Die Pfauenfeder

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24. November, ein Freitag

Noch immer stehe ich unter dem Eindruck der merkwürdigen Ereignisse dieses Tages, welche damit begannen, daß der Hund „Rotten“ per Losentscheid als nächster Verhörkandidat auserkoren wurde. „Na, das wird ja ein kurzes Vergnügen!“ witzelte ich, wurde aber von Hutschenreuther darauf aufmerksam gemacht, man könne duch einfachste Hypnosetechniken selbst ein Tier zum Reden bringen, das sei wissenschaftlich erwiesen. „Und zwar genau dann“ dozierte Hutschenreuther weiter, „wenn das Tier die direkte Wiedergeburt eines Menschen ist. Wie beim Dalai Lama.“

Wir alle lachten nun lauthals ob solchen Aberglaubens, doch sollte uns das Lachen schnell vergehen. Hutschenreuther verließ eilig das Hotel und kehrte wenige Minuten später mit einer Kalbshaxe zurück. Er schwenkte sodann das leckere Gebein langsam vor „Rottens“ Augen hin und her, wobei er Schnarchtöne von sich gab, um dem Hund zu bedeuten, er solle gefälligst in eine schlafähnliche Trance verfallen und offenbaren, welchen Wiedergänger er beherberge.

Wohl feuerten Angie und Saskia, die Hundebesitzerinnen, ihren Köter dahingehend an, er möge sich das Extrafrühstück nicht entgehen lassen und möglichst auch noch 250 Gramm gut abgehangenen Hutschenreuther abbeißen. Doch das Allermerkwürdigste geschah: Der Hund fiel um und streckte alle Viere von sich, sein Maul ließ zunächst Schnarchlaute heraus, dann jedoch - uns lief es kalt über die Rücken - ertönte eine tiefe, hohl klingende Stimme wie aus dem Jenseits.

„In eines Hundes stolzen Leib / so kam ich auf die Welt. / Und darf nun hier zum Zeitvertreib / bellen, bis die Kartoffel pellt.“ „Mönsch, Rotten, du kannst ja dichten! Das ist ja supergeiler Gangsta-Rap!“ riefen die Punkerinnen wie aus einem Mund. Hutschenreuther belehrte sie: „Das ist nicht Rotten, der da spricht, sondern der Wiedergeborene. Wer bist du? Nenne deinen Namen!“

Und die geisterhafte Stimme antwortete: „Mein Name, der ist wohlbekannt, /Man nennt mich auch den Dichterfürsten. / Nun streife ich durchs deutsche Land / und schnappe nach Lyonerwürsten.“

„Meine Fresse!“ entfuhr es der Abiturbesitzerin Elfriede, „das ist Goethe!“

„Rotten“/Goethe bestätigte: „So hieß damals in Weimar ich, / als ich den Dr. Faustus schrieb. / Zu Mittag aß ich Stäbchenfisch, / bevor ichs mit den Weibern trieb.“

Ich faßte mich und stellte die entscheidende Frage: „Herr Minister Goethe! Ich habe mit Bewunderung fast jedes Ihrer Werke gelesen, bis auf die ‘Blechtrommel´, die war mir zu lang. Dennoch muß ich Sie fragen: Haben SIE den Mord begangen?“

Für einen Moment herrschte Stille. Dann entkam es dem Hundemaul: „Wohl lebte ich nicht ohne Tadel / Hab manches krumme Ding gedreht. / Doch hing ich weder an der Nadel / noch hab ich Hälse umgedreht.“

„Gedreht - umgedreht“ murrte Hutschenreuther, „Sie sind rein endreimmäßig aber leicht außer Form, mein Bester!“

Goethe ignorierte die Kritik und fuhr fort: „Mit meinem Freund, dem Schiller Fritz / Da war es ganz besonders toll. / Wir raunten uns manch schmutzgen Witz / und laberten die Weiber voll. / Als Dichter war er eine Flasche, /doch Friede seiner armen Asche. / Heut wählt´ ich mir an seiner Stelle / den Nachwuchsdichter Westerwelle. / Und eines muß zum Schluß ich nennen / ach, nein, ich muß es gar bekennen: / Der größte Dichter des Jahrhunderts / heißt Rudolph Dieter Paul - wen wundert´s!“

„Blöder Hund!“ schrien da plötzlich alle (mich ausgenommen) und verpaßten dem armen Tier manchen üblen Tritt. Hutschenreuther indes war in höchster Erregung und fragte hastig: „Bevor Sie wieder Hund werden, Herr Minister, noch eine Frage! Sie können doch auch in die Zukunft sehen, nicht wahr? Wie lauten die morgigen Lottozahlen? Schnell, schnell, bevor die Annahmestellen schließen!“

Dabei fuchtelte er wie wild mit der Kalbshaxe vor „Rottens“ Gesicht, so daß dieser aus seiner Trance erwachte, sofort zuschnappte und, wie erhofft, neben der Haxe auch ein erfreulich großes Stück aus Hutschenreuthers Hand riß. So endete diese merkwürdige Begebenheit doch noch durchaus zufriedenstellend.

 

 

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