Die Pfauenfeder

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8. November, ein Mittwoch

Zum erstenmal seit dem Beginn meiner Flucht komme ich mit einem bestimmten Ziel in eine mir unbekannte Stadt: der Japaner. So klein kann eine Stadt gar nicht sein, als dass sie nicht siebzehn Italiener, neun Griechen und fünfunddreißig Türken hätte. Aber kaum eine ist so groß, dass sie mehr als einen Japaner beherbergt. Ich finde das gesuchte Lokal also schnell. Pünktlich um eins fährt der Chefredakteur in seiner neuesten Mercedes-Limousine vor, einer pinkfarbenen Sonderanfertigung mit eingebautem Webeditor und 347 intarsienartig in den Boden eingearbeiteten MP3-Dateien. In seiner Begleitung befindet sich eine mir nicht bekannte junge Frau: etwas verhuscht, kaugummikauend und nasebohrend. Sie wird mir, nach einem gnädigen „Na, wie gehts?“ des Chefredakteurs, von diesem als „die Neue“ vorgestellt. „Gib Pfötchen!“ fordert er „die Neue“ auf. Sie tut es. „Ich bin die neue Online-Kommunistin.“ „KOLUMnistin.“ verbessert der Chefredakteur und fügt entschuldigend hinzu: „Sie ist ja quasi noch in der Ausbildung.“

Wir bestellen natürlich Sushi und Sake, den „die Neue“ jedoch mit der Bemerkung „der ist ja warm!“ zurückgehen läßt. Der Chefredakteur kommt gleich zur Sache. „Also, mein Bester. Wie Sie wissen, haben wir uns vorgenommen, mit der Publikation Ihres Romans die Welt zu verbessern.“ Ich nickt eifrig. Genau! Des Redakteurs Miene verfinstert sich. „Und was ist seit der ersten Folge passiert?“ Ich zucke mit den Schultern. „Nun, ich will es Ihnen sagen. Für das Hochwasser in England kann ich Ihren Roman nicht verantworlich machen; noch fehlen mir die Beweise für einen, wie wir sagen, explizit kohärenten Zusammenhang. Aber dann die Sache mit den Schulden der Bahn. Wie erklären Sie sich die?“ Ich schaue sinnierend auf meine Stäbchen und schweige. „Sie schweigen? Gut; dann will ich Ihnen sagen, wie ich die Sache sehe. Sie sind auf der Flucht. Sie fahren ständig mit der Bahn. Trotzdem werden deren Schulden immer höher. Warum? Weil sie an Wochenenden das 35-Mark-Ticket benutzen! Weil Sie notorisch 2. Klasse fahren! Weil Sie nicht von den schmackhaften Angeboten des Zugrestaurants Gebrauch machen!“ Ich schlürfe meine Suppe und schaue zur „Neuen“, die mich jedoch demonstrativ übersieht. Der Chefredakteur fährt fort: „Der ursächliche Zusammenhang zwischen der Flucht des Kinderschänders Schmökel und Ihrer eigenen ist wohl klar. Daß sie den Burschen gestern gefaßt haben, will ich Ihnen als kleinen Pluspunkt anrechnen. Und außerdem...“ - Die „Neue“ sticht mit ihren Stäbchen wütend in den Reis. „....und außerdem soll Daniela, die doofe Kuh, ihre Pfoten von Karim lassen! Sonst schreibe ich eine ganz böse Kommune über Big Brother!“ Der Redakteur tätschelt ihr beruhigend die Wange. „Wird alles wieder gut. Außerdem heißt das KOLUMNE. Und bedenke: Immerhin gibt es bald ein Remake von ‘Drei Engel für Charlie´!“

Er wendet sich wieder mir zu. „Dann muss ich Ihnen leider noch mitteilen, dass wir eine merkwürdige Mail von einer gewissen und ebenso merkwürdigen Cristina aus Spanien bekommen haben. Sie schreibt u.a. ‘Vorsicht mit dem Koks!´ Was soll das heißen?“ Ich weiß es nicht und stecke meinen Kopf schnell in den Seetangsalat.

So geht das eine gute Stunde, bis aller Fisch verzehrt, alle Stäbchen zerbrochen und sämtlicher Sake - „der iss ja pißwarm!“ mokiert sich der Chefredakteur bei jedem seiner tausend Schlucke - in unseren Mägen schwimmt. Am Ende wird es dann doch noch ein gemütliches Beisammensein, und beim Abschied helfe ich der „Neuen“ galant in den Mantel.

In diesem Augenblick greift mich eine ebenso feste wie weibliche Hand im Genick. „Hab ich dich inflagranti ertappt! Da ist man mal EINEN Tag nicht da, schon schwänzelt der feine Herr um so ne dahergelaufene Schlampe!“ Und eine leider nur allzu bekannte Stimme im Hintergrund ergänzt: „Gibs diesem Sittenstrolch, Sylviamäuschchen! Ich bin Lottogewinner, Zugfahrer, Dessouskäufer und Inhaber einer 65jährigen Mutter! Ich weiß, wovon ich rede!“ Nein! Geht das schon wieder los!!!

 

 

 

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