Die Pfauenfeder

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17. November, ein Freitag

Nanu, was ist denn hier los? Schon als der Bahnhof des kleinen Städtchens briefmarkengroß in der Entfernung auftaucht, hören wir die Blasmusik. „Glück auf! Der Steiger kommt!“ - „Mein Lieblingslied!“ lügt Hutschenreuther. Der Bahnsteig ist schwarz von Menschen, ein roter Teppich ausgerollt, überall weisen festliche Blumenarrangements auf die Besonderheit des Ereignisses hin, von dem wir noch nicht wissen, welcher Art es sein wird.

„Etwa ein Empfang für Reinhard Klimmt, den ersten vorbestraften deutschen Ex-Verkehrsminister? Bekannt aus Film, Funk und Untersuchungshaft?“ mutmaßt Haberkorn, doch Sylvia tippt eher auf Christoph Daum, dessen negative Haarprobe spontane Jubellaune allüberall im Lande hat ausbrechen lassen. Nur Hutschenreuther weiß natürlich alles besser: „Ach was! Klimmt! Daum! Das gilt mir! Ich bin Lottogewinner, und ganz Deutschland bewundert mich dafür! Mal abgesehen von meiner Mutter, aber die ist ein Kapitel für sich.“

Als der Zug endlich hält und wir hinaus auf den Bahnsteig treten, wird sehr schnell klar: Der Empfang gilt uns! Der Bürgermeister des Ortes, angetan mit seiner goldenen Amtskette, umarmt den als ersten aus dem Wagen springenden „Rotten“ und erklärt ergriffen, die Umarmung dieses „aus dem Internet bekannten Haustieres“ gehöre zu den schönsten sensuellen Erfahrungen seines nun auch schon 60 Jahre währenden Lebens, ungeachtet er da nie ein Kostverächter gewesen sei, was Umarmungen angehe, davon wüßten die Frauen des Landkreises ein Liedchen zu singen.

Dann tritt ein kleiner, in seinem Kommunionsanzug steckender Mann vor, der sich als Werner Rübsam, „Vorsitzender des PFAUENFEDER-Leseclubs“, präsentiert. Er räuspert sich und beginnt mit seine Rede, welche, zusammengefaßt, darüber informiert, wie doch halb Deutschland, nein, dreiviertel von Europa und die ganze Welt Morgen für Morgen die bekannte Internetseite „www.hinternet.de“ ansteuerten, um sich die nervenzerfetzenden, wunderbar formulierten und in blendender humanistischer Tradition stehenden Folgen des phänomenalen Krimis „reinzuziehen wie Manna und Rütgers Club Sekt“. Ich erhalte sodann die Goldene Ehrennadel des Pfauenfeder-Leseclubs, meine Mitreisenden jedoch nur die Silberne, was gewisse Verstimmtheiten auslöst, die aber vom nächsten Programmpunkt weggeblasen werden.

Auftritt des Jungfrauenchores. Zwölf ausgesuchte, garantiert unbeschädigte Jungfrauen, sämtlich Schülerinnen des örtlichen „Andi Möller Gymnasiums“, singen das wunderschöne deutsche Volkslied „Beim ersten Mal, da tuts noch weh“, wobei sie in ihren aparten wallenden weißen Gewändern, unter denen kein Triumph-Büstenhalter die Phantasie hemmt, hin und her wippen. Hutschenreuther, kaum mehr zu halten („Garantiert echt sind die? Notariell beglaubte Jungfrauen? Daß ich das noch erleben darf!“), stürzt auf das singende Dutzend zu und busselt jede einzelne der zirpenden Jungfrauen ausgiebig ab. Sehr peinlich.

Anschließend werden wir in mit Samt und Seide ausgeschlagenen Sänften zum Marktplatz getragen, wo ein opulentes kaltwarmes Büffet unter freiem Himmel auf uns wartet. Daß ich die ganze Zeit über Autogramme schreiben, Kleinkinder segnen und Lahme berühren muß, auf daß sie wieder sehen können, versteht sich fast von selbst. Elfriede und Sylvia, beide beinahe platzend vor Stolz, drängen sich an meiner Seite, die Punkmädchen Angie und Saskia kommentieren das Szenario wie üblich mit „Das ist ja megafascho!“, Dobrowski ist ganz bleich vor Schüchternheit, Haberkorn erstaunlich forsch und eifrig dabei, „neues Blut für den Verein“ zu rekrutieren, welches, was gar nicht erstaunlich ist, in den prallen Leibern ebensolcher Damen zirkuliert. „Und nun“ hebt der Bürgermeister an, nachdem er sich selbst erhoben und mit dem Käsemesser gegen das Sektglas geschlagen hat, „und nun“ wiederholt er, nun mit dem Sektglas gegen das Käsemesser schlagend, „und nun“ zum Dritten, jetzt sowohl mit dem Sektglas wie auch dem Käsemesser weit ausholend und... „und nun“ - er schaut auf seine blutende Rechte mit all den Glassplittern -„und nun: unser Stargast, der die äußerst feierliche Lobrede auf den famosen Autor der PFAUENFEDER halten wird: kein Geringerer als Guido Wes....“ Ich erwache schweißgebadet und am ganzen Körper zitternd. Der Zug rast durch die schwarze Nacht. Ein Alptraum! Gottseidank!

 

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