zusammen mit Lotte Ohm für den Soundtrack des Computerspiels "The Dungeon Keeper" geschrieben und aufgenommen hat. Dieser hatte in einem Secret Level des ersten Teil des Spiels ein Preisausschreiben entdeckt, das den Komponist einer Titelmelodie aufspüren sollte. Das war ganz nach dem Geschmack des spielsüchtigen Lotte Ohm. Über sein Management kam der Kontakt zum ex-Fischmobber zustande, der seinerseits sofort zusagte und sich mit Lotte ans Komponieren machte. Herausgekommen ist dabei ein waschechter HipHop-Track, der nicht nur wegen Svens Stimme auch auf dem Fischmob-Chartbreaker "Power" seine Berechtigung gehabt hätte. Der Text ist natürlich der Tunnel- und Fallen-Thematik angepaßt; die Beats satt und die Stimmung düster und bedrohlich. Ehrlich gesagt, könnte ich mir keine bessere Untermalung des Spiels denken, auch wenn ich es noch nicht kenne und es sich lediglich vor meinen geistigen Auge abspielt.

(kfb)

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JEM

Under my skin-EP

(EMI)

Der Mondmann auf dem Cover mit dem Goldfischglas auf dem Kopf verrät es schon: es soll recht spacig werden, aber die Füße stecken in normalen Halbschühchen, nicht in Moonboots - es sind also keineswegs nur Plastiktasten-Instrumente mit Knöpfen und Reglern zugelassen, sondern auch verdammt irdische E-Gitarren!

Zwar blubbert, wabert und schwebt es ziemlich synthie-lastig durch den Raum, aber die nölenden Saiten-Hooks behaupten sich tapfer und versehen den Sound mit der nötigen Schärfe, begleitet von ebenso lässig hingenöltem Gesang.

"Make it real" dagegem hat gefälligere, leicht folkige Gitarren und klangvolle Vokal-Harmonien aufzuweisen und fällt so etwas aus der Reihe.

Hinter JEM verbergen sich offensichtlich zwei Deutsche namens Peter Seifert und Michael Schäfer, zumindest zeichnen sie für die meisten Kompositionen ihrer EP verantwortlich - bis auf "Are friends electric?", ein Werk der New Wave-Ikone Gary Numan. Tatsächlich neigen auch JEM ihrer klanglichen Morphologie nach eher den 80ern zu, erkennbar poppig, dezent pathetisch mit bisweilen etwas schwerfälligen Melodien, die man als Hörer wohl als Ballade zu rezipieren hat. Nun, das Rad erfinden JEM nicht gerade neu, sie kokettieren auch nicht die Spur mit innovativen oder auch nur aktuellen Elektronik-Mätzchen. Macht aber nichts, insgesamt ist ihre EP ordentlich gemacht. Nur halt eher auf dem Stand von Apollo 13 als auf dem der Challenger oder der Mir, äh - kapito?!

(kp)

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T.One

Somewhere out there (Star Wars Main Title)

(Intercord)

T.One smilesHallo, wollt Ihr mir beim Packen zusehen?! Bin gleich weg, bevor dieser Scheiß hier die Charts stürmt... Wird er? Hhm, mal sehen, ist immerhin ein Anhängsel des neuen Star Wars-Blockbusters, und der dürfte so ziemlich jeden Dreck in Gold verwandeln. Hoffentlich ist der Streifen nicht so blöd wie dieses Lied. Mr. John Williams - so schon tot - dreht sich im Grab um, so schwuchtelig-schwülstig wird hier sein Original-Thema durch den Pop-Fleischwolf gedreht. Durch den European-White-Trash-Fleischwolf, denn als Produzenten hat man sich die der Superboys ("Ich wünscht, ich wär bei dir"...) geholt, und T. One bringt nicht nur Musical-Erfahrung mit, sondern sang auch schon bei La Bouche im Background. Wirklich ausgefüllt haben dürfte er allerdings nur seinen Job als Drummer (!) der "Golden Gospel Singers"(!). Hier nun säuselt er sich durch eine Weichspüler-Billig-Soul-Schnulze der schlimmsten Sorte im Lahme-Ente-Gang, daran ändern auch keine HipHop-Beats oder Echo-Response-Vocals was. Irgendwo da draußen verschlucke ihn ein schwarzes Loch, aber schnell, jawohl!

(kp)

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Singles im Mai '99

 


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