Die Pfauenfeder

Zur Startseite

 

12. November, ein Sonntag

Was für ein Kaff! Wir sind in dem guten Glauben ausgestiegen, der Zug halte an einer regulären Station; leider hatte nur irgendein Idiot die Notbremse gezogen. Jetzt, da der Morgen graut, graut es uns nicht weniger: eine stark befahrene Durchgangsstraße, links und rechts geduckte Gehöfte, eine Bäckerei und vier Videotheken. Mehr ist nicht.

Meine an den nächstbesten Passanten gerichtete Frage nach einem „Internetcafé“ wird von dieser Kreatur mit dem Hinweis beantwortet, er persönlich trinke nur Koffeinfreien, „wegen der Pumpe“. Erst Sylvia gelingt es mit ihrer charmanten Art, ihm die Zusatzinformation zu entlocken, ja, ja, Bauer Grützig besitze wohl einen Computer. Dieser entpuppt sich später als Solartaschenrechner, aber das macht auch schon nichts mehr.

„Eh, gehtn hier ab?!“ fragen unisono die Punkerinnen Angie und Saskia angesichts eines korpulierenden Kuhpärchens. Auch Hutschenreuther brüskiert sich: „Nich ma ne Lottaannahmestelle ham die hier!“. Aber, vermeldet Solartaschenrechnerbesitzer Grützig („Der kann sogar malnehmen! Natürlich nur im Hochsommer!“), „in einer Stunde wird unsere neue Fußgängerzone eröffnet. Stargast ist Guido Westerwelle, bekannt von Big Brother!“ Die Vereinspräsidentin wird hysterisch. „Guido? Der Leibhaftige? Von der FDP? Der Partei der BWL-StudentInnen, die nichts besseres verdient haben? Ich flipp aus!“ „Das ist der Weltuntergang!“ jammert ein überraschend geschmackssicherer Haberkorn, und „Rotten“, unser Vereinshaustier, knurrt. Hm. Fußgängerzone. Natürlich. Aber wo? „Na hier!“ erläutert Grützig und zeigt auf die Durchgangsstraße. „Die erste liberale Fußgängerzone Deutschlands: Autos und Fußgänger sind gleichberechtigt: Der Stärkere gewinnt. Freies Spiel der Kräfte, sozusagen, new economy, Globalisierung. Wir haben allerdings die Höchstgeschwindigkeit für Fußgänger auf 7 km/h beschränken müssen, um die Autos nicht über Gebühr zu erschrecken.“ „Was?“ meldet sich Herr Dubrowski schüchtern, „Gebühr kostet es auch?“ -„Nur für Fußgänger“ beruhigt ihn Grützig. „Die Autofahrer sind eh schon die Melkschweine der Nation!“

Endlich ist es soweit. Tausende, Abertausende, nein, genau 37 Menschen, von denen sich 8 bei näherer Betrachtung als ländliche Nutztiere entpuppen, jubeln Guido Westerwelle zu. Der springt aus seinem Mercedes, eine Schere in der Hand, durchschneidet rasch das Band, schreit jovial „Und immer schön FDP wählen!“ in die fassungslose Menge, bevor er sich anschickt, die Limousine wieder zu besteigen. In zwei Stunden wartet der nächste Termin: Die große Versöhnungsshow auf Pro 7, „Alex und Jenny - vertragt euch wieder!“, moderiert von, na wem schon, Guido himself. Und abends schleunigst zu Sabine Christiansen gejettet, der apartesten Talkmasterin zwischen Güters und Loh. Ihr Thema: „Kann Guido Westerwelle Alex und Jenny wieder versöhnen?“

Fast also sitzt Westerwelle schon im Wagen und ist auf und davon. Doch er hat die Rechnung ohne Hutschenreuther gemacht. „Auf ein Wort, mein Generalsekretär!“ pöbelt er den dynamischen Jungpolitiker an. „Ja, bitte?“ antwortet der nervös und schaut auf seine Armbanduhr. „Sagen Sie“ fährt Hutschenreuther fort, „am Freitag habt ihr doch im Bundesrat beschlossen, dass; NPD-Mitglieder endlich untereinander heiraten dürfen und dass Schwulsein als verfassungsfeindlich verboten wird. Find ich grundsätzlich in Ordnung. Was aber ist, wenn man wie ich auf Frauen steht? Ist man dann lesbisch und damit verboten? Oder muss ich eine Neonazisse heiraten?“

„Interessante Fragestellung“ bestätigt Westerwelle. „Ich werde Sie bei meinem nächsten Big Brother - Auftritt mit den dortigen Insassen diskutieren.“ Sprichts, springt in seinen Wagen und rast von dannen. Zu schnell für zwei Fußgänger, denen auch die gesetzwidrige Überschreitung der Höchstgeschwindigkeit von 7 km/h nicht mehr hilft.

„Och, is der süß!“ schwärmen die Streunerinnen. Auch Sylvia schmachtet: „Gegen den ist Brad Pitt doch der ‘Rotten´ unter den Menschen!“ Und die Vorsitzende kann nur noch murmeln: „Wer jetzt nicht FDP wählt, ist selber schuld an seinem Glück.“

In diesem Moment macht das Gerücht die Runde, unweit des Festplatzes sei wieder mal ein Zug per Notbremsung zum Anhalten genötigt worden. Nichts wie hin! - kommt es wie aus einem Munde! Die Pfauenfeder-Reisegesellschaft ist sich ausnahmsweise einig!

 

 

[ zurück zur Hauptseite ]

Bitte besuchen Sie auch unseren Sponsor, ohne den wir diese Seite nicht kostenlos anbieten könnten!

 

 

 

die Mitteilung von gestern