Die Pfauenfeder

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22. November, ein Mittwoch

„Ich weiß nicht, ich weiß nicht.“ murmelt Hutschenreuther heute morgen am Bahnhofskiosk, wo wir uns mit den neuesten Zeitungen eindecken, „aber kein Schwein hat bislang etwas über unseren Mord geschrieben. Merkwürdig, nicht?“ Da hat er nicht ganz unrecht. Es scheinen höhere Mächte im Spiel zu sein, die ein Interesse daran haben, die Tat zu vertuschen.

„Dabei“ fährt Hutschenreuther fort „steht in den Käseblättern nix als Mord und Totschlag, Gewalt und Terror! Da! Die Queen hat einem Fasan den Hals umgedreht! Helmut Kohl hat ein Tagebuch geschrieben! Wieso hat eigentlich der Fasan kein Tagebuch geschrieben und die Queen Helmut Kohl den Hals umgedreht?“ Das frage ich mich auch.

Wir suchen uns gleich ein hübsches Hotelzimmer, in dem wir die Verhöre der PFAUENFEDER-Reisevereinsmitglieder fortsetzen können. Diesmal hat das Los die kleine Saskia getroffen. „Das sind ja Faschomethoden!“ echauffiert sich die, doch nachdem ihr Hutschenreuther von den Strafen erzählt hat, die auf Verweigerung der Aussage stehen („Schulbesuch bis zum Abwinken! Täglich Füße waschen! Keine Sasha-CDs mehr!“), beginnt sie grummelnd mit der Reportierung ihres erfreulich kurzen Lebenslaufes.

„Also, ich bin die Saskia, gell? Meine Alten total uncool. So bürgerliche Scheiße, nur Heinoplatten im Haus und kein Dope weit und breit. Eh, und das mit der Schule erst! Nix wie Kopfwichser, Glatzen und Häkeltussis! Jo. Und dann kam Johnny. Der war erst 12, aber schon verdammt cool. Stand auf Punk, echt geil! Da bin ich voll drauf abgefahren und von zuhaus weg und bei Johnny eingezogen, und das warn Schock! Die hatten nämlich IKEA-Möbel daheim! Und Johnny hatte so´n schwerfascho BILLY-Regal von IKEA, und da standen so Sachen drin, so Bücher zum Lesen und so, und hinter den Büchern hab ichs dann entdeckt!“

„Die Kondome?“ entfährt es dem lüsternen Haberkorn.

„Ach was! Wenns ja das gewesen wäre! Nee! Ne Phil Collins Platte! Ich natürlich sofort weg. Werf mich doch nicht so´nen Schmalzdackel an den Hals! Hab dann glücklicherweise Angie getroffen, und die war damals echt megageil cool.“

„Was heißt ‘damals“?“ meckert die Erwähnte.

„Na ja, ich mein: Heut biste ja so´n bißchen zickig und bürgerlich sentimental.“

„Ich?“ Angie ballt beide Fäuste und trifft Anstalten, das mit der bürgelichen Sentimentalität handgreiflich vom Tisch zu wischen. „Na ja, wer hat denn gestern gesagt, das mit nem Kind wäre vollätzend und könnt man sich vorstellen? Wer glotzt immer in die Schaufenster von HERTIE, wenn da Kinderwagen und Kinderklamotten ausgestellt sind? Hä?“

„Und wer hört diesen Sasha, diesen impotenten, total verfickten Schwuchtelersatz?“

„Meine Damen!“ greife ich energisch ein. „Vergessen Sie bitte nicht, daß wir hier sind, um ein Verbrechen aufzuklären! Ein feiger Mord ist geschehen! -Aber ich denke, wir können das Verhör beenden. Die ins Kreuzfeuer genommene weibliche Person hat offensichtlich kein Tatmotiv.“

„Das seh ich aber anders!“ opponiert Hutschenreuther. „Vielleicht war der Tote ja Phil Collins oder sah ihm ähnlich! Oder dieser Johnny? Nee, zu alt.“ Elfriede streichelt der heulenden Saskia zärtlich über das gegelte Haupthaar. „Sie ist doch noch ein Kind!“

„Kind, Kind, Kind!“ meckert Hutschenreuther weiter, „ich war auch einmal ein Kind. Als ich noch kein Lottogewinner war! Na und?“

„Das stimmt.“ pflichtet Dobrowski bei, „wir alle waren einmal Kinder, sogar die Queen war mal eins. Und die hat einem Fasan den Hals umgedreht. Und Helmut Kohl war mal ein Kind. Und selbst Berti Vogts. Nur Guido Westerwelle....“

„Genau!“ meldet sich die bis dahin stumme Sylvia zu Wort. „Bis auf Guido Westerwelle waren wir alle mal Kinder und müßten wissen, was das bedeutet. Sadismus, Zynismus, Menschenverachtung!“

Wir nicken resigniert mit den Köpfen. Ja, ja, daran besteht kein Zweifel.

 

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