Die Pfauenfeder

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5. November, ein Sonntag

„Ha´m Sie das von dem Schmücker oder wie der heißt gehört? Dem Kinderschänder auf der Flucht? Jetzt hat er noch einen umgebracht! Ist das nicht skandalös? Freigang! Waaaahnsinn! Solchen Bestien! Übrigens mag ich leidenschaftlich gerne Erdbeereis. Und meine Mutter ist gestern 65 geworden. Ja, ja, ich hab im Lotto gewonnen und erfülle mir jetzt meinen Jugendtraum: Durch Deutschland mit dem Zug. Jeden Tag woanders. Und Sie? Auf der Flucht, was? Ha, ha, ha!“

So geht das seit zwei Stunden. Wir fahren durch die Sonntagnacht, und ein gnadenloses Schicksal hat uns in ein Abteil gesetzt, wohin es fünf Minuten später auch Herrn Hutschenreuther - „Gut´n Ab´md! Hutschenreuther mein werter Name!“ - verfrachtet hat. Sylvia ist eingeschlafen, ihr Engelskopf ruht an meiner rechten Schulter, ich rieche ihr Parfüm, lausche ihrem leisen Schnarchen, das mich angenehmer dünkt als des Hutschenreuther pausenloses Produzieren neuer mißratener Gedanken für die hörbare Welt. Er ist etwa in meinem Alter, sieht aber längst nicht so gut aus wie ich: abgeschlafft, übernächtigt, aber niemals müde, das Haar voll wie eine Scheune mit Heu, der Kopf leer bis auf die Maschine zur Herstellung unnützer Wörter. Ein Geheimagent? Kollege Sylvias? Weiß nicht. Mal abwarten.

„Dem Bush ha´m se vor 26 Jahren den Führerschein abgenommen! Zuviel gesoffen! Also ich trink ja nicht. Früher war ich bei den Pfadfindern. Ja, ja, das Wetter, es wird Herbst. Und die Palästinenser? Hörn Sie mir auf! Dieser Daum, also nein,nein, nein! Wen ha‘m se übrigens gestern aus dem Container geschmissen?“

Es ist nicht zum Aushalten! Der Mann muß Agent sein und mit der Psychomasche reisen. Ich quatsch den voll, bis er sich freiwillig stellt. Bin auch fast soweit. Beneide Sylvia um ihren Schlaf. Habe mich damit abgefunden, daß sie meine ständige Reisebegleiterin sein wird. Hoffentlich kommen wir bald an! Wo auch immer!

Wir sind da. Früher Morgen, Sonntag, alles menschenleer. Beim Aussteigen entwischen wir dem Hutschenreuther, ohne ihm gute Weiterfahrt zu wünschen. Er ist gerade auf dem Klo, als der Zug in den Bahnhof einfährt. In dessen „Restauration“ nehmen wir ein frugales Frühstück aus Bier, alten Semmeln und Streichkäse ein. Sylvia kommt langsam wieder zu sich. „Mensch, hab ich gepennt!“

Verdammt. Sie ist munter. Ich sage nur: Neokonstruktivismus. Aber wo? Vier Stunden später: Sylvia ist vor Erschöpfung eingeschlafen. Wir liegen auf dem Boden eines versteckten Pavillons im hiesigen Stadtpark, es ist kalt, naß, windig.

„Ach! Hier sind Sie! Ich hab Sie schon überall gesucht! Schläft Ihre Gefährtin schon wieder?“

NEIN! HUTSCHENREUTHER!

„Hab mir gedacht, wenn die reizenden Herrschaften hier aussteigen, kannst du das auch. Mir ist´s ja egal, wo ich bin. Hauptsache mit dem Zug durch Deutschland und jeden Tag woanders. Hab nämlich im Lotto gewonnen und mein Lieblingsessen ist Erdbeereis, das mir meine Mutter, die übrigens gestern 65 geworden ist, schon als Bub gekauft hat. Und den Schmückle oder wie der heißt ha´m die immer noch nicht! Wo leben wir überhaupt? Haben wir keine Polizei? Und der Geheimdienst? Wozu bezahlen wir denn die Brüder? Daß sie auf ihren faulen Ärschen rumsitzen? Die Telefone von harmlosen Bürgern abhören? Skandal! Ja, ja, das Wetter. Es wird Herbst, vielleicht ist ja schon Herbst. Ich hab übrigens im Lotto gewonnen. Aber erzählen Sie das bloß nicht meiner Mutter. Die ist gestern 65 geworden und würde das nicht verkraften. Gehen Sie mit Eis essen? Ich lad Sie ein!“

Himmel! Sei gnädig! Schick ein Erdbeben!

 

 

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