Die Pfauenfeder

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7. November, ein Dienstag

Fahrt durch die Nacht. Mir ist schlecht. Alle haben mich verlassen. Keiner liebt mich. Keiner hasst mich. Keiner verachtet mich. Keiner kennt mich. Ich bin nicht mehr existent. Ich habe mich aufgelöst wie eine Giftgaswolke, und alles atmet erleichtert auf.

Am Ziel. Ziel? Was ist Ziel? Alles scheint auf ewig das gleiche: Die Züge, die Bahnhofskioske, die TAZzen, die BILDzeitungen, die Croissants, die Fußgängerzonen, die schwadronierenden Rentner am Nebentisch. „Dass der Dingens da jetzt bei Big Brother aussem Container geflogen iss, find ich...“ Und warum das alles? Weil ich ein Mann von Ehre bin und dem Hutschenreuther in die ... Hatte gehofft, sie würden mir folgen, mich aufstöbern und sich bei mir entschuldigen, die Treulosen. Ich hätte ihnen natürlich nicht verziehen, aber ich hätte es bereut, ihnen nicht verziehen zu haben, und meine Einsamkeit wäre eine andere. So sitze ich jetzt hier und belade meine e-mail mit schweren, melancholischen Buchstaben.

„Sind Sie der berühmte Autor des hervorragenden Krimis DIE PFAUENFEDER?“ Ich werde starr vor Schreck und drehe mich mit angsterfülltem Blick um. Jetzt haben sie mich! Der Geheimdienst! Die Bullen! Weil doch Hutschenreuther, der Lottogewinner und Gefährtinnenverführer, ganz gewiß Anzeige erstattet hat wegen krasser Beeinträchtigung seines genitalen Leistungsvermögens. Aber nein. Das hier ist kein Bulle. Sondern ein recht harmlos wirkender Mann, Ende 30, mit einem Schreibblock in der einen, einem Kugelschreiber in der anderen Hand. Er schaut mich lächelnd an und fährt fort: „Ja, Sie sinds! Klasse, dass Sie hier in unsere Stadt gekommen sind! Ganz Deutschland spricht von Ihnen! Der Kleistpreis ist Ihnen sicher, selbst Reich-Ranicki schüttelt, wenn die Rede auf Sie kommt, anerkennend sein Haupt.“ „Und wer sind Sie?“ Der Mann verbeugt sich. „Winter mein Name. Journalist. Das heißt: Ich schreibe für das hiesige Lokalblatt. Eigentlich bin ich arbeitsloser Byzantinist. Aber wenn Sie mir ein Exklusivinterview geben würden, wäre ich bald nicht mehr hier, sondern bei der ZEIT. Und könnte endlich genügend Geld verdienen, um meine Familie zu ernähren.“

Wir gehen in die Caféteria, und ich erkläre mich bereit, drei Fragen zu beantworten. Herausragende Geister meines Kalibers und meines Grades an Mysteriösität beantworten niemals mehr als drei Fragen. „Möchten Sie noch einen Kaffee, bevor ich frage?“ fragt Winter. „Jetzt haben Sie nur noch zwei Fragen, mein Lieber.“ stelle ich unerbittlich fest. Winter zuckt zusammen. Dumm gelaufen! „Gut, dann hier meine zweite Frage....“ „Irrtum. Das war schon Ihre dritte.“ Winter widerspricht: „Das kann aber nicht sein! Ich gebe zu, irrtümlich und dummerweise eine sehr törichte Frage nach Kaffee gestellt zu haben, obwohl ich es doch gut meinte und Ihnen eine Erfrischung zukommen lassen wollte, die nicht auf Spesen gegangen wäre. Aber an eine zweite Frage kann ich mich nicht erinnern. Welche sollte das gewesen sein?“

„Genau diese!“ antworte ich. „Sie haben soeben gefragt, welche Frage das gewesen sein könnte! Ja, mein Lieber, Journalismus ist ein hartes Brot. Und bis in die ZEIT ists ein langer Weg!“

Winter schweigt für einige Sekunden und überlegt fieberhaft, welche letzte Frage er mir stellen könnte. „Stellen Sie nur Ihre Frage, Herr Winter!“ ermuntere ich ihn, aber er scheint sich nicht mehr zu trauen. „Ich habe auch nicht bis Ultimo Zeit, Herr Winter!“ drohe ich. Winter öffnet zaghaft seinen Mund: „Gut. Dann hier meine Frage: Welche Frage würden Sie jetzt am liebsten beantworten?“

Ich klopfe dem Journalisten anerkennend auf die Schulter. „Bravo, mein Lieber! So eine intelligente Frage ist mir noch nie untergekommen, und ich will sie Ihnen getreulich beantworten. Die Frage, die ich am liebsten beantworte, lautet: ‘Möchten Sie wissen, wo das nächste Bordell ist?´ Und meine Antwort: Ja! Immer! Sofort! Raus damit!“

„Eh, Alter, für dich ist da glaub ich ne Mail gekommen:“ Einer der unvermeidlichen PC-Pubertanten. Ich eile zum Rechner. Tatsächlich! Eine Nachricht meines Herausgebers! „Hallo, Autor! Wir müssen unbedingt miteinander von Angesicht zu Angesicht reden. Es sind unglaubliche Dinge passiert. Wo können wir uns treffen? Schlage vor: in xyz, beim dortigen Japaner. Bitte bestätigen. Morgen, 13 Uhr.“

Ich bestätige. Was kann nur passiert sein? Sollte ich den Kleistpreis eventuell doch nicht bekommen?

 

 

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