Die Pfauenfeder

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21. November, ein Dienstag

Ganz Deutschland diskutiert, wie es mit einem Staatswesen weitergehen soll, in dessen Fußballbundesliga eine Mannschaft, deren Trainer Berti Vogts heißt, die Tabellenspitze erklommen hat. Ist das schon die in der Bibel prophezeite Apokalypse? Oder einfach nur dumm gelaufen?

Uns plagen derweil andere Sorgen. Per Losentscheid wurde der schüchterne Herr Dobrowski dazu verdammt, als erster seine Lebensgeschichte zu erzählen, auf daß er sich als Mörder verrate und seiner gerechten Strafe zugeführt werden kann. Voller Erwartung sitzt die gesamt PFAUENFEDER Reisevereinsmann- und frauschaft in einem Kreis um Dobrowski, der sich sichtlich unwohl fühlt und nur schleppend erzählt. „Lauter! Schneller!“ ruft der unsensible Hutschenreuther dem armen Objekt des ersten Verhöres zu.

„Also“ beginnt Dobrowski, „ich wurde als drittes von zwei Kindern 1968 geboren, woran man unzweifelhaft erkennt, dass ich ein Leben voller Ignoranz und verweigerter Elternliebe habe führen müssen. Mein Vater war ein berüchtigter Studentenführer, der zur Zeit der Unruhen anläßlich des Schahbesuches in Berlin 1967 wacker Molotowcocktails gegen das Springerhaus warf. Just an dem Abend, da Benno Ohnesorg erschossen wurde, lernte mein Vater meine Mutter kennen und vernachlässigte daher seine Pflicht, welche darin bestand, den armen Ohnesorg zu beschützen. Denn eine Fee hatte schon bei Bennos Geburt geweissagt, das Kind werde dereinst in die Geschichtsbücher wandern, aber nicht so, wie man es sich jetzt vielleicht vorstelle, und darum solle immer ein bewaffneter Mann in seiner Nähe sein und alle erschießen, die ihrerseits den Benno erschießen wollen. Dieser Mann hätte mein Vater sein sollen, aber er übte lieber den Geschlechtsakt mit meiner Mutter, einer antiautoritären Kindergärtnerin aus. Das Ergebnis war ich, der ich neun Monate später das Licht der Welt erblickte und quasi zum personifizierten memento mori wurde, zu einem unerwünschten Balg, das meinen Vater immer an seine Pflichtverletzung damals in Berlin erinnerte. Hinzu kam, daß meine Eltern unvorsichtigerweise mich zu Ehren Benno Ohnesorgs nach ihm benannten!“ „Was!“ prustete Hutschenreuther, „Sie heißen Benno? Das ist ja ein Scheißname!“

Dobrowski wurde rot und blaß zugleich. „Nein“ sagte er sehr leise, „nicht Benno. Ohnesorg. Ohnesorg Dobrowski.“

Nachdem sich das Gelächter und Feixen der Anwesenden gelegt hatte, fuhr Dobrowski in seiner Geschichte fort. „Mein Vater ist dann später, wie fast alle 68er, in eine Lebensphilosophie abgeglitten, die man eine Mischung aus Okultismus, Katholizismus und Porngrafie nennen kann. Er betätigte sich schriftstellerisch, wenngleich ohne jeden Erfolg, und selbst sein opus magnum, das Sachbuch ‘Die Hitparade der dicksten Möpse unter Berücksichtigung des Buches Hiob“ wurde zum Ladenhüter. Meine Mutter war eine eher stille Frau. Sie schleppte mich und meine Geschwister durch antiautoritäre Kindertagesstätten, in denen man uns zwang, repressionsfrei zu leben. Wollten wir dies nicht, gabs ein paar hinter die Löffel, und das war uns auch recht so. Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich zwölf war. Ich beendete die Volksschule, erlernte den Beruf des Bürokaufmanns, machte mich mit 17 als Immobilien- und Gebrauchtwagenhändler selbständig, besaß mit 20 eine Villa mit Tessin und einen Harem aus Lustknaben, woraus Sie aber bitte nicht schließen mögen, ich sei homosexuell gewesen. Man hatte mir einfach niemals gesagt, daß ein Mann auch heterosexuell sein kann. Mit 22 machte ich pleite und verlor alles. Mit 24 gelang es mir, günstig ein gebrauchtes Abitur zu erwerben und ein Studium der Paläontologie zu beginnen, welches ich mit 28 erfolgreich abschloß. Leider wurde ruchbar, daß mein gebrauchtes Abitur keinen TÜV mehr hatte, und man erkannte mir mein Diplom wieder ab. Ja - und jetzt sitze ich hier.“

Wir waren erschüttert. Ich befand, Dobrowski habe wahrlich Grund genug, einen Mord zu begehen, und falls sich herausstellen sollte, daß der Ermordete sein Vater sei, so könne man Dobrowski ganz oben auf der Liste der Verdächtigen plazieren.

„Oder wenns der Schah ist!“ lachte Hutschenreuther, wurde aber von Sylvia und Elfriede zur Ordnung gerufen. Die beiden Damen hatte Dobrowskis Bericht besonders ergriffen, besonders die Passage mit der nicht gelernten Heterosexualität. Und so endete das Verhör mit dem Auszug des Trios Sylvia, Elfriede und Ohnesorg Dobrowski, die, wie Sylvia mitleidvoll kommentierte, „ein paar Grundlagenkenntnisse in praktischer Heterosexualität workshopmäßig rekapitulieren“ wollten.

„Morgen bin ich dran!“ drängte sich Hutschenreuther vor. „Mir hat das mit dem Hetero auch nie ein Schwein erzählt!“

Wer’s glaubt..

 

 

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