Die Pfauenfeder

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20. November, ein Montag

Die schrecklichen Ereignisse, welche die Grundfesten des PFAUENFEDER-Reisevereins erschüttern, haben natürlich auch ihr Gutes: Als Ermittler im Mordfall Unbekannt genieße ich plötzlich eine bis dato mir nicht entgegengebrachte Autorität, besonders dann, wenn ich nachdenklich im Zug sitze und scheinbar weltentrückt aus dem Fenster starre. Dann raunen meine Mitreisenden respektvoll: „Achtung, er denkt wieder!“ und lassen mich in Ruhe.

Und es ist auch wirklich so. Ich denke. Aber was? Nur einen einzigen Satz. Er lautet: „Verdammt, was könnte ich nur denken, um endlich eine Idee zu bekommen, wie ich den Fall lösen könnte?“

So fuhren wir wieder durch die Nacht. Während die anderen ihren unverdienten Schlaf genossen respektive Dinge taten, die man tut, wenn man nicht schläft, aber zufällig in einem Bett liegt, saß ich am Fenster, starrte hinaus und dachte meinen Satz. Da, plötzlich, wurde es vor meinem inneren Auge sehr hell, fast gleißend, eine überirdische Orgel spielte den Radetzkimarsch und eine wunderbare, ätherische, weißgewandete Frau wurde sichtbar. Die gute Fee! Sie sah mich mitleidig an und sprach alsdann mit mildtätiger Stimme: „Na, du Idiot? Immer noch keinen Schimmer? Wundert mich nicht! Männer! Suche eine sehr blonde, sehr weise Frau auf, die kann dir bestimmt weiterhelfen.“ Sprachs - und war verschwunden.

So kommt es, daß ich, kaum ist der Zug im Bahnhof angelangt, dem nächsten EDUSCHO-Stehcafé zueile, denn dort habe ich mich mit meiner alten und sehr blonden Freundin Gabi Scheer verabredet. Sie hat nach zwei turbulenten Ehen mit Noddy Holder, dem Gitarristen der Beatgruppe SLADE, sowie dem finnischen Drogenbaron und Großsaunabesitzer Häkki Wällju nicht nur etliche hundert Millionen Abfindung eingesackt, sondern auch als nunmehrige Gabi Scheer-Holder-Wällju unbegrenzte Macht über die internationalen Aktienmärkte. Endlich erscheint sie: sehr blond, wie gesagt, in einem sündhaft teuren Daxfellmantel - fürwahr der feuchte Traum eines jeden rüstigen Rentners und Kleinaktionärs.

„Hi!“ grüßt Gabi, „holst du mir nen Kaffee? Ich lad dich natürlich ein. Zahlst du? Ich habe mein Portmonnaie vergessen.“

Wir schlürfen unseren Kaffee, und ich erzähle Gabi von unserem speziellen Problem. „Das ist doch kein Problem!“ lacht Gabi und schneuzt sich in ein Papiertaschentuch mit der Abbildung einer Telekomaktie. „Du mußt jeden deiner Mitreisenden seine Lebensgeschichte erzählen lassen. Einer wird sich verraten, und das ist dann der Mörder.“

„Ich bewundere deine Weis- und Blondheit!“ jauchze ich. Denn tatsächlich besitzt Gabi einen Intelligenzquotienten, der, durch 2 geteilt, die Quersumme 1 ergibt - wie bei Albert Einstein! Außerdem hat Gabi die Programmiersprache JavaScript, das Rad und die abwaschbare Kleinaktie erfunden - da guckt Einstein nur noch neidisch aus der Wäsche.

„So.“ sagt Gabi. „Ich muß aber gleich wieder gehen. Meine Diamantensammlung aus der Reinigung holen. Kannst du mir zufällig zweitausend Eier leihen? Mein Portemonnaie, du verstehst....“

Nach dem Empfang des Geldes („Du kriegst es wieder! Keine Sorge! Ich muß nur mein Portemonnaie finden! Hatte ich überhaupt eins? Hm...“) verabschieden wir uns. Die gute Fee hat Recht behalten! Eine sehr blonde, weise Frau hat mir den Weg gewiesen. Ich werde ab morgen jeden meiner Mitreisenden einem strengen, furchtbar investigativen, brillanten Verhör unterziehen - und spätestens an Weihnachten haben wir den Mörder! Versprochen! Ich trinke meinen Kaffee aus und beobachte, wie Gabi draußen in der Fußgängerzone einem dort postierten Bettler fünf Aktien der „In-drei-Tagen-bankrott-AG“ andreht. Dann geht sie zur Reinigung. Müden Schrittes, denn als Karrierefrau ist sie immer im Streß. Arme Gabi! Blonde Gabi!

 

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