Die Pfauenfeder

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4. November, ein Samstag

Seit heute nacht befinde ich mich auf einer doppelten Flucht. Nachdem wir uns vier Stunden lang über Neokonstruktivismus unterhalten hatten, war sie weichgeklopft und hat zu biografischen Konfessionen angesetzt. Wie sie zum Geheimdienst gekommen ist (hatte das ja vermutet); natürlich war eine schlimme Kindheit daran schuld. Der Vater notorischer SPIEGEL-Leser, die Mutter Fan von Peter Frankenfeld, dann der ältere Bruder, zur Melancholie neigend, was sich darin zeigte, dass er durch Addition der Schuhgrößen der Fußballnationalspieler „endlich einmal sechs Richtige im Lotto“ errechnen wollte. Schwarzes Schaf der Familie aber der jüngere Bruder: Er interessierte sich schon als Kind für Kleingärtnerei und erlernte schließlich den Beruf des Gartenzwergdesigners.

„Schlimm, schlimm!“ kommentierte ich, und Sylvia, dieser Engel, schmiegte sich an mich und flehte: „Nimm mich mit! Mit dir werde ich ein neues Leben beginnen!“ Ich sagte ja und nahm, als sie endlich eingeschlafen war, schleunigst Reißaus.

Jetzt also hier in diesem Kaff. Ich schlendere ein wenig durch die - Sie haben´s schon erraten - Fußgängerzone, kaufe mir Zeitungen an einem Kiosk und studiere die Schlagzeilen: „Wieder Kampfhandlungen in Nahost!“ „Grüne wollen Multikulti abschaffen!“ „Ursache des Flugzeugabsturzes auf Taiwan endlich geklärt: Falsche Rollbahn!“ Tz! Falsche Rollbahn! Was geschähe, wenn es mich jetzt hier in der Fußgängerzone erwischen würde? „Unbekannter in Fußgängerzone von LKW überrollt!“. Und zwei Tage später: „Ursache des Unbekanntenüberrollens geklärt: Falsche Gesinnung!“ Ja, ja, so wird es kommen, wenn ich nicht aufpasse.

Nach dem Frühstück wieder ins Internetcafé, wo aber alle Rechner besetzt sind. Wäre auch ne Taktik der Geheimbullen: Einfach alle Rechner besetzen, damit ich von meinem Heimathafen, dem geliebten HINTERNET abgeschnitten bin. Also noch einen Kaffee trinken und an Sylvia denken. Unser Gespräch über Neokonstruktivismus. Sie hatte mich noch gefragt, warum ich das denn „Neokonstruktivismus“ nenne. Sie nenne es... Da habe ich ihr den Mund zugehalten. Keine unflätigen Ausdrücke! Ich bin ein zivilisierter Mensch, und bei mir heißt das Neokonstruktivismus!

Irgendwann trollt sich ein pickliger Pubertant vom Rechner, ich sprinte hin und logge mich ein. Erstmal eine Mail an den Chefredakteur. Keine Antwort. Die neue Folge begutachten. Aha, ein Link funktioniert nicht ganz; wahrscheinlich Sabotage. Was da wohl jetzt so vor sich gehen mag? Traut sich der Chefredakteur überhaupt noch auf die Straße? Lauern sie dort schon? Vielleicht auch mit irgendwelchen Sylvias, die schlimme Kindheiten hatten? Nein, nein. Unser Chefredakteur ist charakterstark. Solange man ihm keinen Hundertmarkschein vor die Nase hält, würde er nicht einmal seine Großmutter verraten, und wenn, dann nur aus Versehen.

Versonnen tippe ich meine heutigen Mitteilungen. Irgendjemand tippt mir auf die Schulter, ich drehe mich um: Sylvia! Sie trägt ein verführerisches Kleid: ein Nichts, an dem ein Zettel hängt: Ich bin ein Kleid, auch wenn du mich nicht siehst. Sie lächelt mich an und macht mir einen Dududu-Finger. „Warum bist du denn abgehauen, du Schlimmer? Mach das nicht noch mal! Ich finde dich immer!“ Ich nicke resigniert, und Sylvia leckt sich die Lippen: „So. Und jetzt Neokonstruktivismus, bis die Schwarte kracht!“

 

 

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die Mitteilung von gestern