Singlekritiken

Dezember 99/Januar 2000

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Reamonn

Torn

(Virgin)

Achtung: diese Single gibt's vorläufig (Januar 2000) nicht im Handel. Sie ist als Appetizer gedacht, um eine Band vorszustellen, die im April ihr Debütalbum veröffentlichen wird: Reamonn. Ein Quintett aus Süddeutschland mit irischem Sänger. Produziert wurde "Torn" in der Nähe von Manchester von Steve Lyon (saß schon bei Depeche Mode, Cure etc. an den Reglern). So klingt's leider auch: zu professionell. "Wie kann etwas zu professionell klingen?" wird jetzt mancher fragen, wie Emmylou Harris auch gern fragt "Wie kann etwas zu schön klingen?" Nun, die Zutaten stimmen, das Potential ist da, aber trotzdem reißt es nicht vom Hocker. Zu breit der Gitarren-Crunch, zu kalkuliert der minimal verzerrte Gesang, zu spröde umgesetzt trotz Ohrwurm-Melodie. Ja, es rockt, die Zäsuren sind intelligent gesetzt und die Synthies perfekt drauf abgestimmt. Trotzdem klingt es nur nach langweiligem Pop-Hardrock. Vielleicht zeigt sich die Band ja auf dem Album vielschichtiger, und vielleicht kommt sie live besser rüber - möglicherweise im März, im Vorprogramm der Smashing Pumpkins.

(kp)

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Mogwai

E.P.

(Chemikal Underground/Zomba)

Einen Titel hat sie nicht, die neueste musikalische Errungenschaft der Glaswegian Post-Rocker Mogwai. Namen sind Schall und Rauch. Wichtig ist allein, dass jeder weiss, was er kriegt, wenn er ein Produkt von Mogwai in den CD Player schiebt oder auf den Plattenteller legt. Höchste Qualität würde zumindest ich mal behaupten - natürlich von einem völlig subjektiven Standpunkt aus betrachtet. Nicht, weil ich derzeit in Glasgow lebe und die Band live gesehen habe, auf der Aftershow-Party, zu der ich eingeladen war, ihr Bier wegtrinken durfte und, als ich betrunken in einer Stammbar sass, mich kurz mit dem kleinwüchsigen sympathischen Sänger unterhalten habe, sondern weil Mogwai mit Modest Mouse und Built To Spill zu den wenigen Bands gehören, die der Gattung Rock einen neuen Anstrich verpassen (können) und das Konzept von Gitarre, Bass, Schlagzeug und in diesem Fall Keyboards anstelle von Gesang auf ein neues Level heben.

Nun aber zu besagter Scheibe. Noch bevor sich Mogwai ins ferne Australien entschlichen hatten, um den Kontinent einen Monat zu betouren bescherten sie uns "E.P." als Dankeschön für unsere Treue und unsere Unterstützung und als Tip für unter den Weihnachtsbaum. Ihr solltet an dieser Stelle erfahren, dass das Quintett im britischen Königreich immer mehr an Bedeutung gewinnt. Selbst die nicht immer glaubwürdige und zitierbare Zeitschrift 'NME' hat der Band zuletzt eine Doppelseite gewidmet. Im schottischen Underground werden Mogwai seit langem zum besten Export gezählt. Das zeigt der Andrang der bei ihrem UK-Tour-Abschlusskonzert im Barrowlands in Glasgow herrschte. Fast 3.000 Menschen wollten sich das Ereignis nicht entgehen lassen. Natürlich waren "Stanley Kubrick", "Christmas Song", "Burn Girl Prom Queen" und "Rage: Man" (Ich hoffe ich habe die Titel richtig entziffert, die Covergestaltung macht es einem nicht einfach.) grösstenteils im Set integriert. Man will ja nicht dem Publikum neue Perlen vorenthalten. Ware ja nicht fair. Jeder der mit Mogwai in der Vergangenheit in Kontakt gekommen ist und dem besonders die letzten beiden regulären Alben "Mogwai Young Team" und "Come On Die Young" zusagen, sollte "E.P." ohne mit der Wimper zu zucken kaufen, bestellen oder kopieren.

Ich sage nur so viel: Licht aus, Kopfhörer auf und Platte an. Dann werden euch Mogwai auf eine phantastische Reise mitnehmen, die ihr so schnell nicht mehr vergessen werdet. Ich würde mir wünschen, ein jeder könnte die gleiche Begeisterung für diese Band mit mir teilen. Oder wäre das ihr Dolchstoss? Wie auch immer, Mogwais Musik ist schön, wunderschön um ehrlich zu sein. Sie ist ruhig, verfällt kurzzeitig in Wut und Hass, fängt sich jedoch ebenso schnell wieder ein wie dass sie sich einer gewissen Extrovertiertheit hingegeben hat. Ansonsten ist sie still, aber präzise in ihren Aussagen. Sie ist introvertiert und vielschichtig und birgt auch nach mehrmaligem Hören wieder und wieder zuvor nicht entdeckte Merkmale. Und sie berührt den Hörer in einer Weise, wie es selten Musik tut. Sie stösst bis in die Seele vor und erst dort entfaltet sie all ihre Schönheit. Genügt das?

(kfb)

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